Predigt zu Kolosser 1, 24-27

Geheimnisse sind faszinierend. Rund um Weihnachten gibt es auch Geheimnisse. Zum Beispiel: wer schenkt wem was? Kinder sind gespannt und Erwachsene freuen sich darauf Geschenke zu machen.
Heute denken wir an die Weisen aus dem Morgenland, die geheimnisvolle Geschenke gemacht haben. Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Gold steht wohl für unermesslichen Reichtum, Weihrauch für gottesdienstliche Handlungen, und Myrrhe für die Einbalsamierung von Toten.
Geheimnisvolle Geschenke sind das gewesen mit Hinweisen auf das Leben Jesu.
Auch im Predigttext heute geht es um Geheimnisse.
Der Predigttext findet sich im 1. Kapitel des Kolosserbriefes:
Ich freue mich, dass ich jetzt für euch leide. So fülle ich das Maß der Christusleiden auf, indem ich mit meinem eigenen Leibe leide für seinen Leib, das ist die Kirche. Ihr Diener bin ich geworden. Dieses Amt hat Gott selbst mir verliehen, um an euch das Wort Gottes zu erfüllen, nämlich das Geheimnis, das seit Urzeiten und Menschengedenken verborgen war, jetzt aber seinen Heiligen offenbart worden ist. Gott hat sich entschlossen, ihnen kundzutun, worin der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern besteht: dass Christus in euch ist, die Hoffnung auf die Herrlichkeit.
Liebe Gemeinde, was für ein Kontrast: auf der einen Seite die Heiligen Drei Könige, die die Krippenszenerie so anschaulich vervollständigen – und auf der anderen Seite ein Predigttext, der so wirkt, als habe ihn ein Zufallsgenerator erzeugt, der mit möglichst vielen unverständlichen Vokabeln der christlichen Dogmatik gefüttert worden ist: „Freude im Leiden, Vollendung, Kirche als Leib Christi, Amt, Wort Gottes, Herrlichkeit, Offenbarung, Geheimnis, Christus in euch, Hoffnung“. Wer schreibt so etwas? Und vor allem in einem geradezu angeberischen Ton: „Ich fülle das Maß der Christusleiden auf!“ „Ich freue mich, dass ich für euch leide!“
Ich stelle mir vor, der Paulus des Kolosserbriefes sagt das zu Konfirmanden aus Neustadt. „Ich freue mich, dass ich für euch leide!“ Wie würden die reagieren? Vermutlich erst verblüfft und dann vielleicht verächtlich! „Du Opfer!“ könnten sie sagen.
Opfer – ja das ist Christus gewesen, deshalb ist er Mensch geworden – als ein Opfer für Sünden und für uns Sünder, dass er uns mit Gott in Einklang bringt.
Das ist das erste Geheimnis, das Geheimnis seines Leidens.
In seinem Leiden wird er mit uns solidarisch, er nimmt teil an unserem Ergehen und kommt uns so nahe. Auch wir kommen im Leiden anderen Menschen nahe. Im Mitleiden -  und im Erleiden von Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod, kommt uns Gott nahe in Jesus Christus.
Dass Paulus hier darauf hinweist, dass Christsein auch Leiden beinhaltet und das als Auszeichnung empfindet, mag uns fremd vorkommen in unserer behüteten und reichen westlichen Welt. Aber dass wir zusammengehören als Kirche, weltweit verbunden sind mit den Teilen der Welt, die leiden weil es Hunger gibt, Zerstörung, Gewalt, Vertreibung, Krieg, Terror und Tod und wir da grundsätzlich mitleiden, das ist schon Tatsache, wenn wir zu einem Leib gehören.
Friedrich Nietzsche war der Meinung, dass Leid einen emotional berühre. Aber das Gefühl müsse nicht unbedingt Mitgefühl sein. Ein leidender Mensch könne den Sinn für Schönheit doch so empfindlich stören, dass er von sensiblen Seelen eher als unappetitlich empfunden würde. Nicht Mitleid, sondern Abscheu würden leidende Menschen erregen. Nicht wenige Kritiker des Christentums haben auf dieser Linie auch das Kreuz als grausames, vor allem Kindern nicht zumutbares Symbol gedeutet. Ein Weihnachtschristentum – ja, das wäre schön. Immer Glanz und Gloria, Engel und Sterne, Gold, Weihrauch und Myrrhe, das wäre schön. Ein Leben mit Leid aber eher nicht. Kreuzestheologie – nicht erwünscht! (An unserem Christbaum schaut er aber oben heraus, der Gekreuzigte.)
Vater, Mutter, Kind, Krippe, Kerzenschein und Weihnachtbaum am Heiligen Abend – das ist willkommen; die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ausgerechnet im Leiden – wie es uns unser Predigttext nahelegt – nein danke?
