Predigt zu Jesaja 61, 1-3.10.11.

Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist vorbei. Silvester auch. Der ganz normale Alltag hat uns ab morgen wieder. Wir stehen in einem neuen Jahr und versuchen jetzt immer die Jahreszahl 2020 zu schreiben. Was wird das für ein Jahr werden? Gehen wir optimistisch, verhalten-optimistisch oder gar pessimistisch dieses neue Jahr an? Die allgemeine Stimmung in Deutschland ist eher etwas verhalten. Sicher: die Wirtschaft läuft ordentlich. Jammern auf hohem Niveau! Freilich, der Wohlstand verteilt sich nicht auf alle gleichmäßig.
Aber die Arbeitslosenzahlen sind nach wie vor niedrig. Man rechnet mit einem kleinen Wirtschaftswachstum. Die Flüchtlingsfrage ist nach wie vor ungelöst. Aber insgesamt geht es uns doch gut! Also: Mit welcher Stimmung mit welcher Botschaft gehen wir dieses neue Jahr an?
Ein Glück, dass wir als Christen uns nicht abhängig machen müssen von Meinungsumfragen und Wirtschaftsprognosen. Sicher: Wir leben in dieser Welt, gehen zur Schule, zur Arbeit, bewältigen unseren Alltag oder dürfen als Ruheständler unsere ganz eigene Tagesplanung haben. Aber wir sind dieser Welt nicht in jeder Weise ausgeliefert, weil es für uns noch einen weiteren Blickwinkel gibt. Der Blickwinkel, der heute aufgemacht wird, ist ermutigend, Hoffnung und Freude erweckend, aber nicht, um uns Sand in die Augen zu streuen, sondern weil Gott für uns eine Zukunftsperspektive hat, die er uns in einem Wort begegnet, das schon vor 2.500 Jahren Menschen ermutigt hat. Hören Sie selbst:
1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen;
2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden,
3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preis.
10 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Heidenvölkern.
11 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet. Jes. 61, 1-3.10.11
Dieser Sonntag zwischen Neujahr und Epiphanias nimmt Themen auf, die sich an die Weihnachtsgeschichte anschließen und die Kindheitsgeschichte Jesu zum Abschluss bringen, wie etwa das Evangelium von zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die schönste und kürzeste Predigt zu unsrem Bibelabschnitt hat Jesus selbst gehalten. Jesus hatte die Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth besucht. Man reicht ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja – er liest den Text: „Der Geist des Herrn ist auf mir. Gott hat mich gesandt, den Elenden die Frohe Botschaft zu verkündigen. usw.“ Jesus gibt die Rolle zurück, er setzt sich, alle blicken erwartungsvoll auf ihn. Und seine Predigt lautet: „Heute ist das erfüllt vor euren Ohren.“
So möchte ich predigen können! Mit einem Satz alles sagen. Mit dem ganzen Leben einlösen, was der Prophet versprochen hat:
• Den Armen und Elenden die gute Botschaft bringen
• den Gefangenen Befreiung
• den Blinden das Licht
• den zerbrochenen Herzen Erlösung.
• Die Trauernden zu trösten, Freude statt Trauer.

Geht das so einfach, wenn es gesagt wird ist es schon geschehen? Wenn wir das tun, wirkt das nicht, aber wenn Jesus es sagt schon!
