Predigt zu Markus 14, 1-11

Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe. Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. Und Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, ging hin zu den Hohenpriestern, dass er ihn an sie verriete. Als die das hörten, wurden sie froh und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte, wie er ihn bei guter Gelegenheit verraten könnte.

Eine letzte Atempause, bevor das schreckliche Geschehen seinem Höhepunkt zutreibt: Ein vorletztes Abendessen im Freundeskreis, draußen vor der Stadt, in Bethanien. Vielleicht klang der Jubel vom Einzug noch nach, als er mit seinen Jüngern nach Jerusalem gekommen war, zum Fest, um mitzufeiern. Oder war die Anspannung schon spürbar? War schon etwas durchgesickert von den geheimen Plänen des Hohen Rates, Jesus zu verhaften und umzubringen? Mit ihrer fast ländlich-beschaulichen Ruhe hebt diese Geschichte die Dramatik des Geschehens drum herum erst richtig hervor: Der Rat hat schon beraten und der Verräter wird gleich mit ihnen verhandeln, hier aber sitzt der Bedrohte im Hause eines Freundes ruhig am Tisch, geschützt im Kreis seiner Schüler und Freunde. Die werden sich kaum gewundert haben, als zum Mahl der Männer plötzlich eine Frau hinzutritt, man kannte sie sicher, auch Frauen gehörten zum engeren Kreis Jesu. Sie nähert sich Jesus, ohne dass sie jemand daran hindert. Vielleicht zielbewusst, vielleicht eher vorsichtig zurückhaltend, jedenfalls zieht sie ein Fläschchen hervor und gießt den Inhalt Jesus aufs Haupt. Die Gebildeten in diesem Kreis werden sofort verstanden haben, was die Frau ohne Namen mit dieser Handlung ausdrücken wollte: So ehrte man in Israel einen angesehenen Rabbi, einen Meister – und solches Ansehen genoss Jesus unter seinen Schülern. Die Aufregung beginnt erst, als der Duft von Nardenöl durch den Raum zieht und sich im ganzen Haus verbreitet. Die klugen Rechner realisieren, was hier für ein Wertstoff über Jesus ausgegossen wurde, und zeigen ihre Empörung. Man hätte dieses wertvolle Öl verkaufen und Bedürftigen damit helfen können, hatte nicht Jesus selbst immer für die Armen gegen die Reichen Partei ergriffen?

Ja, für die Armen, aber nicht gegen die Reichen, auch diese namenlose Frau gehörte wahrscheinlich eher zu den Reichen, denn immerhin war das kostbare Öl etwa einen durchschnittlichen Jahresverdienst wert. Es handelt sich um eine seltene Wurzel, die vor allem in Hochgebirgen Asiens gefunden wird.
Wenn Jesus nun also kein Sozialrevolutionär, sondern ein jüdischer Rabbi war, was machte ihn denn dann so gefährlich, dass der Hohe Rat ihn beseitigen wollte? War es nicht doch seine soziale Botschaft, das Eintreten für die an den Hecken und Zäunen, für die Witwen und Waisen, die ihm so viel Zulauf brachte und als politisch gefährlich eingestuft wurde, fürchtete der Hohen Rat einen Sklavenaufstand? Es mag schon sein, dass Jesus auch so verstanden worden ist, aber der soziale Ausgleich war nicht das wahrhaft Neue an seiner Botschaft.

Die Menschen, die Jesus begegneten, waren auf berührt. Sie hatten offenbar etwas gefunden, was ihr Leben völlig durchdrungen und verwandelt hatte. Sie waren tatsächlich beglückt, nicht weil ihnen etwas geglückt war, das gerade nicht, sondern weil sie von der Begegnung mit ihm dem Gottesboten erfüllt waren, mit einem Gefühl von Sinn und Angekommensein erfüllt, das sie sich niemals hatten vorstellen können, etwas, was man unter Menschen sonst nicht erlebt.

Ihnen war etwas zugetraut worden, sie waren ernst genommen worden, sie bekamen Vertrauen geschenkt, und es schien, als sei dieses Vertrauen unerschöpflich und unauslöschlich, das Vertrauen Gottes in die Menschen. Das war die Provokation des Rabbi aus Nazareth: Er verkündete keine komplizierte, geheimnisvolle Lehre, er verlangte keinen Glauben an eine bestimmte Gottheit, auch keine Vorleistungen, den geltenden Gesetzen in bestimmter Weise zu folgen; er behauptete nur ganz schlicht: Der Gott, den ich kenne, den ich als meinen Vater anrufe, der hat Vertrauen zu mir, der hat mir mein Leben anvertraut, er schätzt mich, liebt mich und lädt mich zur Liebe ein. Zu Gott, den Mitmenschen und mir selbst. Das sage ich allen weiter.


