Predigt zu Amos 8, 11

Predigt
Worauf bauen wir unser Leben? Was trägt uns? Was sind unsere Kraftquellen? Was baut uns auf und stärkt? Papst Paul VI. sagte einmal: „Baut eure Hoffnung auf das Wort. Lasst euch nicht entmutigen und traurig machen durch all die Widerwärtigkeiten dieser schwierigen Welt, durch die Vergeblichkeit guter Bemühungen, durch die wachsende Macht der Finsternis, durch die Hinfälligkeit der Hoffnungen, die gebaut sind auf dem Flugsand der vorbeieilenden Zeit. Baut eure Hoffnung auf das Wort, das nicht vergeht, auf die Dinge, die wahrhaft wert sind, begehrt zu werden.“
Baut eure Hoffnung auf das Wort Gottes - weise Worte, wie ich finde. In einer Welt, die viele Möglichkeiten bietet, sich zu zerstreuen, die uns in Gefahr bringt oberflächlich zu werden und nur Spaß zu suchen und unseren eigenen Profit, Rufe zur Umkehr. Worte die an das Ende des Kirchenjahres passen, wo wir selbstkritisch fragen sollen, ob wir auf gutem Weg sind. So vieles ist oberflächlich und trägt nicht. Das Wort Gottes trägt uns Christen und gibt uns Orientierung. Es weist uns auf das Wesentliche und das Tragende hin. Der Predigttext für heute:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören; Amos 8, 11
Liebe Gemeinde, das Wort des Propheten Amos ist natürlich hineingesprochen in die Zeit damals. Sie war in vielem unserer ähnlich. Es war eine ruhige und zufriedene Zeit, eine Lage, in der man das Leben größtenteils genießen kann. Wohlstand gehörte dazu. In Samaria wurden Marmorpaläste gebaut, den Menschen ging es gut. Die Erwartung, dass dies nun lange so weitergehen würde, war prognostiziert. Wie bei uns, es soll noch lange weiter Wachstum geben, meinen die Institute. So wünscht es sich der Mensch schon seit Jahrtausenden: Krisenzeiten sollen immer so kurz wie möglich sein, während der Wohlstand ewig dauern soll. Aus den Worten von Amos erfahren wir, dass die Menschen damals zumindest äußerlich ihre religiösen Pflichten erfüllten, im Vergleich mit uns geradezu beispielhaft – sie führten die von Gott gesetzten 10 Prozent, den „Zehnten“ ab, Opfergaben und andere religiöse Pflichten waren für sie selbstverständlich.
Aber Gott wusste, dass das nur der äußerliche Eindruck war, dass ihre Frömmigkeit oberflächlich blieb und die Menschen in ihrem Innern nicht ergriff. Daher trat er auf gegen die Oberflächlichkeit und vor allem gegen das, was sich nur äußerlich religiös gab. Er trat auf und sagte, dass zwar nach außen alles gut aussähe, dabei aber im Kern nicht in Ordnung sei! Glaube braucht einen Kern in uns, ein Fundament und das ist das Wort Gottes, das bei uns seinen Reichtum entfalten soll.
Offensichtlich wollten die Menschen nichts wissen von einer tiefer gehenden Suche nach Gottes Willen, da war kein Hunger nach dem Wort des HERRN, kein Hunger nach Gerechtigkeit. Vielleicht konnten auch die Worte des Amos sie nicht zu einem tieferen Nachdenken bewegen. Schließlich hielten sie es für besser, Amos loszuwerden und so bürgerten sie ihn aus und lebten unverändert auf ihre Weise weiter.
Unsere Gesellschaft hat Ähnlichkeiten. Äußerlich gesehen ist es schon so, dass Gotteshäuser das Bild unserer Städte und Dörfer bestimmen, Gottesdienste finden in allen größeren Orten regelmäßig statt, und auch wenn die einzelnen Kirchen meistens nicht so voll aussehen, wie beim Reformationsjubiläum, gehen wöchentlich immer noch mehr Deutsche zur Kirche als ins Fußballstadion. Aber: Prägt Gottes Wort uns so tief, wie es sollte und das auch beabsichtigt? Kommt Gott in meiner Prioritätenliste an der Stelle, die dem zukommt, der mir alles gibt - das Leben in seiner ganzen Fülle? Bin ich auf dem Weg sein Gebot zu beherzigen, das mir sagt: Liebe Gott über alle Dinge und deinen Nächsten wie dich selbst?
