Predigt zu Matthäus 25, 1-13

Predigt
In diese Jahreszeit passt der Totensonntag. Die Bäume strecken ihre kahlen Äste in den Novemberhimmel. Auf dem Straßenpflaster klebt das feuchte Laub. Im trüben Licht dieser Tage kreisen unsere Gedanken heute aus diesem Anlass um Sterben und Tod. Den Totensonntag begehen wir heute und denken an unsere Toten. Den Ewigkeitssonntag begehen wir und fragen über den Tod hinaus: Was trägt uns wirklich? Unser Leben ist endlich – und was folgt? Wen haben wir verloren in diesem Jahr? An wessen Grab haben wir gestanden? Für viele ist solches Erleben noch ganz frisch, die Trauer noch nicht zur Ruhe gekommen.
Doch nicht eine Beerdigung, sondern eine Welt, die ohne Negatives auskommt, wurde uns in der Schriftlesung vor Augen gestellt, ein Leben in der Gegenwart Gottes. der biblische Gedanke meint ja dieses: Wenn wir der Quelle des Lebens gegenüberstehen, dann strömt seine Energie zu uns und macht uns heil. Und wer heil ist, der hat kein Leiden mehr, keine Schmerzen und es gibt keine Kriege mehr und keine Gewalt. Wenn Gott uns persönlich begegnet, dann hat das Auswirkungen, das schließt das christliche Bekenntnis von der Auferstehung der Toten mit ein. In ihm ist das Leben und in ihm bleiben wir – auch unsere Verstorbenen.
Eine Hochzeitsfeier wird uns im Evangelium des heutigen Sonntags vor Augen gestellt. Jesus erzählt ein Gleichnis vom Himmelreich. Und er fasst dieses Reich, in dem aller Abstand zwischen Gott und den Menschen überwunden ist, wie so oft in ein Bild, diesmal einer Hochzeitsfeier.

Dann wird es mit dem Reich der Himmel sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen. Fünf aber von ihnen waren klug und fünf töricht. Die, welche töricht waren, nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich; die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Als aber der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen alle jene Jungfrauen auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen verlöschen. Die klugen aber antworteten und sagten: Nein, dann würde es für uns und für euch nicht genug sein; geht lieber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Als sie aber hingingen, zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen. Später aber kamen auch die übrigen Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, tu uns auf! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. So wacht nun, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.

