Predigt zu "Wollt ihr auch weg gehen?"!

Dreizehn Lichter
Bauer:
Jesus und seine Jünger. Sie werden ihn verlassen und werden fliehen in dieser Nacht. Er wird allein bleiben; er allein wird bleiben. Wer könnte von sich sagen, er – sie – hätte standgehalten in dieser Nacht? Wer kann von sich sagen, er – sie – werde standhalten, wenn eine solche Nacht kommt?
1. Kerze Lang
Der erste verlässt Jesus schon, während er mit ihnen Brot und Wein teilt. Er geht in die Nacht, um ihn zu verraten. Er wird es mit einem Kuss tun. Zärtlichkeit wird zum Mittel des Verrats. Nicht einmal der Kuss ist davor geschützt, missbraucht zu werden. (Die erste Kerze wird ausgelöscht.)
2. Kerze Grüter
Der zweite, später im Garten, mag Nachteile für Frau und Kinder fürchten: Wenn sie mich festnehmen, denkt er, wird es ihnen schlecht ergehen. Er flieht – und macht es den anderen leicht, Gründe für ihre Flucht zu finden. (Die zweite Kerze wird ausgelöscht.)
3. Kerze Lang
Dem dritten wird in einem Augenblick klar, dass Jesus verlieren wird. Der Gang der Dinge spricht gegen ihn. Warum soll ich mich für den Gescheiterten opfern? (Die dritte Kerze wird ausgelöscht.)
4. Kerze Grüter
Der vierte hat zuerst und vor allem Gehorsam gelernt und erst später etwas Zivilcourage und Widerstand. Mit Mächtigen sollte man sich nicht anlegen, denkt er in dieser Nacht. Den Schwertern muss man sich fügen. Er fügt sich – und flieht. (Die vierte Kerze wird ausgelöscht.)
5. Kerze Lang
Den fünften sehe ich gar nichts denken. Er hat nur Angst: Angst um sein Leben. Er tut, was sein Fluchtinstinkt ihm eingibt. (Die fünfte Kerze wird ausgelöscht.)
6. Kerze Grüter
Der sechste läuft fort, weil er sich der Nachwelt erhalten will. „Wenn Jesus jetzt nicht zu helfen ist“, so denkt er, „will ich jedenfalls dafür sorgen, dass hinterher die Wahrheit über ihn verbreitet wird“. (Die sechste Kerze wird ausgelöscht.)
7. Kerze Lang
Den siebte befällt ein unwiderstehliches Gefühl des Zuviel: Er hat die unablässigen Zumutungen nun endlich und endgültig satt. Damit soll es ein Ende haben. (Die siebte Kerze wird ausgelöscht.)
8. Kerze Grüter
Der achte sehnt sich, wie ich vermute, in diesem Augenblick der größten Müdigkeit zurück: nach Hause, ans Ufer des Sees, von dem er sich einst wegholen ließ und wo die Familie schon lang auf ihn wartet. (Die achte Kerze wird ausgelöscht.)
9. Kerze Lang
Der neunte will sich von Gewalt distanzieren. Er will nichts damit zu tun haben, dass Schwerter gezogen werden. Wird nicht durchs Schwert umkommen, wer das Schwert nimmt? Er schleicht sich unauffällig davon. (Die neunte Kerze wird ausgelöscht.)
10. Kerze Grüter
Dem zehnten wird in diesem Augenblick klar, dass er sich getäuscht hat und dass alles bis hierher ein Irrweg war: drei verlorene Jahre. Aber noch ist es nicht zu spät, umzukehren und das alte Leben zurück zu gewinnen. (Die zehnte Kerze wird ausgelöscht.)
11. Kerze Lang
Der elfte, so lese ich in seinem Gesicht, traut sich alles zu, aber nicht, gefoltert zu werden. Davor hat er nun wirklich Angst. Er hat mit sich gekämpft; nun gibt er auf. (Die elfte Kerze wird ausgelöscht.)
