Predigt zu Markus 1, 32 ff

Kennen Sie das Gefühl, dass einem alles über den Kopf wächst? Man bemüht sich rund um die Uhr, strampelt sich ab mit all der notwendigen Arbeit, die zu tun ist. Und dennoch bleibt immer etwas Wichtiges offen, unerledigt. Da heißt es: sich kümmern, organisieren, machen. Von allen Seiten stürmen Erwartungen, Wünsche auf uns ein: „Könnten Sie nicht einmal?“ „Wann hast du Zeit?“ „Wir brauchen dringend ...“
Dabei denke ich gar nicht an die vielen zeitraubenden Nebensächlichkeiten, die unvermeidlich zu erledigen sind. Ich denke an wirklich wichtige Aufgaben. Solche, die sinnvoll und notwendig sind, damit das Leben gelingt: im Beruf Einsatz zeigen, die Familie versorgen, sich um altgewordene Eltern kümmern, Kontakte zu Nachbarn pflegen, an den Geburtstag von Freunden denken… Darüber hinaus ehrenamtlich für eine bessere Welt mitarbeiten; viele von anderen oft gar nicht wahrgenommene Aufgaben mittragen.
Eine Zeitlang geht das alles sehr gut, bringt Erfolg und Selbstbestätigung. Irgendwie kriegt man alles unter einen Hut, wirbelt von einem Einsatz zum nächsten und schafft nebenher noch den Haushalt. Doch irgendwann beklagen sich die ersten: „Du hast ja nie Zeit für uns! Können nicht mal andere deine Arbeit übernehmen?“ Und man spürt es selbst auch: Müdigkeit, Unlust, ja manchmal sogar eine riesengroße Erschöpfung. Dann kann es vorkommen, dass ich nichts mehr Lust habe, keine Energie; fühle mich ausgepumpt, leer und zerrissen zwischen unzähligen Aufgaben und Interessen. Zusätzlichen Anfragen oder Bitten werden dann abgewiesen. Es ist schon schlimm, wenn man sich permanent abgehetzt, unter Zeitdruck fühlt; wenn das Leben ständig unter Strom steht und man keine ruhige, müßige Stunde mehr kennt.
Sicher hilft es eine Weile, wenn man die zu leistende Arbeit strukturiert, auflistet, was wann wo wie zu tun ist. Doch das allein reicht nicht, es braucht mehr, um den Alltag zu bewältigen, anstatt von ihm überwältigt zu werden.
In dieser Hinsicht ist der heutige Predigttext besser als jedes ärztliche Rezept; eine wundervolle Wundergeschichte aus dem Mk-Ev. (1, 32 – 39), eine Geschichte über göttliches HEIL und menschliche HEILUNG.
Jesus fing gerade an, in Galiläa Leute anzusprechen, ihnen als Prediger von Gott zu erzählen. Und die Leute staunen über seine vollmächtigen Worte; sie sehen ihn unglaubliche Dinge tun: Blinde öffnen ihre Augen, Lahme lassen ihre Stützen fallen, seelisch Durcheinandergeratene sprechen wieder klare Worte. Dieser JESUS wirkt, als ob eine Gotteskraft aus ihm herausströmt. Göttliche Heilkraft in einem Menschen! Das spricht sich herum. Menschen suchen ihn auf.
32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

JESUS im Stress, ein vielbeschäftigter Mann. Kaum ist mit Sonnenuntergang die heilige Sabbatruhe vorbei, strömen die Menschen zu ihm. Sie bringen unheilbar Kranke und Verrückt-Gewordene zu ihm, Menschen, deren Leben aus dem Gleichgewicht ver-rückt ist. Sie empfinden sich körperlich oder seelisch überlastet, manche wie zerrissen und für menschliche Hilfe unheilbar. Die ganze Stadt mit ihrem gesammelten Unheil versammelt sich vor seiner Tür.
Welche Erwartungen strömen da auf ihn ein? Wie viele Hoffnungen klammern sich an seine Person. Und die Bereitschaft von Menschen, alles für das Wunder einer Heilung zu geben?
Die Not und Verzweiflung auf der einen Seite; ein fast grenzenloser Glaube auf der anderen: „Du kannst alles, JESUS. Also bitte, tu es!“
Dazwischen Widerspruchsgeister, die sich nicht kampflos geschlagen geben. Wahnideen umgarnen Menschen, quälende Gedanken fesseln ihren Verstand, ziehen ihre Gefühle herab, nehmen ihnen die Lebensfreude. Doch ihnen wird das Wort abgeschnitten. JESUS interessieren die Menschen. Und für ihn sind sie alle „normal“, nur ihre Situation ist aus der Normalität herausgerückt: Körperliches Leiden behindert ihren Lebensfluss; unerträglicher Schmerz verbrennt ihre Seele – kein Wunder, dass ihr Geist, ihr Verstand damit nicht zurechtkommt.
JESUS erweist sich hier als der Herr des Lebens. Er weiß und sieht und fühlt, was Menschen brauchen, was mir gut tut. Als Herr des Lebens tritt er auf und sorgt dafür, dass manches wieder zurechtgerückt wird – durch sein Schöpfer- und Herrenwort. was er sagt, das geschieht.
Er sieht tiefer als unsere Mitmenschen, er sieht auf den Grund unserer Seele und lässt dorthin seine heilsame Kraft fließen. Verletzungen heilen, innerlich und äußerlich. Das gilt auch uns heute, dass wir das beherzigen sollen: Jesus weiß, wo es in uns nicht gut ist und er kann helfen und tut es auch.