Wie bei jedem gelungenen Fest kommt es ganz besonders auf die Vorbereitung an. Die Rede ist von zehn jungen Frauen, die im Haus der Braut auf den Bräutigam warten. Mit ihm zusammen wollen sie die Braut auf dem Weg zum Haus des Bräutigams begleiten. Dort wird das Hochzeitsfest stattfinden. Festlich soll der Zug werden. Nur die können mitgehen, die eine brennendes Öllicht tragen, eine Gefäßfackel, an der ein mit Öl getränktes Stück Stoff brennt und Licht verbreitet. Fackeln sind es, die Braut und Bräutigam den Weg zeigen.
Brautjungfern begleiten das Brautpaar. Bei Hochzeiten schaut man ganz besonders auf die jungen Frauen, denen selbst das Fest noch bevorsteht, das einen Höhepunkt im Leben bildet und an dem sich so viel entscheidet. Auch heute ist das noch so.
Die jungen Frauen wissen das und bereiten sich darauf vor. Der Bräutigam lässt auf sich warten, aber die Fackeln brennen schon. Allmählich ist das Öl in den Gefäßen aufgebraucht. Die einen haben vorgesorgt, die anderen nicht. Die einen können nachfüllen, die andern schauen ins Leere. Jetzt wäre Teilen angesagt. Doch Teilen hilft hier nichts. Wenn das Öl nicht für alle reicht, würden beim Teilen alle Fackeln zu kurz brennen. Dann wären am Ende alle Fackeln finster, bevor der Hochzeitszug am Ziel ist. Das wäre ein schlechtes Vorzeichen für die junge Ehe. Es mag ja möglich sein, fünftausend hungrige Münder zu sättigen, indem man ein paar Brote und einige Fische unter ihnen teilt. Aber wo das Fest erleuchtet werden soll, hilft es nichts, wenn alle Fackeln vor der Zeit zum Erlöschen kommen. Die klugen Jungfrauen haben Recht, wenn sie nicht teilen. Wer nicht vorgesorgt hat, muss selbst für Nachschub sorgen. Der Ölverkäufer muss aus dem Bett geklingelt werden, die Sache ist dringlich. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wer nicht vorsorgt, zieht den Kürzeren. Dazu gibt es manchmal keine Alternative. Teilen hilft nicht.
Natürlich stellen wir uns schnell auf die Seite der Klugen. Wir sorgen rechtzeitig vor. Wir wollen das Entscheidende nicht verpassen. Auch in Glaubensdingen sollte das gelten. Aber so einfach ist das nicht. So wach sind wir nicht immer. Das Novembergrau und die auf dem feuchten Boden klebenden Blätter erinnern uns daran. Wir kennen das Gefühl, die Tür zum Festsaal sei längst zugefallen, das Leben sei an uns vorbeigegangen. Wir sehen die Lichter und hören die Musik, aber das spielt sich hinter den Fenstern ab – und wir sind draußen. Es geht uns so, wie Meister Eckhart, einer der großen Mystiker der Christenheit, es beschrieben hat: Gott ist allezeit bereit, wir aber sind sehr unbereit; Gott ist uns nahe, wir aber sind ihm fern; Gott ist drinnen, wir aber sind draußen.
Unser Mitgefühl mit den törichten Jungfrauen, denen das Öl fehlt, ist nicht gespielt. Wir kennen die Rolle. Wie oft fehlt es uns am Öl. Wir wollen brennen, aber wir können nicht. Wir sollen leuchten, aber es will nicht gelingen. Wir sollen andern den Weg zeigen, aber kennen ihn selbst nicht. Wir wissen, dass wir besser auf die Ölvorräte unseres Lebens achten müssen. Wir brauchen Zeiten, in denen wir wieder lernen, die Hoffnung zu hüten und mit dem Gott des Lebens zu rechnen. Diese Novembertage sind solche Zeiten.
Der Beter des 90. Psalms sagt: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. So klug wie die fünf Jungfrauen, die nicht wissen, wie lange die Zeit währt, sich aber auf das Kommen ihres Bräutigams einrichten. Wann es so weit sein wird, bleibt uns verborgen. Wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde, heißt es in unserem Gleichnis.
Wir brauchen die Novembertage, die kahlen Bäume, die nassen Blätter am Boden. Es ist töricht, das Empfinden dieser Tage durch voreiligen Weihnachtsglanz zu überdecken. In unseren Städten können die Menschen das nicht aushalten. Warten, das ist nichts für Menschen des 21. Jahrhunderts. Wir bestellen heute und morgen wird geliefert.
Ich will mich damit nicht abfinden. Ich bin dafür, jeder Zeit ihre eigene Würde zu lassen: den dunklen Novemberwochen wie dem leuchtenden Advent. Deshalb rufen wir in den Kirchen auch dazu auf, die Besonderheiten der Zeiten im Kirchenjahr zu achten: Alles hat seine Zeit.
Heute geben wir der Erfahrung Raum, dass Tod unser Leben umgibt. Einige von Ihnen haben diese Wahrheit im zu Ende gehenden Jahr schmerzlich erlebt, als ein naher Angehöriger, der Ehemann, die Mutter, der Vater, ein Lebenspartner oder gar ein Kind verstorben ist. Todesfälle sind uns nahe gegangen, gerade auch in diesem dunklen November selbst. Der Tod trat uns entgegen auf Friedhöfen, in Krankenhäusern oder an den Straßen.
Mitten im Leben bin ich vom Tod umgeben. Das ist die Realität, die Sie in diesem Jahr erleben mussten. Christen dürfen in dieser Zeit tiefer sehen und erleben, getragen zu wedren von dem der das Leben ist. Martin Luther hat deshalb umgekehrt sagen können: mitten im Tod bin ich vom Leben umfangen.
Denn der Bräutigam kommt. In seinem Licht ist jeder Tag kostbar, der uns geschenkt wird. Der Tod muss uns nicht mehr für immer kränken, lahmen und binden.
Denn wer zu Jesus Christus gehört, der gehört zum Leben und kann hoffnungsvoll auf die Worte der Beerdigungsliturgie hören, wo es heißt, dass Gott aus dem Tod ins Leben ruft.
Dieser Sonntag stellt uns alle vor die Vertrauensfrage. Was ist unser wichtigster Halt im Leben und im Sterben?
Dem Tod kann ich nur standhalten, wenn ich mich auf eine Kraft verlasse, die mir meine Lebensangst und Todesangst überwinden hilft. Es geht um einen Glauben auf Leben und Tod. Meiner Angst vor dem Sterben tritt ein Vertrauen auf Gott entgegen, der mein ganzes Dasein, mein Leben und mein Sterben hält und trägt.
Auch im Tod fallen wir nicht ins Bodenlose. Wir fallen in Gottes Hand.
Wohin der Tod auch kommt - Gott ist immer schon da. Und wo Gott ist, da ist das Leben. Deshalb ist der Tod kein „hoffnungsloser Fall“, weil ich immer in der Liebe Gottes geborgen bleibe. Auch ohne mein Zutun. Und so sind auch unsere Verstorbenen durch Jesus Christus - durch sein Sterben und Auferstehen - in der selben Liebe Gottes geborgen, die auch uns Lebende umfängt.
Mag kommen, was will, Gott wird bei uns sein:
• mit seiner Hilfe, auf die wir trauen können,
• mit seiner Zusage, in Christus verbürgt,
• mit seinem Wort, das nicht vergeht.
Aber dennoch: Seid wachsam und bereitet euch auch darauf vor. Denn ihr wisst weder Zeit noch Stunde. Amen.