Predigt zu Lukas 23, 33-46

33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.

Liebe Gemeinde!
Da haben die Soldaten ihn aufs Kreuz gelegt, ans Kreuz genagelt, da halten sie noch den Hammer in der Hand und würfeln schon um die Kleider, fangen schon an die Beute zu verteilen, wo er noch nicht gestorben ist, da sagt Jesus: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
„Vater vergib.“ Wir hätten anders reagiert. Nicht so selbstlos. Aber Jesus ist zum Segnen gekommen und zur Vergebung für alle.
Um das Geheimnis des Karfreitags zu verstehen, muss man verstehen, wie sich der Weg Jesu von allen menschlichen Wegen unterscheidet. Jesus hat keine Rache geschworen, er hat der Gewalt nicht seine eigene Kraft entgegengesetzt. Auf den abgrundtiefen Hass, der ihm von allen Seiten entgegenwehte, reagierte er mit Liebe, selbstloser Liebe zu den Armen, den Verachteten und Gepeinigten. Er gab keinen Menschen auf -  und gibt keinen Menschen auf. Wir sind anders. So wird das Kreuz zum Zeichen unzerstörbarer Liebe.
Es gibt für ihn keine Schuld, die nicht vergeben werden könnte. Jesus wird zum Fürsprecher und Anwalt beim Richter im Himmel, der dadurch zum Vater wird. Er tritt ein für die, die verdammt werden müssten, für uns. So grenzenlos ist die Liebe Gottes. Vergebung ist möglich, Leben ist möglich, ein neuer Anfang ist möglich – für alle!
Eine Geschichte, die mich einmal schwer beeindruckt hat:
Der Mann saß im Zugabteil am Fenster und wagte es nicht, seinen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft zu richten. Er war allein im Abteil. Vor Jahren hatte er sich von seiner Familie trennen müssen - denn er war mit dem Gesetz in Konflikt geraten, wie es so schön hieß. Seine Eltern und Geschwister musste er schonen; noch bevor alles bekannt wurde, hatte er sie verlassen; seitdem hatte er keinen Kontakt zu ihnen gehabt. Die Schuld nagte an ihm: Er konnte sie nicht einfach loswerden. Nun, er hatte seine Strafe zwar abgebüßt. Aber, wenn er einmal versagte hatte: Wer konnte ihm garantieren, dass er nicht ein zweites Mal schwach werden würde? Konnte er von sich behaupten, dass er jetzt ein anderer Mensch sei? Hatte er wirklich einen guten Kern? War er ein guter Mensch? Oder hatte die nagende Stimme in ihm recht: «Du bist und bleibst ein Versager, eine Last und Schande für deine Familie und die Gesellschaft»?
Der Mann, der in dem Zug der Entscheidung entgegenfuhr, seufzte laut. Er dachte an seine Familie, die jetzt wohl zu Hause seinen Brief bekommen hatte. Er stellte sich die Gesichter einzeln vor, jedes für sich. Sein Vater. Seine Mutter. Sein kleiner Bruder (Wie groß mochte er jetzt sein?). Seine Schwester (Ist sie wohl inzwischen verheiratet?). Sein Onkel, der mit zur Familie gehörte, genauso wie sein Vetter.
Er sehnte sich nach seiner Familie. Die Jahre, in denen er jeden Kontakt zu ihnen vermieden hatte, waren schmerzhafte Jahre gewesen. Er wollte ihnen jede Peinlichkeit ersparen, aber es war ihm nicht leichtgefallen. Jetzt, wo er auf den Weg zu ihnen war, wusste er, wie sehr er sie die ganze Zeit geliebt hatte.
Er hoffte so, dass sie ihn nicht abweisen würden. Er hatte seiner Familie geschrieben, dass er sie nicht belästigen wolle, wenn sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Er würde mit dem Zug an ihrem Hof vorbeifahren, und auch an dem Baum, in dem er schon als Kind seinen Namen geschnitzt hatte.
Wenn sie wirklich nichts mehr von ihm wissen wollten, dann bräuchten sie nichts zu unternehmen. Er würde an diesem Baum vorbeifahren, nur einen Blick darauf werfen und weiterfahren, immer weiter. Er würde nicht mehr zurückkehren.
Wenn Sie aber nur eine kleine Chance sehen würden, dass er sich bei ihnen einfinden könne - und sei es nur für ein paar Tage - dann sollten sie ein weißes Tuch in den Baum hängen. Er würde es sehen, der Zug fuhr ja geradewegs an diesem Baum vorbei. Und wenn dort wirklich ein Tuch im Baum hängt, dann würde er am nächsten Bahnhof aussteigen. Dann würde er zu ihnen zurückkehren.
 Wenn dort ein Band im Baum hängt, nur dann.
 Noch konnte er den Baum nicht sehen. Wenige Sekunden noch. Seine Hände verkrampften sich.
Der Zug hatte sich ein wenig in die Kurve gelegt und sein Tempo verringert. Die alte Eiche kam in das Blickfeld des Mannes, der sich vor diesem Augenblick so gefürchtet hatte.  Seine Hände verkrampften sich noch mehr, als er den Baum sah. Tränen standen in seinen Augen. Er senkte den Blick, weil er nicht glauben konnte, was er sah. Er hatte darum gebeten, ein einzelnes Tuch in den Baum zu hängen, wenn seine Familie ihm noch eine Chance geben würde. Aber da hing kein einzelnes. Nein, der ganze Baum war über und über mit Tüchern behängt, sie flatterten im Wind, unübersehbar.
Das, liebe Gemeinde feiern wir an Karfreitag und deshalb bildet dieser Tag für uns Evangelische, zusammen mit Ostern, das wichtigste Fest des Jahres: Die Tür zum Vater ist weit offen!
Der eine von den beiden, die mit am Kreuz hängen, wird zynisch: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! (Lk 23,39) Der letzte Rest von Überlegenheit, den er genießt!
Und der andere neben Jesus? Da ist kein Zynismus. Auch jetzt noch, mitten im grauenvollen Scheitern aller Lebenspläne, ist er ernsthaft bemüht, bei Gott Hilfe zu finden. Jetzt, direkt neben Jesus, zeigt sich noch einmal, dass er im Grunde ein Beziehungsmensch ist, ein Liebe-Suchender. Er klammert sich mit einer unglaublichen Hoffnung an den, der da neben ihm hängt und dessen Geheimnis er zu spüren scheint: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“
Jesus antwortet mit Gedanken an die heile Welt bei Gott: „Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“
So verwandelt sich durch die Worte Jesu die Bedeutung des Kreuzes, vom grausamen Marterwerkzeug des Todes zum liebevollen Zeichen des Lebens.
Niemand kann sich selbst retten. Jeder Mensch ist auf Hilfe und Rettung und Heil angewiesen. Das ist die Botschaft von Karfreitag. Niemand muss sich selber retten. Jeder - und auch ich. Denn es kommt Hilfe und Rettung und Heil. Das ist die Botschaft Übermorgen. Erzählungen von Trost im Leben und im Sterben. Erzählungen die den Blick wagen, durch Risse im Vorhang, durch Wolkendecken und ins Paradies. Die offen bleiben dafür, dass der Himmel sich öffnet und eine Stimme spricht.
So sehr hat Gott die Welt geliebt. Amen.