Um 1300
Die Martinskirche in Neustadt wurde als Chorturmkirche erbaut. Die aufgemalten Apostelkreuze stammen aus dieser Zeit.

1380/1390
Die Chormalereien werden als reichhaltiger Marienzyklus in Secco-Technik gemalt und sind alle noch vollständig erhalten! Die Bilder illustrieren biblische Geschichten, aus dem außerbiblischen Jakobusevangelium und der "Legenda Aurea", einer mittelalterlichen Legendensammlung.

1420/30
Das Schiff wird an der Stirnseite mit einer Darstellung des Weltgerichts und an der Orgelseite mit einem Passionszyklus versehen. Zuvor wurde das Gebäude zweimal abgebrochen und vergrößert.

16. Jahrhundert
Das gesamte Kunstwerk wird in der Reformationszeit überdeckt und geriet dadurch in Vergessenheit, in späteren Pestzeiten - die Kirche diente als Spital - sind weitere Übertünchungen erfolgt.

1748
Die Sakristei wird angebaut.

Um 1869 
Der Fachwerkturmaufbau wird abgebrochen und mit einem steinernen neogotischen Steinwerk neu erbaut.

1954
Beim Ausbau der Chororgel werden die Malereien wieder entdeckt und frei gelegt.

1979/81
Es wird ein weiterer Teil im Schiff vom Putz befreit.

Zum Bildwerk
Es handelt sich nicht um Fresken, die auf den frischen, nassen Putz aufgemalt werden ("al fresco"), sondern um Wandmalereien in Secco-Technik, die auf trockenen Untergrund aufgemalt werden.

Das Bildwerk im Chor ist geschlossen erhalten, freilich mit Retuschen aus der Freilegungszeit, aber doch mit überwiegend ursprünglichem Farbbestand aus ihrer Entstehungszeit. Das ist ausgesprochen selten und so birgt die Neustädter Kirche einen wertvollen Kunstschatz.

Einige Legendendarstellungen sind sehr selten, im süddeutschen Raum sonst nicht bekannt, wie zum Beispiel die „Kornfeldlegende“ oder die "fliegenden Tonkrüge". Besonders hervorzuheben ist auch das sehr frühe und ausdrucksstarke Kruzifix im Chorfenster um ca. 1320.

Weitere Baugeschichte
Die Sakristei wurde 1748 angebaut.
Um 1869 wurde der Fachwerkturmaufbau abgebrochen und mit einem steinernen neogotischen Steinwerk neu erbaut.

Patrozinium - Der Namensgeber

Die Martinskirche war ursprünglich eine der Maria geweihte Kirche mit dem Namen: "Unserer lieben Frau". Sie trägt ihren heutigen Namen "Martinskirche" seit 1981. Nach der Reformation war der ursprüngliche Name nicht mehr verwendet worden, sondern sie wurde zeitweilig "Evangelische Kirche zum heiligen Bernhard" genannt. Grund hierfür war der Laienaltar im Schiff, der dem heiligen Bernhard geweiht war.

Danach wurde sie nur noch die "Evangelische Kirche" genannt. Nach dem Bau der katholischen Kirche in Neustadt 1963 erhielt die katholische Kirche in der Adlerstraße 1 den Namen "St. Maria Neustadt". So lebt der Marienname in der neuen Kirche weiter fort.

Der evangelische Kirchengemeinderat entschied sich 1981 für den neuen Namen "Martinskirche", wegen des Heiligen Martin von Tours (Namenspatron der Diözese Rottenburg-Stuttgart) und wegen Martin Luther. Damit sollte einerseits die Verbundenheit mit den katholischen Geschwistern zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig auf die reformatorische Grundlage der heutigen Kirchengemeinde hingewiesen werden.

Historischer Rahmen

Rudolf I von Habsburg, der 1273 König des Heiligen Römischen Reiches wurde, unternahm den Versuch das Herzogtum Schwaben wiederherzustellen. Dies stieß auf heftigen Widerstand der regional aufstrebenden Fürsten, darunter auch Graf Eberhard I. von Württemberg (Eberhard der Erlauchte). Der Konflikt verschärfte sich, Graf Eberhard unternahm größere militärische Anstrengungen gegen den König. So ließ er die südwürttembergischen Herrschaftsgebiete des Königs systematisch plündern und zerstören. Die Übergriffe gipfelten 1286 in der Schlacht bei Nürtingen. Die königlichen Truppen gewannen und Graf Eberhard zog sich nach Stuttgart zurück, wo er bis zum Jahresende belagert wurde. Es folgte ein Friedensschluss im November des Jahres und ein erneutes Aufflammen der Konflikte im folgenden Jahr 1287, die mit dem Esslinger Waffenstillstand im Oktober 1287 beendet wurden.

