10 Gründe zum Feiern und Predigt zu 1. Korinther 3, 11

10 Gründe zum Feiern nicht nur für Evangelische

1. Zugang zur Bibel
Die Reformation hat uns gezeigt, dass wir den Gott, der uns liebt in der Bibel finden. Dazu übersetzte Martin Luther die Bibel ins Deutsche, damit wir uns in allem auf den Gott verlassen, der uns in der Bibel gezeigt wird, in Geschichten vom Gottvertrauen.

2. Selber denken erwünscht
Glaube setzt eigenständiges Denken voraus und das erfordert Bildung. Die Reformation setzte eine Bildungsoffensive in Gang, die die Welt folgenreich veränderte. Glauben ist mehr als Glaubenssätze nachsprechen.

3. „Ich“ sagen erlaubt
In Gegenwart des Kaisers wagte es Martin Luther, beim Reichstag in Worms, „Ich“ zu sagen. Er berief sich auf die Schrift und sein Gewissen. Für die Evangelischen sind deshalb die wichtigsten Kriterien für das Leben, das Gewissen und die Worte der Bibel. Es darf keine Bevormundung des Einzelnen geben.


4. Jeder Mensch hat eine Berufung
Jeder Mensch ist von Gott damit beauftragt, mit seinen Fähigkeiten, für das Leben zu arbeiten. Berufung haben in der evangelischen Kirche nicht nur geweihte Personen, sondern jeder Christ.

5. Jeder Getaufte ist Priester
Jeder Mensch hat durch Jesus Christus Zugang zu Gott. Auch dafür braucht es keine Vermittlung durch ein Amt. Deshalb gibt es in der evangelischen Kirche Männer und Frauen in der Gemeindeleitung und im Predigtamt und alle sind beim Leiten der Gemeinde demokratisch gleichberechtigt.

6. Die singende Gemeinde
Seit Martin Luther ist die Gemeinde im Gottesdienst aktiv beteiligt, beim Gebet und beim Gemeindegesang. Luther liebte die Musik seiner Zeit und gab ihr Texte, die den Glauben ins Herz bringen sollten. Paul Gerhardt, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Choräle und Lobpreis, Posaunen- und Kirchenchöre sind aus dem Gottesdienst nicht mehr wegzudenken.

7. Freiheit und Verantwortung
Für Gott sind wir seine geliebten Kinder – Anerkennung müssen wir uns daher nicht erst verdienen. Gott schaut auf das Herz, nicht auf Besitz, Leistung, Status, Outfit oder Makellosigkeit. Das zu glauben macht innerlich frei. Freilich geht diese Freiheit Hand in Hand mit Verantwortung für unsere Mitmenschen und die ganze Schöpfung.

8. Unterscheidung von Staat und Kirche
Die reformatorische Theologie unterscheidet die Aufgaben der Kirche und des Staates klar. Die Politik soll das äußere Leben der Menschen regeln und dem Frieden dienen. Aus Fragen, die die Seele betreffen, muss sie sich jedoch heraushalten. Die Kirche verzichtet auf weltliche Macht, der Staat garantiert die Religions- und Gewissensfreiheit des Einzelnen. Staat und Kirche stehen aber beide im Dienst Gottes, in ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl. Christinnen und Christen beteiligen sich aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft.

9. „Ja“ zur Vielfalt
Unsere Welt ist bunt. Heute gibt es viele Kirchen und Religionen. Glaube ist nach evangelischem Verständnis nur als freier Glaube wirklich Glaube. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Korinther 3, 17) So freuen wir uns als Evangelische an der Vielfalt und wollen das Reformationsjubiläum in Respekt vor dem Glauben anderer begehen.