Wenn es jemand annimmt ist Freude im Himmel.
Wenn jemand keinen Zugang dazu findet, dann kann ich es nicht ändern, denn diese meine Einsicht verpflichtet mich zum Verzicht auf jede Art von Gewalt. Meine Einsicht wird freiwillig übernommen, weil sie überzeugt. Gewalt zerstört Vertrauen.

Jesu Botschaft bewirkt in vielen Veränderung. Gott nimmt mich an, mit Stärken und Schwächen – befreiendes Evangelium!
Andere weisen Jesus als Träumer ab, die Menschen brauchen Regeln, deshalb hat Gott klare Ordnungen und Werte verkündet, nach denen sich alle richten sollen.
Die Leitlinie Jesu wirkt anders. Er lehrt, dass Gott der Vater aller Menschen ist, der sie alle achtet, allen traut, er hat ihnen schließlich das Leben geschenkt. Diese Lehre hat sicher auch diese Frau für Jesus begeistert und sie davon überzeugt, dass er der beste Lehrer sei, den Israel je erlebt hat, und deshalb hat sie für ihn das heilsame Öl bestimmt. Die namenlose Frau wusste sehr genau, was sie tat. Sie fand Jesu Vorstellung von Gott befreiend, ermutigend, klärend, beruhigend, stärkend. Sich Gott vorstellen wie einen Menschen, der mich wirklich gern hat, dem mir schrankenlos vertraut, in dessen Nähe ich aufblühe, der mich ermutigt, auch wenn man ich gut dran bin: Das klingt harmlos – hat aber gewaltige Folgen.
Es klang für die Frau damals ganz anders als alles, was sie bis dahin gehört hatte. Dafür wollte sie ihrem Lehrer danken, ihrem Befreier. Zum Beispiel gibt sie ihm einmal das Jahresgehalt eines Arbeiters, als Liebesbeweis. Da könnten sich die Reichen in Deutschland eine Scheibe abschneiden – obwohl – sie müssten zuerst die Botschaft des Gekreuzigten und Auferstandenen im Herz haben, dann würden sie das auch tun.

Ungeheuerlich Sätze? Ja, so revolutionär. Der Glaube verändert Menschen. So etwas bringt Herrschaftssysteme ins Wanken. Gefährlich! Aus dem gleichen Grund beraten die Hüter der Gesetze im Hohen Rat, wie sie diesen Störenfried mundtot machen können. Nicht dass sie seine Botschaft nicht verstanden hätten, sie verstehen sie nur allzu gut und spüren die Wirkung seiner Worte. Und diese Wirkung bedroht ihre Macht über die Menschen. Das ganze Herrschaftssystem wird von Jesus in Frage gestellt. Wenn keiner mehr im Tempel Opfertiere kauft, die wirtschaftliche Grundlage wäre zerstört. Wenn keiner mehr Priester braucht, um mit Gott versöhnt zu werden, die eigene Stellung wäre bedroht. Schien zumindest zunächst so.

Jesus fordert eine Auslegung der geltenden Gebote so, dass dadurch Leben gefördert wird. Das ist anspruchsvoller als jede starre Regelung, die schon weiß, was zu tun ist. Freiheit des Einzelnen vor Gott und seinem Gewissen, gebunden an die Schrift. Wir sind am Kern der Reformationsbotschaft.
Der Frau erfährt vom Herrn größte Wertschätzung, vermutlich ist sie eine gewesen, die sonst nicht gern gesehen und nicht angesehen war.

Jesus sagt: Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. So lautet der Satz Jesu in dieser kurzen Episode in Bethanien, im Hause Simonis des Aussätzigen. Der Satz wird heute Wirklichkeit, wenn wir an den Liebesbeweis der Frau denken.

Die Matthäuspassion von J.S. Bach beginnt mit dieser Erinnerung: Nach dem mächtigen Eingangschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ schildert der Evangelist die Beschlussfassung im Hohen Rat: Der Lehrer aus Nazareth muss zum Schweigen gebracht werden. Aber dann folgt, noch ehe der Verrat mit Judas ausgehandelt wird, diese kleine idyllische Szene, wie eine letzte Atempause und schließt mit der Verheißung Jesu: Wo dieses Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. Und was hat sie getan? Jesus sagt: Sie hat meinen Leib gesalbt, wie man es mit einem Verstorbenen tut, sie hat also den, der als Verbrecher hingerichtet wird, schon vorher geehrt, sie hat ein unübersehbares Vorzeichen gesetzt:
Der Weg, den dieser Lehrer lehrt, der Weg des Zutrauens, der Vertrauens, der Liebe und der Ermutigung befreit zu einem Leben, das hat sie als großes Geschenk empfunden, das sie erfüllt, es macht sie dankbar und großzügig. Sie hat es an sich selbst erlebt und wird weiterhin als Zeugin dafür auftreten, dass nur der Glaube an ihn immer wieder Leben hervorbringt und letztlich zur Liebe führt. Liebe, die sich ausdrückt in Gedanken, Worten und in unseren Taten.
Amen.