Predigt zu Hesekiel 34, 1.2.10-16.31

Die Sonntage nach Ostern sprechen alle davon, wer der auferstandenen Jesus Christus für uns ist, und wie sich das Leben von uns Christen in seiner Nachfolge gestaltet.
Der letzte Sonntag, der weiße Sonntag, Quasimodogeniti hat zum Thema wie das Leben sich in der Begegnung wie neugeboren erleben lässt. In den nächsten Wochen folgen Jubilate, Kantate und Rogate, vom Gotteslob, vom Aufatmen, vom Singen, und vom Beten wird da die Rede sein.
Miserikordias Domini (= Güte, Erbarmen des Herrn) so heißt der 2. Sonntag, nach Ostern, mit dem die Neue Woche beginnt. Besser bekannter ist dieser Tag mit seinem Titel, der Sonntag vom 'Guten Hirten“
Dazu gehört natürlich der Psalm 23, den wir  vorhin gebetet haben, eines der bekanntesten und tröstlichsten Gebete der Bibel.
Der Gute Hirte  ist Jesus Christus. So stellt sich Jesus selbst vor: und so gibt er sich zu erkennen: als der gute Hirte.
Er ist Gottes Antwort auf andere Hirten, von denen wir auch wissen:
Dass es auch solche, andere Hirten gab und gibt, die alles andere als vorbildlich, pflichtbewusst und gut waren und sind, ist nichts Neues. Darüber klagt und spricht Gott selbst im Buch des Propheten Hesekiel aus dem wir heute den Predigttext in Auszügen aus dem 34. Kapitel hören:
1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. 4 Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. 5 Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. 6 Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht. 7 Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort!
10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Liebe Gemeinde
Gott kritisiert mit scharfen Worten die Zustände im Volk Israel. Die Besitzenden nehmen den Armen das Letzte weg, um selber reicher zu werden.
Man kann es nicht deutlich genug sagen, dass auch in unserem Land oft solches Unrecht geschieht. "Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander!" So hört man öfter in den Nachrichten, und dabei wird so getan, als sei das ein Naturgesetz. Unausweichlich…. Das ist es aber nicht! Das ist von Menschen gemacht und Ähnliches ist immer wieder in den Jahrtausenden geschehen und genau das hat damals Gott durch den Propheten Hesekiel scharf verurteilen lassen!
Und es ist ihm bis heute ein Gräuel
„Wehe den Hirten, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“, sagt Gott durch den Propheten Hesekiel.
So klagt Gott über die Zustände unter den Menschen und Völkern und so klagt er an!
Und was klagt er an?
Wehe den Hirten, die sich selbst weiden
Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
Den blanken Egoismus, die Selbstsucht, das ausbeuterische Leben auf Kosten anderer. Jeder ist sich selbst der Nächste. Nun aber ist diese Klage nicht nur etwa auf Politiker und Banker zu beziehen. Das wäre ja eine einfache Rechnung, aber sie geht nicht auf! Vieles läuft falsch.
Die sozialen Zustände entwickeln sich bedenklich, aber  - es geht hier auch um uns.
Wir sind verantwortlich, für die Menschen, die uns anvertraut sind!
Liebe Gemeinde,
Eine flammende politische Predigt aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, haben wir hier vor uns, so scheint es. Vernichtende Kritik an den Herrschenden. Fast wie bei einer Parteiversammlung einer Protestpartei. Und Gott gibt dazu den Auftrag: Du Menschenkind, sprich gegen die Herrschenden Israels. Der Prophet Hesekiel sitzt im fernen Babylon, ist aber gut unterrichtet. gerade hat er die Katastrophe erfahren: Jerusalem wurde zerstört, die Bevölkerung verschleppt.
Klage die politischen Führer an: Ihr seid schuld an der Katastrophe: Das ist das Ergebnis eurer Politik. Ihr hätte Hirten sein sollen, aber ihr habt nur an euch gedacht. Ihr habt die Schwachen nicht unterstützt, die Starken sich nicht entfalten lassen, sondern nur zum eigenen Vorteil habt ihr gehandelt und alle ausgebeutet. Eine politische Predigt, wirklich!
Heute liegen Parallelen so nah, dass es fast zu einfach wäre, sie heute auf die Politik in der Welt anzuwenden.
Auch heute wird Macht missbraucht – wie damals in Schulen, Familien, Politik, Wirtschaft. – heute wie damals kommt zuerst der Eigennutz.
Heinz Erhardt konnte dichten: Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich – nur ich – denk an mich. Alles also so wie immer? Die Predigt des Propheten ist nicht nur vor 2500 Jahren gültig gewesen. Politik auf Kosten der Armen – auch heute.
Der Prophet würde heute zu den Radikalen gehören, die die gesamte Klasse der Macht kritisieren und sie ist ganz und gar nicht konstruktiv. Kein Wort zur Änderung, keine Empfehlung, nichts. Nur Anklage, er fordert nichts von ihnen, sie müssen einfach nur weg! Kritik ohne Alternativvorschlag – das ist wenig zielführend. Auch in den politischen Debatten der Gegenwart ist es leicht, dagegen zu sein, ohne wirkliche Alternativen. Tabula rasa machen, dann wird es besser? Dann wird alles gut?