10. Kirche in Bewegung
Die Reformation hat die Kirche verändert. Auch heute wollen wir zu Veränderungen bereit sein. Selbstkritisch hören wir auf das Wort Gottes, das uns immer neu zeigt, was für heute geboten ist. Wir hören auch darauf, dass wir auch heute Gott ehren und den Menschen helfen sollen.
Gottes Geist öffnet Augen und Ohren für die Fragen und Nöte der Menschen. Neue Herausforderungen brauchen eine Kirche in Bewegung und mutige Schritte aufeinander zu in der Ökumene und darüber hinaus.


Predigt
Liebe Gemeinde,
der Beitrag der Reformatoren für die beginnende Neuzeit haben wir miteinander bedacht, für den Einzelnen und seine Freiheit, den Glauben, der unmittelbar zwischen Gott und mir gelebt wird und keine Vermittlung braucht. Zum ersten Mal haben wir das in ökumenischer Haltung getan.
Die Christenheit wäre arm, wenn es nur die Kirche des Wortes, die Evangelischen gäbe. Eine gute Predigt ist auch etwas, ein geistiger Genuss kann das sein, aber als einziges sinnliches Vergnügen wäre uns das auch zu wenig. Symbole und Prozessionen, Bilder und andere sinnenhafte Erfahrungen bereichern die Christenheit.

Gemeinsam bezeugen wir als Christenheit, dass Gott existiert und dass er durch Christus erfahrbar wird für jeden und dass er sich uns zuwendet. An der Botschaft, die Jesus Christus uns gebracht hat und an seinem Leben richten wir unser Tun unsere Haltung aus. Dass das Evangelium von Jesus Christus umwälzende Kraft hat, die uns Menschen gründen kann und Auswirkungen auf alles hat, auf unser persönliches Leben, aber auch auf unser Zusammenleben, auf unseren Umgang mit Anderslebenden und Andersdenkenden, auf den Umgang mit der Schöpfung, mit Schwachen und Kranken, mit Geflüchteten und eben mit jedem Menschen, das ist logische Folge.

Ungeheure Kraft entsteht, wenn Menschen erfahren, dass Gott die Liebe ist und jeden annimmt, wie er oder sie ist, von Gott bejaht.
Ohne diese Botschaft wären wir ärmer, persönlich, aber auch in unserem Land.
Davon sind wir überzeugt und darin liegt unser Auftrag für unsere Gesellschaft zum Wohl der Menschen. Gerade heute müssen wir diesen christlichen Horizont zeigen, der andere stehen lässt, gelten lässt, annimmt, der selbstkritisch ist und veränderungsbereit und doch immer zugleich über uns hinausweist, auf die Wirklichkeit Gottes.

Ökumenisch wollen wir das tun und sind dankbar für alle Schritte der Annäherung zwischen den Kirchen. In diesem Jahr gab es mutmachende Zeichen des gegenseitigen Verständnisses und der einen Botschaft, die wir gemeinsam haben: Die Botschaft Jesu Christi.

Im Kreuz zeigt sich die Verbundenheit Gottes mit uns Menschen. Er überwindet die Trennung, aus Liebe, er steht Menschen in ihren Notlagen bei, er führt in die Gemeinschaft der Kirche, wo Schwache und Starke sich gegenseitig beistehen. Er missachtet keine Trauer keine Ungerechtigkeit, keine Gewalt. Niemand ist ihm gleichgültig. „Für das Leben“, dafür steht er ein und wir alle gemeinsam mit ihm. Für das Leben, das ist die Zusammenfassung der christlichen Botschaft.

Niemand ist ihm gleichgültig und keiner soll alleine sein müssen. Deshalb wollen wir als Kirche nicht nur Christus ins Herz rufen, Glauben stärken auf vielfältige Weise, sondern auch zur Gemeinschaft rufen. Starke haben einen Auftrag für die Schwachen. In Gemeinschaft lebende haben einen Auftrag an den Einsamen. Fröhliche haben einen Auftrag an den Traurigen. Junge haben einen Auftrag an Älterwerdenden. Und alles gilt auch umgekehrt!!!