Er half vielen Kranken, steht in unserem Text und dann folgt. Am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
Konnte er nicht länger schlafen, vielleicht weil seine Gedanken mit menschlichen Schicksalen beschäftigt waren? Mir geht es manchmal so.
Oder war es die Überanstrengung? Permanent zuhören, immer präsent und zugewandt sein, Hände auflegen, liebevolle Kraft ausströmen zu lassen? Wird der Mensch JESUS nicht auch einmal müde? Erschöpft, leergepumpt? Er ist ja nicht nur Gottes Sohn. Er ist auch ein wahrer Mensch. Später am Kreuz zeigt sich das, er wird furchtbar leiden, körperlich jämmerlich zugrunde gehen und seelisch sich von Gott verlassen fühlen. Denn er ist immer beides: der Mensch, in dem Gott mir nahekommt. Und ein Kind Gottes, das mit beiden Beinen auf der Erde stehen muss.
Jedermann sucht dich! Vorwurfsvoll klingt die Stimme der Jünger. Gerade sie, seine besten Freunde, reagieren wenig verständnisvoll, ohne Mitgefühl für seine Erschöpfung. Mag sein, dass sie überfordert sind vom Andrang der Kranken und Bedürftigen. JESUS nimmt sich die Freiheit, auch für sich selbst zu sorgen! Er nimmt sich schon mal aus der Situation raus und sucht die Nähe Gottes im Gebet. Er ist die Quelle, aus der die Kraft des Lebens kommt. Zu dieser Quelle zu gehen ist ratsam, für ihn und für mich, für uns alle!
Jesus birgt sich hinein in Gottes Nähe, damit seine Menschlichkeit Erholung findet und Heil.
Er nimmt sich eine Auszeit; er geht auf Abstand von den anderen, von der Welt. Er verlässt den Ort, an dem er gebraucht wird. Er entzieht sich Menschen, mit denen er lebt, und lässt einen Berg von Erwartungen hinter sich. Indem er betet, lässt er auch sich selbst los, seinen eigenen Anspruch, alles tun zu müssen, was Gott und die Welt von ihm erwarten. In der Abgeschiedenheit von äußeren Einflüssen findet er einen Platz, wo er ganz er selbst sein kann – unbeobachtet, ungefragt. Allein mit sich selbst und dem Gott, der ihm zuhört.
Frischgebackene Mütter und Väter finden in den ersten Monaten nach der Geburt ihres Kindes meist wenig Schlaf; kaum Rückzugsmöglichkeiten. Großeltern, Freunde helfen sehr gern, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Und natürlich wollen Eltern von sich aus ALLES tun, um für ihr Kind da zu sein. Der Job „Eltern sein“ ist nicht allein ein full-time-Job rund um die Uhr, er ist auch unkündbar und ist für immer. Und dennoch – am glücklichsten sind Kinder wohl dann, wenn ihre Eltern zufrieden und im Gleichgewicht mit sich selber leben. Am Verhalten ihrer Eltern lernen sie, wie man mit den Herausforderungen des Lebens umgeht, ohne selbst dabei unterzugehen.
Manchmal hilft es, ein Stück Distanz zu schaffen. Heraus aus dem gewohnten Alltag, dem üblichen Rhythmus. Weg von der Herrschaft des Terminkalenders. Sich einfach mal vergewissern, dass es da noch etwas anderes für mich und in mir gibt.
Vielleicht brauchen wir manchmal eine Auszeit. Klöster und andere geistliche Häuser sind dafür gute Orte, vielleicht ist es auch nur mal das Hinausgehen in Gottes Schöpfung oder der Besuch in einer Kirche. Nur mal wenige Minuten meine Seele in die Sonne halten, das kann schon helfen.
Vielleicht fließt dann bei uns allen Licht, heilsame Kraft, Leben wieder in uns und regeneriert uns.
Ruhe strömt in mein Herz. Danach kann ich mich meinen Aufgaben stellen, kann viel besser wahrnehmen, welche wichtig sind und welche nicht, wo ich tatsächlich gebraucht werde, und wo andere ganz gut ohne mich zurechtkommen. Ich lerne meine eigene Mitte zu finden; ein gesundes Pendeln zwischen meinen Fähigkeiten und meinen Grenzen. Und ich wage es, mich fallen zu lassen. Das ist die Haltung des GEBETS, wie Jesus zeigt. Im Gebet weiß ich, dass ich nicht alles tun und nicht alles allein schaffen muss; ich werde aufgefangen von jenem Gott, der mich so liebt, wie ich bin. Und die vielen anderen rings um mich herum ebenso. Diesem Gott muss niemand etwas beweisen.
BETEN ermutigt zu mehr Gelassenheit. Ich bringe mich in Verbindung dem Ursprung meines Lebens, mit dem Grund meines Daseins: Ich lebe, weil GOTT es so will. Ich mache etwas aus meinem Leben, versuche dem nachzufolgen, was JESUS gelebt und gelehrt hat. Und ich bleibe dennoch ein Mensch mit Begrenzungen.
Als JESUS in der Einsamkeit mit Gott spricht, wird ihm sein Auftrag wieder ganz klar. JESUS bringt Gott zu den Menschen: Heil werden sollen wir und im Heil stehen.
Er legt uns seine Worte ins Herz, damit wir etwas daraus machen. Auf unsere Weise, mit unseren Begabungen. Ohne Verbissenheit und hektischen Stress, ohne Erfolgszwang, sondern mit heiterer Gelassenheit und dem glühenden Funken Liebe, den er in uns entzündet hat. Aus seinen guten Händen kommt alles. Amen.