Predigt zu Lukas 23, 13-35

13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.
Der erste Gottesdienst mit dem Auferstandenen: davon handelt das Evangelium dieses zweiten Ostertags, der Bericht über die Wanderung der zwei Jünger nach Emmaus. Am Ende sitzen die beiden Wanderer mit Jesus um einen Tisch; und plötzlich ist Gottesdienst.
Begonnen hat es ganz anders. Besonders fröhlich sind die beiden Männern nämlich nicht zu Mute, als sie sich von Jerusalem aus auf den Weg machen.
Zwölf Kilometer soll der Weg lang sein, den die beiden unter die Füße nehmen. Eine geradezu überragende Tagesleistung ist das nicht, für Wandererfahrene jedenfalls ist es ein Leichtes. Aber die beiden Jünger tragen schweres Gepäck mit sich: die unverarbeiteten Erlebnisse der zurückliegenden Tage.
Nur von einem erfahren wir den Namen: Kleopas heißt er. Ein Jünger Jesu ist das, der uns sonst nie begegnet; unter die Zwölf wird er nicht gezählt. Sonst fand die Bibel ihn nicht erwähnenswert, doch jetzt geschieht ihm eine besondere Begegnung. Einmal wird er besonders angerührt, vielleicht so wie bei uns. Meistens nicht besonders auffällig, eher Durchschnitt, aber gelegentlich ergreift auch uns der Lebendige.
Ratlosigkeit ist ihr Begleiter. Was ist in Jerusalem geschehen? Alle Hoffnungen, die sie auf Jesus von Nazareth setzten, haben sich aufgelöst. An der Macht des Gesetzes sind sie zerschellt. Als religiöser und politischer Aufrührer wurde Jesus hingerichtet. Die neuesten Nachrichten schaffen noch mehr Verwirrung. Einige Frauen haben sich am Morgen zur Grabstätte auf den Weg gemacht, um dem Verstorbenen einen letzten Liebesdienst zu erweisen. Aber sie fanden den Leichnam nicht. Ein Engel sei ihnen erschienen und habe behauptet, er lebe. Was soll man mit einer solchen Nachricht anfangen?
Tief sind die beiden in ihre Ratlosigkeit versunken. Bestimmt tut es ihnen gut, einem Außenstehenden die Ereignisse zu berichten. Das Herz ausschütten, sich alles von der Seele reden, das tut gut.
Sie erkennen nicht, dass es Jesus selbst ist. Sie klagen ihm ihren Frust und reden ganz freimütig über ihre Zweifel. Jesus habe sie enttäuscht, sagen sie. Statt im besetzten Land seiner Väter die Freiheit auszurufen, hat er sich den Machthabern ausgeliefert. Statt seinen triumphalen Einzug in Jerusalem zu vollenden, endete er schmchlich am Kreuz. Und nun auch noch Zweifel, wo er eigentlich geblieben ist. Der fremde Mitwanderer deutet den beiden das Geschehene aus der Heiligen Schrift; aber noch immer bleibt ihnen rätselhaft, was sie erlebt haben – wenn es auch gutzutun scheint.
In Emmaus angekommen, will er sie verlassen: sie aber bitten ihn, doch mit ihnen einzukehren: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Da sitzen sie nun um den Tisch; Jesus bricht das Brot mit den ahnungslosen Jüngern. Nicht er ist bei ihnen zu Gast; er lädt sie an seinen Tisch. Wie beim letzten Abendmahl ist das, zu dem sich Jesus mit den Seinen in Jerusalem versammelt hatte, am Abend vor seiner Kreuzigung. Wie er für sie das Brot bricht, werden ihnen plötzlich die Augen geöffnet: in diesem Brotbrechen ist er selbst in ihrer Mitte. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das erleben sie, und ihr Herz brennt. In Emmaus, diesem unbekannten Ort, feiern sie den ersten Gottesdienst mit dem Auferstandenen.
Doch kaum haben sie es verstanden, entzieht er sich ihnen. Man kann die Auferstehung nicht anfassen; man muss sie glauben. Aber das wissen sie nun: Eine Brücke ist geschlagen über den tiefen Graben, den das Kreuz gezogen hat. Nun haben sie mit dem Auferstandenen Gottesdienst gefeiert.
Alles haben sie erlebt, was den Gottesdienst mit dem Auferstandenen bestimmt. Um seine Gegenwart haben sie gebeten: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Für Gottes gute Gaben haben sie gedankt, auf das Wort der Bibel haben sie gehört; der Auferstandene selbst hat es ihnen ausgelegt. Und dann hat er das Brot für sie gebrochen, in dem er sich ihnen selbst schenkt und bei ihnen bleibt. Das trifft sie ins Herz; und das Herz brennt ihnen. Da werden ihnen die Augen geöffnet. Nicht beim Wandern mit dem scheinbar Unbekannten geschieht das, auch nicht beim Zuhören, sondern über dem gebrochenen Brot.
Wir sind versucht, auf die beiden herabzuschauen, sind sie doch offensichtlich schwer von Begriff. Wie soll man sich das wohl vorstellen, dass sie mit Jesus unterwegs sind, ohne ihn zu erkennen? Von ihm die Schrift ausgelegt zu bekommen und nichts zu verstehen – unglaublich! Aber -  ihnen wurden die Augen geöffnet, in Emmaus, dem unbekannten Ort. Denn Jesus brach mit ihnen das Brot.
Da wäre ich gerne bei ihnen gewesen. Diese Klarheit hätte ich gerne, geöffnete Augen und ein brennendes Herz. „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.
Gottesdienst mit dem Auferstandenen – das ist das Versprechen dieses Tages. Wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen. Von einer Trennung nach Konfessionen hat er dabei nichts gesagt. An seinem Tisch soll der Zwist der Konfessionen schweigen.
Wer mit dem Auferstandenen Gottesdienst feiert, der lässt die Dinge nicht so, wie sie sind. Er macht sich auf den Weg, wie die Jünger in Emmaus. So sehr brannte ihnen das Herz, dass sie gleich wieder nach Jerusalem aufmachten. Zurück wanderten sie viel schneller. Sie wollten anderen mitteilen, was sie erlebt hatten: Der Herr ist auferstanden und er hat mit uns Gottesdienst gefeiert. Amen.