Im Kontext der angespannten Lage ließ vermutlich Graf Albrecht 1287 auf den Mauern eines Vorgängerbaus die Burg "Nova Civitas" errichten, denn Neustadt war in strategisch günstiger Lage, auf einer Anhöhe über dem Remstal, etwa zwei Kilometer nördlich von Waiblingen angesiedelt und somit ein idealer Standort für eine Burg. Hier wurde die neue Stadt gegründet und sicherlich zeitnah mit dem Kirchenbau begonnen.

Restaurierungsgeschichte

September 1954
Begutachtung durch Restaurator Manz, Architekt Klatte: ca. 130 m² seien freizulegen, ohne Angabe, wo diese Flächen konkret gewesen wären; Manz sagte 1/4 der Flächen seien schlecht freizulegen. Das Konzept war: Freilegen, reinigen mit Knetpräparat, fixieren, ausbessern.

1954
Freilegung der Chormalerei von Manz, Freilegung erfolgte parallel auch im Schiff. Dabei geschahen Vermischungen von Malereiphasen im Chor.

April 1965
Feststellung eines Pilzbefalls im Chor und Begasung durch Manz im Chor mit Formalin 4%

Juni 1978
Begutachtung durch Restaurator Bohring wegen Wasserschäden im Schiff: Nordwand und Chorbogenwand. Schmutzfahnen wurden mit Essigsäurelösung/Fettalkoholsulfat beseitigt und mit Ammoniaklösung neutralisiert. In Folge trat im März 1980 eine Weißschleierbildung auf.

Juni 1981
Zustands- und Maßnahmenbeschreibung durch Bohring

1981
Freilegung durch Bohring am unteren Bildregister an der Nordwand im Schiff

April 1985
Kostenvoranschlag für eine Putzsicherung im Chor, Ausführung nicht belegt.

2011
Trockenlegung der Grundmauern im Außenbereich als vorbereitende Maßnahme für die konservatorischen Maßnahmen am Bildwerk.

2016
Reinigung der Chormalereien, Verfestigung der Putzschicht mit dem darunterliegenden Mauerwerk zur Erhaltung des Kunstschatzes im Chor, neue Beleuchtung, Belüftung, Freilegung des Fußbodens. Ausführende: Architekturbüro Treide/Restauratorin Martina Fischer

 

 

 

Glocken

Bild: Teschner

 Geläut 1 - 1665 urkundlich erwähnt:

  1.  1631/150 kg - 1917 abgenommen
  2. ?/? verkauft oder im 30-jährigen Krieg abgängig
  3. 1700/25/große Glocke

Geläut 2 ab 1869

  1. 1631/150 kg - abgenommen 1917
  2. 1869/170 kg/'h' - abgenommen 1942, Fa. Kurtz, Stuttgart
  3. 1869/300 kg - abgenommen 1917, Fa. Kurtz, Stuttgart "Ehre sei Gott in der Höhe"

Geläut 3 ab 1921

  1. 1869/170 kg/'h' - abgenommen 1942, Fa. Kurtz, Stuttgart
  2. 1921/150 kg/'d' , Fa. Bachert, Kochendorf: "Tröstet, tröstet mein Volk"
  3. 1921/525 kg/ 'g' , Fa. Bachert, Kochendorf: Vom Weltkrieg verschlungen, im Frieden erschaffen, erschalle ich neu zu Gottes Ehre"

Geläut 4 ab 1950

  1. 1921/150 kg/'d' , Fa. Bachert, Kochendorf: "Tröstet, tröstet mein Volk"
  2. 1950/460kg/'a' , Fa. Bachert, Kochendorf: "O Land, Land, höre des Herrn Wort
  3. 1950/320 kg/'h', Fa. Bachert, Kochendorf: "Ehre sei Gott in der Höhe

Geläut 5 ab 1981

  1. 1981/225 kg/'d' Fa. Bachert, Kochendorf: "Wachet und betet" Glockenzier: Kreuz und betende Hände"
  2. 1981/390 kg/'h' Fa. Bachert, Kochendorf: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!" Glockenzier: Christusmonogramm
  3. 1981/531 kg/'a' Fa. Bachert, Kochendorf: "Danket dem Herrn und preiset seinen Namen" Glockenzier: Weltkugel und Kreuz
  4. 1981/ 750 kg/'fis' Fa. Bachert, Kochendorf: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" Glockenzier: Dreieinigkeitssymbol