Tabula rasa, das ist das Programm des Propheten – ein Ende damit machen. Aber hier tritt keine revolutionäre Bewegung auf, sondern der Prophet spricht im Namen Gottes. Er selbst lässt verkündigen: ich will ein Ende machen. Eine Flurbereinigung in solcher Radikalität kommt von außen, von Gott. Wenn von innen kommt, was wir tun, dann zeigt sich unser Personkern – unser Herz. Hesekiel ist der Meinung: Die Gerechtigkeit kommt eben nicht von innen, nicht aus uns Menschen heraus, wir brauchen dazu Gott, seine Weisung, ihn als Hirten.
Es gibt keine anderen Retter. Nicht nur den alten Führern ist eine gute Alternative nicht zuzutrauen, nein – Niemandem. Fundamentalkritik liegt hier vor uns.
Warum denkt der Prophet so schlecht – weil er den immer neuen Missbrauch der Macht satt hat. Wenn wir die Weltgeschichte anschauen – genauso ist es. Neue Aufbrüche, neue Hoffnung  und wieder füllen sich die Machthaber gerne die eigenen Taschen.
Er hält dem Volk und seinen Führer vor, wie oft ein Neuanfang versucht wurde, neue Führer und das Ergebnis – wie oft in der Weltgeschichte. Revolutionen und Hoffnung auf neue bessere Verhältnisse – arabischer Frühling – und das Ergebnis.
Warum ist es immer wieder so gekommen? Warum stehen wir wieder vor einem Scherbenhaufen: Es konnte gar nicht anders sein, sagt der Prophet. Denn in der Wurzel liegt es. Es kommt immer wieder heraus, was im Herzen des Menschen ist: dass sie letztlich immer nur sich selbst weiden. Die Selbstbesessenheit, das eigene Prestige und Wohlergehen. Da mag man Korrekturen anmahnen, aber es wird nicht dauerhaft anders, wenn sich das Herz nicht ändert – immer wieder dasselbe Spiel.
Deshalb beendet Gott ihre Herrschaft, deshalb keine leichte Kurskorrektur.
Die Wurzeldiagnose Gottes lautet: Nur von außen kann die Rettung kommen. Eine radikale Flurbereinigung: ich selbst werde sie weiden.
Wie soll das aussehen, sich konkretisieren. Ein idyllisches Panorama wird uns vor Augen gestellt: Schäfer und Herde auf grüner Wiese.
Nun antwortet der Prophet ein nur einige Zeilen später: Indem ich euch das steinerne Herz nehme und ein lebendiges Herz gebe, sagt der Prophet. Denn das steinerne Herz ist die Wurzel der Misere, der weltweiten und der persönlichen.
Mit neuem Herzen ausgestattet werden die Menschen anders handeln und dann wird Gott der Hirte sein.
Hesekiel dachte das als religiös-politisches Programm für Israel. Doch es kam anders.
Als Jesus dieses Bild aufgreift und sagt: „Ich bin der gute Hirte“, nimmt er in Anspruch, dass diese neuen Verhältnisse mit ihm anbrechen. So sieht der Hirte aus, der seine Herde weidet, wie es recht ist: Wir brauchen nur das Leben Jesu anzuschauen. Er wird zum Hirten, weil er liebt bis zum Ende, weil er sich hingibt und von ihm die Befreiung kommt, für die steinernen Herzen. Sie werden lebendig – alle die diesem Jesus nachfolgen.
Der Kreislauf von Selbstbesessenheit und Unrecht  - er befreit - aus unserer Ichsucht hilft er heraus.
Ist das, was der Prophet uns verkündet politisch – zunächst ja. Aber was er verkündigt, hat letztlich mehr Tiefe. Er geht an die Wurzel. Das Herz der Menschen ist aus Stein! Lasst euch von Gott ein neues Herz schenken und einen neuen Geist.
Ein Bild vom Leben unter dem Hirten Gott wird dagegen gehalten. Politik kann die Erlösung, die gerechte Welt nicht herbeiführen.
Eine neue staatliche Ordnung schafft die Predigt des Propheten nicht. Es geht um den Zustand der Herzen. Der Therapieansatz des guten Hirten lautet: Herztransplantation. Lasst euch beschenken.
Das ist der Hirtendienst Gottes: Die Wurzel alles Leides soll beseitigt werden, denn schlechte Wurzeln, bringen keine guten Früchte.
Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie und sie folgen mir – und ich gebe ihnen das ewige Leben, sagt unser Herr Jesus Christus.
Das ist das Programm, das neues Leben schafft – aus dem Hirtensonntag wird so ein Leben unter dem guten Hirten, der uns im Inneren, im Herzen erfüllt mit Leben- und das schafft neue Verhältnisse, in mir, meiner Umwelt und letztlich hat es das Potential, die ganze Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Amen.