Wenn jeder von uns ganz ehrlich sein eigenes Herz prüft, dann stellen wir fest: Wir sind in derselben Gefahr, wie die Menschen zur Zeit des Amos. Ein bisschen, ja, das machen wir schon mit – aber uns ganz prägen lassen vom Gebot zur Liebe. Wir gehören dazu, aber im Einzelnen hapert es:
Wie heilige ich den Sonntag. Das heißt doch: er ist heilig – er gehört Gott zuallererst und dann mir und der Zeit der Erholung.
Wie setze ich mich ein für Recht und Gerechtigkeit
Wo setze ich mich den Worten Gottes aus?
Wo setze ich mich ein für die Gemeinschaft zu der ich gerufen bin, der christlichen Gemeinde?
Gott vertrauen, Christ sein, das hat immer einen Auftrag an unseren Nächsten zur Folge.
Wie steht es um unser Gebetsleben – sind wir im Gespräch mit Gott oder gibt es nichts mehr zu sagen, weil die Liebe erkaltet ist?
Wie sehr ist unser ethisches Beurteilen gegründet in Gottes Wort?
Mir kommt es manchmal so vor, als würden wir einerseits immer sehr gefordert, in der Arbeit, in der Freizeit und überall – und deshalb bin ich ganz barmherzig in der Beurteilung der menschen geworden.
Andererseits hört das für mich auf, wenn Menschen rücksichtslos herabgesetzt werden, wenn jeder nur noch nach eigenem Vorteil schaut. Rücksichtslosigkeit macht sich breit, nicht nur im Straßenverkehr.
Gottes Wort ist heute ebenso aktuell wie zu Amos' Zeiten. Vielleicht brauchen wir gelegentlich tatsächlich einen Schuss vor den Bug, um darüber ins Nachdenken zu kommen, was wirklich wichtig ist.
Nicht, dass ich uns schlechte Zeiten wünsche – aber ein Besinnen auf das, was uns im Innern trägt, das wünsche ich uns schon. Das täte uns gut, persönlich und für unser Zusammenleben in der Gemeinde und in der Gesellschaft.
Gott kann solche Zeiten wieder schicken, den Hunger nach seinem Wort in die Herzen der Menschen senden – ich wünschte er täte es bald, denn auch ich finde, wie Amos: wir sind auf keinem guten Weg. Die Natur beuten wir rücksichtslos aus, Profit geht vor.
Liebe Gemeinde, diese Erfahrung wünsche ich uns, dass das Wort Gottes uns ergreift, weil wir dann auf der Spur gehen, die zum Leben führt – und das merken wir dann auch sofort.
Ja, Gott möge einen Hunger schicken nach seinem Wort und bei uns selbst möge er anfangen!
Und wenn das die Worte Gottes sind, dann berühren sie uns ganz bestimmt und erwärmen unser Herz – oder beunruhigen es, weil wir etwas ändern müssen.
Unsere Kinder sollen wir die Worte Gottes ins Herz legen.
Ich schließe mit Gedanken von Hanns Dieter Hüsch:
Das erste und letzte Wort
Wenn alles ausgeredet ausgerechnet
 Kalkuliert und spekuliert
 Wenn alles tausendfach erklärt
 Bewiesen
 Aufgesagt und abgeschrieben
 Widerrufen
 Neu behauptet
 Festgestellt und festgelegt und
 Festgesetzt
 Und dementiert und falsch betont
 Hinausposaunt
 Manipuliert und programmiert und wahrgesagt

 Hundertprozentig prophezeit
 Dokumentiert und illustriert
 Korrigiert
 Und vorgeworfen nachgeworfen
 Zugerufen
 Fest versprochen
 Ehrenwort und Wortgefecht
 Nachgeredet überredet
 Eingetrichtert inhaliert und suggeriert
 Wenn dann wirklich alles
 Ausgeredet hat
 Und sprachlos ist

 Dann möge Gott der Herr
 Uns immer wieder sagen
 Uns immer wieder zeigen
 Dass nur sein Wort
 Das erste und letzte Wort
 Dass unser Tun und Hören
 Seinem Wort entsprechen möge
 Denn seine Sprache ist unser täglich Brot
 Und unser nächtliches Vertrauen
 Sein Wort ist Geist
 Der uns alle friedlich macht
 Lebendig macht
 Und auch unsterblich macht.
(Michael Blum und Hanns Dieter Hüsch, Das kleine Buch zum Segen, tvd-Verlag, Düsseldorf 1999)