Romantik an Weihnachten – ja; aber die Revolution, die von der Menschwerdung Gottes ausgeht – nein? Heute, am Erscheinungsfest, werden wir an die revolutionäre Dimension von Weihnachten erinnert. Könige knien vor einem Kind nieder. Der Lobgesang der Maria kommt wieder in Erinnerung: „Er übt Gewalt mit seinem Arm und erhebt die Niedrigen.“ Auch das Epiphaniaslied „Jesus ist kommen“ drückt das Überwältigende der Menschwerdung Gottes angemessen aus. „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude, A und O, Anfang und Ende, steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide!“ Das bleibt nicht folgenlos: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei.“
Wenn wir gefragt werden, warum wir Weihnachten feiern, dann reicht der Hinweis, dass wir uns der Geburt Jesu erinnern, nicht aus. Es geht nicht um eine rührende Familiengeschichte, die sich vor gut zwei Jahrtausenden im palästinensischen Bethlehem zugetragen haben soll. Es geht um uns hier und heute. Es geht um die Frage, wer wir selbst sein wollen.
Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist ein individuelles Ereignis mit universaler Absicht.
Gott wurde Mensch – damit wir in Christus zu Söhnen und Töchtern Gottes werden. Eigentlich ist jeder und jede von uns auf seine ganz eigene Weise ein Christkind! Das ist das zweite Geheimnis: Christus in euch!
Als Jugendlicher habe ich lange darüber gerätselt, warum Gott, wenn er Mensch werden wollte, sich ausgerechnet Jesus aus Nazareth ausgesucht hat. Warum nicht ein Mädchen aus Afrika? Oder ein Kind aus China? Oder jemanden aus Deutschland? In der Tat wäre Gott all das auch möglich gewesen. Aber auch dann wäre die Frage gewesen: Warum denn ausgerechnet die – oder ausgerechnet der? So oder so: Wenn Gott Mensch werden wollte, dann konnte er nur ein bestimmter Mensch werden – und dann ist es letztlich auch egal, ob sich das in Bethlehem, in Brüssel oder in Neustadt zugetragen hat. Denn das Ziel der Menschwerdung Gottes ist, dass alle Kinder Gottes werden – und gerade so zu ihrer Menschlichkeit befreit werden. Mit der Taufe sind wir nicht nur ein Mitglied unserer natürlichen Familie, wir sind auch ein Mitglied der göttlichen Familie geworden. Insofern ist Weihnachten ein Familienfest in einem doppelten Sinn: ein Fest der Familie, in die wir hineingeboren wurden – und ein Fest der großen, weltweiten, Jahrhunderte alten Familie Gottes, der Kirche. In dieser ist Christus auf vielfältige Weise gegenwärtig: In Wein und Brot, im Hören auf das Wort Gottes – aber eben auch in jedem von uns. In unserem Bruder oder in unserer Schwester in der christlichen Gemeinde ist er und spricht er uns an.
Das ist das Geheimnis: Christus ist in uns. So repräsentieren wir die Hoffnung auf das kommende Reiches Gottes. Wir – eine Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen? Ist das nicht etwas zu anmaßend? Zu unglaublich? Vor allem aber: Wie passt das mit den Leiden zusammen, derer sich der Paulus des Kolosserbriefes so sehr freut? Haben die Jugendlichen mit ihrer Bezeichnung „Du Opfer!“ nicht doch auch ein bisschen recht?
Christus ist in uns und Christus ist unter uns. Das Wort ist Fleisch geworden und Gott Mensch. Dadurch geht uns dann das Herz auf. Das ist die beeindruckende Essenz von Weihnachten.
Von Martin Luther stammt der Gedanke, dass einer dem andern ein Christus werden sollte. Von daher könnte man auch sagen: Christus lebt durch euch. Den anderen ein Christus werden, was heißt das für mich? Was ist dann meine Aufgabe. Das, liebe Gemeinde, würde ich Ihnen heute gerne als Aufgabe für die nächste Zeit mitgeben. Darüber nachzudenken, was ich für die anderen sein könnte. Wie sich das konkret auswirkt, dass Christus in mir ist.
Wir kennen das Geheimnis, dass Gott sich durch seinen Sohn Jesus Christus mit uns Menschen versöhnt hat und uns seinen Frieden gegeben hat, aber ob wir die ganze Herrlichkeit dieser Botschaft wirklich begriffen haben? Vielleicht müssen wir ja noch einen weiten Weg gehen. Die Weisen aus dem Morgenland, deren Fest wir heute feiern, mussten auf dem Weg fragen: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben sein Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Sie mussten ihren Weg fortsetzen, bis sie im Stall anbeten konnten. Den Stern haben wir nun auch gesehen. Die gesehene Herrlichkeit kann uns dann helfen, auf dem Weg zu bleiben.
Seit dem Beginn der Welt hatte er sein Geheimnis vor allen verborgen gehalten; jetzt aber hat er es seiner Gemeinde enthüllt. Er wollte ihr zeigen, welche Herrlichkeit er für Menschen aus allen Völkern bereithält. Denn dies ist das Geheimnis: Christus lebt in euch, und wegen ihm dürft ihr darauf warten, dass Gott euch an seiner Herrlichkeit Anteil gibt."
Amen.