12. Kerze Grüter
Der zwölfte, der zuerst mit den anderen flieht und dann doch in einigem Abstand dem Gefangenen nachgeht, der zwölfte möchte solidarisch bleiben, doch unmerklich und unerkannt. Bis der Hahn kräht, hat er gelernt, dass darin ein unlösbarer Widerspruch liegt. (Die zwölfte Kerze wird ausgelöscht.)
13. Kerze Lang
Ein Licht ist übrig geblieben. „Ich bin das Licht der Welt“, sagt der, der bleibt, von sich. „Wer mir nachgeht, wird nicht in der Finsternis bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Über ihn sagt Jesaja in einer Vorahnung: „Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,4.5)

Christus, dein Licht (3 X)

Predigt
Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist der/die beste Jünger im ganzen Land? Heute würden wir fragen: Wer engagiert sich am meisten in der Gemeinde? Dahinter steckt auch das Grundbedürfnis nach Anerkennung und Macht. Das ist überall auf der Welt so, wo Menschen Gemeinschaften bilden – natürlich auch im Jüngerkreis. Da machen auf Menschenliebe gegründete Unternehmungen wie Kirchengemeinden keine Ausnahme. Schauen wir in unser eigenes Herz: das sitzt ganz tief in uns drin, auch wenn Jesus das nie gewollt hat.
Es liegt nahe nun moralisierend zu werden, so nach dem Motto: ihr lieben Schwestern und Brüder, hier sieht man es mal wieder, wie es um uns Menschen bestellt ist; wie wir uns selbst in den Mittelpunkt rücken. Zwei Jünger baten sogar einmal um den Platz im Himmel neben Jesus. Überhaupt diese bösen Jünger! Jesus hat ihnen gerade gesagt, dass er ans Kreuz gehen wird. Da kommen die mit ihrem Egoismus und lassen ihn im Stich. Deshalb heißt die Moral von der Geschichte: ihr lieben Schwestern und Brüder in der Gemeinde: seid doch bitte etwas demütiger und bescheidener. Bei euch sollte ein großer Streit der Demütigen ausbrechen, wer ihn nicht im Stich lässt. Wenn dich alle verlassen, ich nicht. Und Jesus schaut uns an und fragt: Wollt ihr auch weg gehen?
Es stimmt schon: Was scheinbar christlich daherkommt, ist oft von Selbstbezogenheit bestimmt. Es gibt kaum mehr verkehrte Selbstliebe als da, wo man sich ständig vornimmt, bescheiden und treu im Glauben zu werden.
Was haben die Jünger falsch gemacht?
Vielleicht haben die Jünger Gemeinschaft mit einem Zweckverband verwechselt, dem man beitritt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das ist sehr modern. Für die beiden Jünger, die den besten Platz im Himmel haben wollten, war der Jüngerkreis offenbar Mittel zum Zweck, im Himmel anzukommen und vorher ein interessantes Leben mit Jesus zu führen. Das ist ja auch wirklich erstrebenswert. Das Schwierige ist nur: das Jünger-Sein beschränkt sich darauf, das Bedürfnis nach diesen schönen Plätzen befriedigt zu bekommen. Ich bin davon überzeugt: unsere menschliche Natur ist bis heute so. Die Mehrzahl aller Eintritte in eine Gemeinschaft (egal ob ein Kirche, eine Partei oder ein Verein) steht unter diesem Vorzeichen: ich verspreche mir etwas von dieser Gemeinschaft. Ich erwarte, dass ich mit den anderen Leuten meine Bedürfnisse gestillt bekommen kann. Folge: die Gruppe ist das Mittel, die Befriedigung meiner Bedürfnisse ist der Zweck. Ich will etwas von denen. Prüfen wir uns selbst und wir werden feststellen: irgendetwas haben wir uns davon versprochen, als wir anfingen in dieser Gemeinde mitzumachen. Menschen von heute versprechen sich i. d. R. keinen Platz bei Jesus. Ein sehr verbreiteter Grund sich einem christlichen Kreis anzuschließen ist der Wunsch, in der kalten, finsteren unpersönlichen Welt Nestwärme und Geborgenheit zu finden. Menschen wollen Einsamkeit überwinden. Das ist ja nicht schlecht. Solche und andere Bedürfnisse können gut in Gruppen zu ihrem Recht kommen. Nur: wenn ich mit der Haltung in eine Gruppe gehe, weil ich das und das davon haben will, dann behandle ich diese Gemeinschaft wie ein Warenhaus, in dem ich mir tausendfach unter einem Dach alles holen kann, was ich zum Leben brauche. Das ist Konsumverhalten. Diese Haltung ist oft genug Ursache für ein Scheitern einer Gemeinschaft.
