Predigt zu Philipper 2, 5-11

Liebe Gemeinde,
dieser Sonntag heute, der Palmsonntag, ist von seinem Charakter her ein Tag widersprüchlicher Gefühle. Auf der einen Seite hören wir an diesem Tag von dem jubelnden Empfang, der Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem von den Menschen bereitet wurde. So, wie heutzutage ein Olympiasieger gefeiert wird, wenn er vom Wettkampf zurückkehrt, so ließen die Menschen damals Jesus hochleben. Sie standen reihenweise am Straßenrand und schwenkten ihre Palmzweige. Begeistert waren sie und hofften auf grundlegende Veränderung der Lebensverhältnisse. „Hosianna“, haben sie gerufen und das heißt „Hilf doch!“
Helfen sollte er, abhelfen der Ungerechtigkeit, die Besatzer aus dem Land vertreiben, das Königreich Gottes errichten. Doch Jesus ließ sich gefangen nehmen. Da wich die Begeisterung für Jesus recht schnell. Auf die Hosianna-Rufe folgten wenig später schon die Rufe: „Kreuzige ihn!“ Und genau das macht die Zwiespältigkeit dieses Palmsonntages aus. Denn mit diesem Sonntag beginnt die Karwoche, in der die Leidensgeschichte Jesu auf ihren Höhepunkt zusteuert. Statt die erhoffte Wende herbei zu führen, wird Jesus dem Tod ausgeliefert. Statt ganz oben auf der Erfolgsleiter zu stehen, landet er ganz unten, im Abgrund, am Kreuz. Helden sehen anders aus!
Der heutige Predigttext stellt uns diesen Weg Jesu von oben nach ganz unten dennoch als vorbildhaft vor Augen. Wir haben den Predigttext im Eingangsteil des Gottesdienstes bereits kennengelernt. Es ist der so genannte Christushymnus im Philipperbrief, Kap. 2, einer der frühesten Texte des neuen Testaments:
4 Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. 5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: 6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Liebe Gemeinde, dieser Text stellt eigentlich alles auf dem Kopf, was in unserer Gesellschaft üblicherweise gilt. Denn die, an denen wir uns normalerweise orientieren, das sind die Erfolgreichen, die es zu etwas gebracht haben, die Karriere machen, die Gewinner. Siegertypen –versucht man normaler Weise doch nachzueifern, vor allem als junger Mensch. Deutschland sucht den Superstar, Germanys Next Top-Modell, die Weltmeister und Olympiasieger – das sind die Leute, über die wir sprechen.
Und hier begegnet uns nun der absolute Gegenentwurf: die Geschichte eines „Absteigers“, – eines, der die Karriereleiter nicht nach oben, sondern nach unten geklettert ist, und das auch noch freiwillig. Wie uncool! Und dabei hätte er es gar nicht nötig gehabt. Hätte sich wunderbar raushalten können aus allen Unannehmlichkeiten des Lebens. Hätte sich als der absolute Supermann fühlen können, der über allem steht, dem niemand etwas anhaben kann. Mit göttlicher Macht, mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet – da ist man doch fein raus! Da kann man sich doch das ganze Treiben der Menschheit gemütlich aus der Ferne, von oben anschauen. Er hätte auf uns herabschauen können, wie wir uns abmühen, unser Leben zu führen. Er hätte sich den irdischen Problemen und Schwierigkeiten, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, locker entziehen können.
Aber er hat es nicht getan. „Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein“ – so sagt es unser Text. Das heißt, er hat es nicht festgehalten wie eine Beute, an die man sich klammert, wenn man sie einmal ergattert hat. Sondern im Gegenteil: er hat sich selbst entäußert, d.h. er hat seine Gottgleichheit abgelegt: wie ein König, der seine prachtvollen Gewänder ablegt und gegen armselige Lumpen eintauscht, und sich unter die einfachen Leute mischt. Er nahm die Gestalt eines Knechtes an, eines Ausgebrannten, einer Trauernden, eines Witwers, eines Harz-IV-Empfängers, würden wir heute vielleicht sagen – jedenfalls eine Gestalt, die es nicht leicht hat im Leben. „Er wurde ein Mensch“, wie du und ich. Und der Predigttext betont: er hat sich nicht etwa nur verkleidet als Mensch, und ist in Wirklichkeit weiter göttlich geblieben. Nein – er ist wirklich durch und durch Mensch geworden. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, in nichts mehr zu unterscheiden von jedem anderen Menschen: verletzbar, verwundbar und sterblich, wie wir alle.
Wir hätten so etwas nie getan. Denn wer gibt schon freiwillig das auf, was er hat. Wenn ich mit Privilegien geboren bin, weil ich eben das Glück hatte, reiche Eltern zu haben, oder ein gebildetes Elternhaus – dann werde ich das doch nicht einfach preisgeben. Dann werde ich doch alles tun, um das, was ich den anderen voraushabe, festzuhalten, oder etwa nicht? Von Jesus aber heißt es, dass er das Gegenteil tat. Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Soweit ist er mit seinem Weg der Hingabe und der Selbstaufgabe gegangen. Sein Weg von ganz oben nach ganz unten endete dort: an dem Ort, an dem damals Verbrecher hingerichtet wurden.
