Predigt zu 1. Samuel 2, 1.2.6-8a

Predigt über 1 Sam 2,1-2. 6-8a
"Hanna betete und sprach: "Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels wie unser Gott ist. Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse." (1 Sam 2,1-2. 6-8a)

1. Anfänge. Immer wieder Anfänge im Verlauf der Geschichte, die das Alte Testament, das Gedächtnis Israels, erzählt. Nicht nur jener Anfang, als Gott Himmel und Erde schuf, sondern viele solcher Anfänge, eben Neuanfänge: Der Bund nach der Sintflut – ein Neuanfang. Es war ein Mensch im Lande Ur, der hieß Abraham – ein Neuanfang, mit dem die Geschichte der Mütter und Väter im Glauben beginnt. Der Auszug aus Ägypten – ein Neuanfang, mit dem die Erlösung des Volkes und die Zeit in der Wüste beginnt. Der Schritt der Israeliten in das Gelobte Land – ein Neuanfang, mit der die Eroberung des Landes beginnt, von dem das Josua- und das Richterbuch erzählt. Und diese Zeit endet mit der Feststellung, dass nun Israel Frieden hatte im Land; aber das ist auch nicht ein 'Ende gut, alles gut', sondern nun rufen die Autoren der Bibel die Zeit der Könige in Erinnerung, Saul, David, Salomo und deren Nachfolger bis zur Zeit des Exils in Babylon. Und diese ebenfalls immer wieder von Neuanfängen durchbrochene Geschichte der Könige beginnt mit der Geschichte der Hanna, einer Frau, die wie so viele der Frauen von denen die Bibel berichtet, keine Kinder gebären kann. Im ersten Kapitel des Samuelbuches verweilt die Erinnerung Israels dabei, dass diese Frau im Tempel verzweifelt um ein Kind betet; und sie wird schwanger – ein Neuanfang im Neuanfang: Ein Sohn, Samuel, der der später Saul und David zum König salben wird. Und sie, Hanna, geht im Jahr nach ihrem verzweifelten Gebet wieder in das Heiligtum und singt dort dieses Lied, den Predigttext, den wir gehört haben, von dem Gott, der durch den Tod zum Leben führt und der den Armen aus dem Staub erhebt. 

2. Das Alte Testament, das Buch der Erinnerung Israels, das Gedächtnis Israels. Wie ein Mensch sich an sein Leben erinnert, so erinnert sich Israel an seine Geschichte. Wie erinnern Sie sich an Ihr Leben? Wie war Ihr Leben, wie ist es verlaufen? Wenn ich Sie so frage, erinnern Sie sich bestimmt sofort an einige zentrale Geschehnisse. Bestimmte glückliche Erfahrungen und bestimmte Schicksalsschläge – die sind da, eingebrannt in unser Gedächtnis, weil sie unser Leben geprägt haben, weil sie zu dem roten Faden gehören, der unser Leben durchwebt, der rote Faden, der uns unser Leben zusammenfassen lässt, manchmal, wenn wir zurückblicken. Dann sagen wir 'Ich habe immer nur Pech gehabt'. 'Ich bin immer nur verlassen worden'. 'Nichts ist mir gelungen'. Oder aber: 'Ich habe vieles zustande gebracht'. 'Es war vieles umsonst – aber dies oder jenes: das habe ich richtig gut gemacht'. Oder aber: 'Unverdientes Glück – das ganze Leben'. Oder: Dass ich diesen oder jenen Menschen kennenlernte – das hat mein Leben verändert und geprägt'. Oder: 'Eigentlich war es alles ein unverdientes Geschenk'. Wir erinnern uns an einzelne Geschehnisse, die wie Inseln aus dem Meer des Vergessens herausragen. Einzelne Geschehnisse, die unserem Leben eine Richtung gegeben haben, die es verständlich machen, die es uns erlauben, eine Summe zu ziehen – von 'ich war immer unglücklich' bis hin zu 'ich war behütet und bewahrt'.
So erinnert sich Israel, erinnert sich an seine Geschichte als eine Geschichte unverhoffter Neuanfänge, erinnert sich an eine Frau, deren Leben nach einer langen Zeit der Kinderlosigkeit plötzlich einen neuen Anfang nimmt, erinnert sich nicht einfach an dieses Ereignis wie an ein historisches Geschehen, sondern zieht eine Summe. Israel spricht nicht nur von dem damaligen Ereignis, sondern erkennt da einen Grundzug seiner Geschichte: dass sich in einer Zeit der Verzweiflung plötzlich und unerwartet Lebensglück einstellt. Dass wir dem Tode nah sind und gerettet werden. Dass wir arm sind und reich werden. Dass wir erniedrigt und erhöht werden. Und sie fassen diese Erfahrung zusammen, sagen, dass sie genau da Gott erfahren. Da erfahren wir es, dass unser Leben einen Grund hat, auf den wir uns verlassen können: "Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist." Man kann sich auf vieles verlassen, sagt Israel, wir verlassen uns darauf, dass alle Wirklichkeit in einer Hand ist und von einer Hand bestimmt ist, die das Leben will: Die tötet, die aber durch den Tod hindurch lebendig macht.