Einsame haben einen Auftrag an denen, die in Verbünden leben. Traurige einen Auftrag an Fröhlichen. Ältere an Jüngeren usw.
Jeder der schon mal gegeben hat, irgendetwas – der weiß, dass durchaus auch vieles zurückfließt.
Wenn wir dem folgen, was Christus uns vorgelebt hat, dann werden wir erfahren, welche Kraft in seiner Botschaft steckt. Einige wenige Beispiele für Worte, die kraftvoll ihre Bedeutung bei uns entfalten können:
• „Gott will alle zu sich ziehen.“
• „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“
• „Das Gesetz ist für den Menschen da.“
• „Gott ist die Liebe, wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
• „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
• „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“.

"Und wenn ich auch wüsste, dass Morgen die Welt unterginge, so würde ich noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen." Martin Luther, liebe Gemeinde, dem dieser Satz zugesprochen wird, hat drückt damit die Perspektive Gottes aus: hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, auch gegen den Augenschein. Als er am 31. Oktober 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen über die Situation seiner Kirche veröffentlichte, war er noch fest davon überzeugt gewesen, dass er einen Anstoß dazu geben würde, seine Kirche zu erneuern. Er konnte nicht ahnen, dass dieser Tag 500 Jahre später in einer nicht-katholischen Kirche als Feiertag gilt.
 
Der Satz mit dem Apfelbaum zeigt tiefes Gottvertrauen und steht für eine trotzige Zuversicht: Die Welt mag Zeichen des Verfalls an sich tragen, aber ich glaube trotzdem an eine Zukunft! Denn die Welt liegt in Gottes Hand.

Wir Evangelischen werden nicht aufhören zu glauben, dass Neues wachsen kann. Wir werden weiterhin für das Leben eintreten, wo wir es können. Und für Christus treten wir ein, der das Leben ist.
Apfelbaum pflanzen – das heißt für mich Weiterschauen, über den eigenen Horizont hinaus. Es ist typisch bei uns, finde ich, in unserer sehr Ich-zentrierten Gesellschaft: Wenn Menschen das Gefühl haben, da kommt etwas Bedrohliches, dann ist die Reaktion: Ich bringe noch schnell mein Hab und Gut ins Trockene. Da möchte ich mich anders verhalten. Erst recht da, wo das auf Kosten anderer geht. Da wo Menschen ausreißen, möchte ich neu anpflanzen. Und so möchte ich, auch wenn die Welt morgen nicht untergeht, heute Zeichen setzen gegen Resignation, Weltschmerz und Verdruss. Also den Menschen um mich herum zeigen, dass Gott und uns die Welt nicht egal ist, und ich mir selbst auch nicht nur am nächsten.
Wir rufen heute dazu auf, mutig in die Zukunft zu gehen, mit Gott an unserer Seite.

Als kleines Zeichen dafür steht der Apfelbaum, den wir nachher zusammen pflanzen werden im Gedenken an die Reformation, aber und vor allem als Zeichen für die Zukunft.

Denn Christus, der tragende Grund unseres gemeinsamen Glaubens, der lässt uns sicher und gelassen in die Zukunft schreiten.

Ich schließe mit den Gedanken Hanns-Dieter Hüschs ("Psalm"):


Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
 Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
 mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
 mein Triumphieren und Verzagen,
 das Elend und die Zärtlichkeit.
 Was macht, dass ich so fröhlich bin
 im meinem kleinen Reich?
 Ich sing und tanze her und hin
 vom Kindbett bis zur Leich.
 Was macht dass ich so furchtlos bin
 an vielen dunklen Tagen?
 Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
 will mich durchs Leben tragen.
 Was macht, dass ich so unbeschwert
 und mich kein Trübsinn hält?
 Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
 wohl über alle Welt.


Dieser Geist ist es, der uns gelassen macht, der uns zuversichtlich in die Zukunft gehen lässt im vertrauen auf den Grund, der uns trägt: Christus. Amen.