Als Jesus im Garten Gethsemane gefangen genommen wurde, liefen alle Jünger weg und flohen. Die Liebe zur Gemeinde reicht soweit, als das, was ich von der Gemeinschaft haben will, auch geboten wird. Ist die Nestwärme mal weg, wird es ungemütlich. Tauchen Konflikte oder andere Schwierigkeiten auf, bleibe ich weg (oder gehe woanders hin). Jede Gemeinschaft, auch eine Kirchengemeinde, leidet daran, dass sie von vielen als Mittel zum Zweck entfremdet wird. Wenn die Gemeinschaft die Zwecke nicht befriedigt, dreht man sich um und sagt: Tut mir leid. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich bin enttäuscht. Ich hatte das und das erwartet; das ist nicht eingetreten. Nun muss ich gehen.
Eine Gemeinschaft kann nur gelingen, wo ich an den Menschen selbst interessiert bin und nicht an etwas von ihnen.
Der Blick fällt auf Jesus. Er verknüpft seinen eigenen Weg ganz eng mit dem gemeinsamen Leben der Jünger: Die Gemeinschaft der Jünger mit ihrem Herrn steht von Beginn an unter dem Zeichen des Kreuzes. Jesus hat nicht darum die Gemeinschaft mit uns Menschen gesucht, weil er sich irgendeinen Nutzen davon versprochen hat. Es war sein freier Entschluss. Er meint uns, nicht etwas von uns. Er interessiert sich für jede/n Einzelne/n – so wie er/sie ist. Ohne Bedingungen. Ohne Erwartungen. Seine Liebe verschenkt sich grundlos und grenzenlos. In diese Liebe bindet er uns ein. Er lässt sie jede/n von uns persönlich spüren: für dich gestorben / mein Blut für dich vergossen (Abendmahl!)
Also, lieber Mensch, prüfe dich selbst. Willst du mit Jesus durchs Leben gehen?
Willst du ich nicht verlassen, weil du ihn liebst?
Bist du einfach froh, wenn du in seine Gegenwart trittst, zu Beispiel jetzt?
Darauf kommt es an, dass wir Gott über alle Dinge ehren, ihn lieben und ihm vertrauen.
Dann sind wir angeschlossen ans Leben, weil Gott das Leben ist.
Dann sind wir fähig uns in seiner Gemeinde zu engagieren, nicht weil wir ein Bedürfnis gestillt bekommen möchten, sondern, weil es gut tut in seiner Gemeinde ihm zu begegnen.
Dann sind wir weiterhin Unvollkommene, aber doch seine geliebten Kinder.
Nicht was ich erwarte und bekommen will, ist entscheidend. Das zeigt Jesus uns an diesem Abend. Als er die Gemeinschaft mit uns Menschen suchte, hat er sich hineingegeben. Deshalb kann es in seiner Nachfolge auch nicht anders zugehen.
Wir sind eingeladen, uns vom Menschensohn Jesus dienen und erlösen zu lassen. Er selbst wird uns verwandeln in Menschen, die aus Liebe ihr Leben verschenken für andere und dadurch ihr Leben finden werden. Leben wir mit ihm, geschieht die Verwandlung – ohne Anstrengung, ohne Druck, ohne Moralin. Setzen wir uns IHM aus, dann leuchtet sein Licht in uns auf, bis er die Herzen zu sich zieht. Amen.