Predigt zu Epheser 3, 14-21

Epheser 3, 14 – 21: Der Apostel bittet für die Gemeinde:
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. 18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde,
Alle wollen zunehmen – nur beim Körpergewicht nicht, da sind Diätrezepte und Schlankheitsmittel nach wie vor sehr beliebt.
An Stärke und Ausdauer wolle dagegen alle zunehmen: Man joggt, geht ins Fitness-Studio, treibt anderweitig Sport.
An Wohlstand und Reichtum wollen wir auch gerne zunehmen: die Fleischereifachverkäuferin ebenso wie der Anwalt, der Fahrradfahrer genauso wie der Pilot, Rentner genauso wie Broker auf dem Kapitalmarkt. Und alle wollen zunehmen an Erkenntnis: Bildung wird in unserm Land großgeschrieben, ganz anders als in Sizilien, wie wir bei der Gemeindereise erleben konnten.
Ja, alle wollen zunehmen – nur beim Körper­gewicht nicht.
Ums Zunehmen und Starkwerden geht es auch in unserem Predigttext – freilich um ein etwas anderes.
Dem Apostel Paulus lag nämlich besonders das geistliche Zunehmen der Christen am Herzen. Mit dem eben gehörten Abschnitt aus seinem Brief an die Christen in Ephesus bekommen wir einen kleinen Einblick in seine Gebetswerkstatt.
Paulus schreibt: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater.“ Paulus betete im Knien. Man kann natürlich in jeder Lage beten, auch im Stehen oder im Sitzen oder sogar im Liegen.
Die äußere Haltung hilft durchaus der inneren. Im Stehen, aufrecht und mit Gott auf Augenhöhe, wie es die Evangelischen im Gottesdienst ja tun – das ist die Haltung der Befreiten.
Im Knieen, das ist flehender. Diese Haltung ist angemessen, wenn wir uns bewusst machen, dass wir Bittsteller sind.
Das Beten ist eine der wichtigsten Tätigkeiten eines Paten und einer Patin, eigentlich aber jedes Christens. Es gehört zum Christsein dazu, das Gespräch mit Gott, dem Vater, dem Beistand, dem, Lebensgeber.
Beten ist für Christen ein inneres Bedürfnis, denn wir sprechen da ja mit dem, der uns immer begleitet und Mittel hat, die uns nicht zur Verfügung stehen. Wir reden mit dem, der den Überblick und den Durchblick hat. Und Beten ist auch ein Auftrag unseres Gottes. Ja, wir alle sollen regelmäßig vor ihn treten.
Die Glocken der Kirche rufen jeden Tag dazu auf. Um 6 Uhr und um 11 Uhr, um 12, 15 und 18 Uhr. So oft sollen wir beten?
Eigentlich nicht nur dann. Sondern immer. Geht das – aber ja. Kleine Stoßgebete, beim Kindererziehen oder im Streit, beim Essen oder auch sonst.
Ganz wichtig ist Paulus die Bitte darum, dass die Christen zunehmen an christliche, also geistlichen Qualitäten.
Er betet darum, dass der himmlische Vater seinen Kindern „Kraft gebe … stark zu werden … an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr … begreifen, … die Liebe Christi …, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“
Wer das aufmerksam hört oder liest, der erfährt, was geistlich zunehmen heißt: erstens ein Zunehmen an Kraft, zweitens ein Zunehmen an Liebe, drittens ein Zunehmen an Erkenntnis von Gott.
Innere Kraft haben wir alle nötig. Ich habe manchmal den Eindruck, dass heutzutage viele Menschen innerlich ausgelaugt und kraftlos sind.