3. Wie Israel, so erinnert sich auch die Christenheit. An Karfreitag und Ostern an den Tod und die Auferstehung Jesu von Nazareth. Erinnert sich daran, wie er da starb: Am Kreuz hängend mit dem Schrei: "Eli, Eli, lama asabtani – mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Erinnert sich daran, dass mit diesem Schrei ein Schlussstrich gezogen war unter alle Hoffnungen, die sich für die Jünger mit Jesus von Nazareth verbunden hatten: Die Hoffnung auf einen letzten Neuanfang, mit dem alles gut werden würde, mit dem das Leid und der Tod und das Zerbrechen des Lebensglücks und die Schuld, die uns trennt, ein Ende, ein endgültiges, unwiderrufliches Ende haben sollten. Das Kreuz als der Schlussstrich. Kein Neuanfang. Sondern ein endgültiges Ende, ein Sieg des Todes und der Macht, die da in Gestalt der Soldaten und der Theologen das Ende herbeiführte.
Hat sich 'was mit Neuanfang! Das letzte Wort hat der Spott: Lass uns sehen, ob Elia kommt und ihm hilft.' Kein Neuanfang: "Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt und begraben. Hinabgestiegen in das Reich des Todes."

4. Das Wunder an Ostern ist ein Wort, das Wort des Engels, des Boten: "Er ist auferstanden". „Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“
Dass das stimmt, dass einer den Tod bezwungen hat, unglaublich und findet doch Glauben. Die Frauen vom Grab erzählen es weiter. Die Apostel bezeugen es in der halben Welt: „Er ist auferstanden. Wir haben den Herrn gesehen!“ Diese Botschaft verändert das Leben von Menschen und wirft ein Licht auf die Geschichte der Hanna. Die Auferstehung wird zum Anlass, die Geschichte von Jesus zu deuten und Hannas Geschichte erleuchtet die Botschaft von der Auferstehung.

5. Die ersten Jüngerinnen und Jünger, die ja alle das Buch der Erinnerungen Israels auswendig kannten, blickten zurück auf diese Geschichte von Hanna und auf ihr Gebet. Sie erkannten darin das Wort wieder, das sie am Tag der Auferstehung gehört hatten: Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Da, in dem Buch der Neuanfänge Israels, ist genau von dem die Rede, was wir heute erfahren haben: Dass die Hoffnungslosigkeit nicht das letzte Wort hat. Dass die Gewalt, Macht und der Reichtum nicht triumphiert. Dass die Fürsten nicht dauerhaft auf Kosten der Armen leben. Dass der Tod nicht herrscht und regiert. Und die Christen sehen zurück auf die Geschichte der Kirche, beginnen sie zu lesen als die Geschichte dieses Gottes, der Menschen ergreift und ganz unerwartet neue Anfänge schenkt – die großen Bekehrungen: Paulus. Augustin. Franz von Assisi. Luther. Sie sehen die großen Aufbrüche in einer Zeit, in der alles verloren scheint. Wir brauchen so einen Anfang bald für unsere heutige Welt. „Der Herr tötet und macht lebendig.“
Geleitet von diesem Wort: „Er ist auferstanden“, liest die Kirche ihre Geschichte, sieht dort, dass es wahr ist, dass es sich bewährt, dass Menschen aller Zeiten diese Auferstehungkraft, diese Macht eines neuen Anfangs erfahren hat.