Das alte Christuslied ist hier allerdings noch nicht zu Ende. Sondern es geht noch weiter. Und zwar so, dass es da plötzlich in dieser Abstiegsgeschichte von Jesus Christus einen Wendepunkt gibt. Eingeleitet wird diese Wende mit dem Satz: „Darum hat ihn auch Gott erhöht.“
Was ist da passiert? Bei Gott gilt wieder einmal ein Paradoxon: Wer sich erniedrigt, wird erhöht. Und damit ist nicht das Kreuz gemeint.
Gott selbst, sagt das alte Lied, hat ihn aus der Tiefe geholt. Warum? Weil er Gott treu geblieben ist, weil er seine Bestimmung angenommen hat, weil er auf seine innere Stimme gehört hat. Er ist den Weg gegangen, den Gott ihm bestimmt hat: den Weg zu den Menschen, den Weg der Hingabe, den Weg der mitleidenden Liebe, die nicht den eigenen Vorteil, sondern das Heil der anderen sucht. Darum also hat Gott ihn erhöht, so paradox es auch klingen mag: weil er darauf verzichtet hat, Gott gleich zu sein. Darum hat Gott ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist: die Berühmtheiten unserer Welt sind nichts dagegen. Dieses alte Christuslied beschreibt das in diesen wenigen Sätzen die ganze Geschichte Jesu, mit all den Stationen, die wir in der ersten Hälfte des Kirchenjahres feiern:
• seine Menschwerdung im Stall von Bethlehem, von der wir an Weihnachten hören,
• sein Leidensweg, an den wir uns in der Passionszeit erinnern,
• seine Auferstehung, die wir an Ostern besingen,
• und seine Erhöhung zu Gott, die wir an Himmelfahrt erinnern.
Er legt ab: seine Macht und seine Privilegien und stellt sich ganz in den Dienst der Menschen. Er stellt sich ganz in meinen Dienst, in den Dienst eines jeden, der das annehmen kann und will.
Er ist sich dafür nicht zu schade, sich auf unser kleines Leben einzulassen, ja, mehr noch: er wird einer von uns.
Das alte Christuslied sagt uns, dass dieser Gott in Jesus, sich selbst zu einem Diener erniedrigt hat. Aber: er ist nicht im Tod geblieben, auch wenn er wie ein verfluchter Verbrecher am Kreuz sterben musste.
Mit seinem Durchhalten bis zum bitteren Ende hat er gezeigt,
• dass die Liebe stärker ist, als der Tod,
• dass das Leben, das Gott schenkt, nicht aufhört.
• dass dieser Gott es mit mir persönlich zu tun haben möchte.
Darum hat Gott ihn erhöht und darum bekennen wir uns zu ihm. Wir stellen seinen Namen über alles, weil er Leben und Heil gebracht hat und bringt. Gott hat diese wundersame Wende herbeigeführt – hat aus dem scheinbaren Scheitern des menschgewordenen Sohnes einen Sieg gemacht, von dem wir zehren können.
Aus dem Ende wurde ein Anfang. Am Ende dieser Geschichte haben also doch wieder Freude und Jubel die Oberhand. Auch wenn sie jetzt, zu Beginn der Karwoche, noch nicht dran sind. Denn wir denken am Gründonnerstag an das Avbendmahlk und wie seine Jünger ihn danach im Stich gelassen haben.
An Karfreitag daran, wie die Mächtigen sich zur Ungerechtigkeit hinreißen ließen und der Sohn Gottes starb – und doch darin, als es ganz aus schien, er die Tür zum Vaterherz Gottes geöffnet hat.
An Ostern wird es dann sichtbar, dass das Leben siegt und uns Heil und Leben gilt.
Vielleicht können wir jetzt die Ermahnung verstehen, die der Apostel Paulus diesem alten Christuslied voranstellt: Seid untereinander so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Macht es so wie Jesus, sagt uns Paulus hier. So wie Jesus seine Privilegien abgelegt hat und sich den Menschen ganz unten zugewandt hat, so sollen auch wir in unserem Miteinander davon absehen, uns an Privilegien zu klammern oder bei dem, was wir tun, unsere Person in den Vordergrund zu stellen. Zu der Gesinnung, die der Gemeinschaft in Christus entspricht, gehört der Anspruch, dass es bei uns anders zugehen muss, als in vielen Bereichen der Gesellschaft, wo der Ellbogen das wichtigste Körperteil ist, um weiter zu kommen und sich nach oben durchzuboxen. Christen sollen von Jesu Beispiel lernen. Jesus sagt an anderer Stelle, „wer groß sein will unter euch, soll euer Diener sein.“ Genau darum geht es auch Paulus hier: unser Leben nach dem Vorbild Jesu auszurichten, bedeutet, es in den Dienst der Gemeinschaft stellen, die Kirche heißt. Und Kirche, das heißt ja auf deutsch: die zum Herrn gehören.
Nicht größer, wichtiger sein wollen, sondern einfach da sein für die, die uns brauchen - Rücksicht aufeinander zu nehmen - einander mit Wertschätzung zu begegnen. So, denke ich, sieht die Gesinnung aus, die der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Dann gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha. In den nächsten Tagen und Wochen können wir diese Haltung oder Gesinnung vertiefen, wenn wir gemeinsam in der Gemeinde den Weg Jesu nachvollziehen – nach ganz unten zum Kreuz und wieder hinauf zu Gott.
Amen.