Es ist so wie bei einem Radfahrer, der sich eine Steigung hinauf­quält: Die Lunge pustet, die Muskeln schmerzen, und dabei wird man immer langsamer. Dieser erschöpfte Radfahrer erlebt nun, dass ihn ein anderer überholt – ganz ohne Anstrengung und Atemnot. Woran liegt das? Ist der andere besser trainiert? Hat der was, was ich nicht habe? Das hat er allerdings: Er hat ein E-Bike. Damit kommt man mühelos voran, sogar bergauf und bei Gegenwind. Das Geheimnis ist der Akku: Da nimmt man fremde Energie mit. Ebenso funktioniert das mit dem geistlichen Zunehmen an Kraft: Man nimmt Gottes Energie mit ins Leben, die er durch seinen Heiligen Geist gibt. Das Einzige, worauf man achten muss, ist dies: Dass der Akku immer wieder aufgeladen wird. Das geschieht immer dann, wenn wir uns Zeit für Gott nehmen, zum Beispiel hier im Gottesdienst, aber auch in ganz kurzen Gebeten. Wer sich mit Gottes Kraft beschenken lässt, der macht seelisch nicht so schnell schlapp wie einer, der sich nur auf menschliche Kräfte verlässt.
Die Liebe, die Paulus hier meint hat viele verschiedene Facetten. Sie besteht nicht nur aus Mitgefühl und Verantwortungsbewusstein, sondern auch aus Großzügigkeit und Gelassenheit. Wer liebt, der freut sich nicht nur, wenn es ihm selbst gut geht, sondern der freut sich ebenso darüber, wenn es anderen gut geht. Es kommt ihm darauf an, dass möglichst alle ein gutes Leben haben. Wer liebt, ist nicht ängstlich darauf bedacht, das größte Stück vom Kuchen zu ergattern.
Zu so einer Liebe beruft uns die Taufe. Deshalb können Christen gar nicht nur für sich selbst zufrieden sein. Denn Liebe richtet sich immer an die anderen.
Auch hinsichtlich der Liebe sind wir auf Gott angewiesen, der uns in die Liebe einwurzelt und gründet, wie Paulus das sagt.
Seit unserer Taufe sind wir gewisser­maßen Pflanzen in Gottes Garten und nehmen durch unsere Wurzeln alles Gute aus der Erde auf: Wasser und Nährstoffe. Dieser herrliche Boden ist nichts anderes als die Liebe Gottes.
Wenn wir in enger Gemeinschaft mit Christus leben, dann werden wir ganz automatisch an Liebe zunehmen; wir werden als Gottes Pflanzen wachsen und gedeihen.
Geistliches Zunehmen ist ein Zunehmen an Erkenntnis. Paulus schreibt: „So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“ Wir sollten also nicht zu bescheiden sein, was unsere Gotteserkenntnis und unser Glaubenswissen betrifft. Es gibt Christen, die sind fast stolz auf ihre geistliche Ignoranz. Sie sagen so: Mir genügt es zu wissen, dass es da irgendwo einen Gott gibt. Aber so genau, was da in der Bibel steht, das brauche ich nicht zu wissen. Während auf anderen Gebieten die Bildung kaum groß genug geschrieben werden kann, steht es um das allgemeine christliche Wissen eher schlecht. Dabei fordert uns die Schrift doch selbst auf, nicht bei geistlicher Babynahrung stehenzubleiben, sondern weiter fortzuschreiten! Paulus betet ausdrücklich für eine reifere Gotteserkenntnis. Das würde ich mir wünschen. Dann wären Vereinfachungen und Ausgrenzung, wie sie in manchen Orten – auch im Remstal üblich sind – gar nicht möglich, meine ich.
Gottes Wort soll nicht nur meine Meinung bestätigen, sondern auch zurechtweisen und korrigieren.
Wo Liebe fehlt – bei Gott bekommen wir welche.
Wo Kraft fehlt – er stärkt die Schwachen.
Wo Bildung fehlt – Gott zeigt uns die Weite und Freiheit des Glaubens.
Also weg mit den Scheuklappen des Geistes, die uns einfach nur stur geradeaus durchs Leben trotten lassen. Achten wir nicht nur auf die Länge, sondern auch auf die Breite!
Das geistliche Zunehmen, das mündet in der Vollendung, in der Fülle, in der Ewigkeit! So ist bei Gott und beim geistlichen Zunehmen etwas möglich, das bei den Menschen sonst unmöglich ist: nämlich dass die Bäume in den Himmel wachsen. Amen.