6. Und dann stehen wir in unserer Gegenwart, in der Gegenwart der Geschichte und in der Gegenwart unseres Lebens. Wir sehen das Blutvergießen in aller Welt, das namenlose Leiden Unschuldiger und die Selbstdurchsetzung der rohen Gewalt. Können gar nicht hinsehen zu den grausamen Äußerungen des Bösen. Wir sehen unser Leben: Wenn es glücklich ist, ist dieses Glück von Gefahr umgeben und endlich. Und jeder von uns hat diese Endlichkeit erfahren und durchlitten – Krankheit. Tod von Angehörigen. Schuld, die nicht mehr vergeht. Wir sehen das, wie die Frauen und Männer, die von Ferne um das Kreuz Jesu standen und ihn schreien sahen, die ihn vom Kreuz nahmen, zu Grabe trugen, ihre Hoffnung begruben und schweigend nach Haus gingen. Und dann hören wir es, wie sie: Er ist auferstanden. Der Tod, die Gewalt, das Leiden, die Schuld hat kein Recht mehr. Ein neuer Anfang. Ein leises Wort, das durch die Geschichte geht, das nicht etwa gleich Glauben findet, entfaltet doch ungeheure Kraft und bringt Menschen dazu aufzustehen.
In der Tat: Nur ein Wort, nichts als ein Wort. Aber ein Wort, das eine Energie entfaltet. Ein Wort, das die Wirkung hat, dass ein Mensch gegen den Tod ansingen lässt, ein Wort, das Hoffnung weckt mitten im Aussichtslosen. Das Alte ist vergangen – siehe: er macht alles neu. Was uns endgültig und unabänderlich erscheint, hat kein Recht. Und auch die Endgültigkeit des Todes, der uns die nächsten Menschen entreißt und der unentrinnbar auf uns zukommt, ist nicht endgültig. Ein Wort nur, nichts als ein Wort, dazu noch ein sehr leises. Wo es sich Platz schafft, wo es zu wirken beginnt, da entsteht Lebensmut. Nein, keine Leugnung des Sieges der Gewalt und der Schuld, kein angestrengtes Nicht-wahr-haben-wollen der Krankheit und des Todes. Glaube ist keine Illusion. Wo das Wort von der Auferstehung zu wirken beginnt, da sprechen wir all das, was uns bedrängt und belastet, aus. Wir sprechen es aus in der Erwartung, dass die Geschichte und unser Leben gelenkt wird von einer Hand, die das Leben will und nicht den Tod.

7. Wo das geschieht, ist der Gekreuzigte Jesus von Nazareth bei uns und in uns gegenwärtig: Er ist bei uns. Er ist wahrhaftig auferstanden und wir haben ihn gesehen und erfahren. Und wir stimmen ein in das Bekenntnis, das Israel der Hanna in den Mund legt: "Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner, und ist kein Fels wie unser Gott ist. Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf."

Der schöne Ostertag
Was euch auch niederwirft, Schuld, Krankheit, Flut und Beben -
 er, den ihr lieben dürft, trug euer Kreuz ins Leben.
Muss ich von hier nach dort - er hat den Weg erlitten.
Der Fluss reißt mich nicht fort, seit Jesus ihn durchschritten.
Wär er geblieben, wo des Todes Wellen branden, hofften wir umsonst.
Doch nun ist er erstanden.
Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden: Halleluja. Amen