Wer waren die ersten Hörer dieser Worte? Es waren Jüdinnen und Juden, die eine der ganz großen Katastrophen ihres Volkes überlebt hatten. Sie waren aus dem babylonischen Exil in ihre Heimat zurückgekehrt. Dort gab es natürlich eine Konkurrenzsituation zu denen, die in der Zwischenzeit dort lebten und Streitigkeiten um die Verteilung von Chancen, um alte und neue Besitzrechte. Inzwischen war auch der Aufbau des Tempels weit vorangeschritten oder gar abgeschlossen (515 v. Chr.) während die Errichtung der Stadtmauern Jerusalem noch 50 Jahre dauern sollte (445 v.Chr.). Großprojekte dauern auch in biblischer Zeit mal etwas länger. Das Schlimme aber war: Die alten Ungerechtigkeiten, soziale Schieflagen waren immer noch da. Eine clevere Oberschicht hat sich schnell emporgearbeitet und bedrückte jetzt die einfache Bevölkerung. Viele Kleinbauern der waren gezwungen, ihre Söhne, und Töchter, ihre Felder, Weinberge und Häuser zu verpfänden, ja ihre eigenen Kinder als Sklaven zu verkaufen (vgl. Nehemia 5) um Wucherzinsen zu bedienen. Es war eine höchst ungute Lage im jüdischen Gemeinwesen entstanden. Man hatte eine große Katastrophe und Krise mit Gottes Hilfe überwunden und fiel doch ganz schnell in die alten Verhaltensmuster zurück. Hier musste etwas geschehen.
Der Prophet soll eingreifen. Für ihn ist klar: die soziale Schieflage zu beheben hier und jetzt ist genauso ein Auftrag Gottes, wie der Blick auf die zukünftige Herrlichkeit (vgl. Jes. 62).
„Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen.“ Gute Botschaft – das ist in diesem Fall die Befreiung der wirtschaftlich Unterdrückten. Die Entsolidarisierung muss gestoppt werden. Ja dieser Prophet bringt eine alte israelische Rechtsordnung in Erinnerung, die festlegte: Nach 7 x 7 Jahren wird das 50. Jahr ein Gnadenjahr. Alle Schulden werden erlassen, alle Sklaven werden frei. Ein wunderschönes Modell aus dem alten Israel. Schulden – ganz gleich wie sie entstanden sind - dürfen Menschen nicht alle Lebensperspektiven nehmen. Wer sich dieser Freilassung der Schuldsklaven entgegensetzt, der ist ein Feind Gottes. Sie merken, welche politischen Forderungen in diesen Worten steckten – und das ist nur ein Beispiel.
Unsere Gesellschaft hier in Deutschland schwankt gerade zwischen Solidarisierung und Entsolidarisierung. Die Botschaft der Bibel, ist da mehr als eindeutig: „Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit.“ Was das konkret heißt und wie das Christen umzusetzen haben, das ist dann die schwierige Frage.
Wie können wir dazu beitragen, dass Menschen frei sind? Das ist unsere Aufgabe. Dass Menschen sich entfalten können, dass sie gefördert werden. Um die Gefangenen zu suchen, dafür braucht man in kein Gefängnis zu gehen. Menschen können ebenso durch unfreie Systeme, durch Not, durch Krieg, durch Perspektivlosigkeit Gefangene sein. Und Gefangene sind wir zuweilen selbst als freie Bürger, gefangen in unseren Ansichten, gefangen in den Pflichten, Terminen und Konventionen, so dass uns die Luft ausbleibt oder wir in unseren Gedanken gefangen sind. Dann brauchen wir einen, der den Himmel aufreißt, der endlich Luft macht, der die Fesseln sprengt. So einer ist für uns Christen unser Herr Jesus Christus. Er stellt uns in die Freiheit und auf weiten Raum.
Gott hat ihn gesandt, die zerbrochenen Herzen zu verbinden. Nach den zerbrochenen Herzen braucht man nicht lange zu suchen. Damit sind ja gar nicht mal in erster Linie die gemeint, denen wegen einer gescheiterten oder unerfüllten Liebe das Herz schmerzt. Das Herz steht immer für das Zentrum des Menschen, den Ort, wo sich verortet, was den Menschen unbedingt betrifft. Die mit den zerbrochenen Herzen – Menschen, die innerlich zerbrochen sind oder zu zerbrechen drohen. Es ist eine wunderbare Sache, dass es auch heute unter uns Menschen gibt, die durch ihre Art oder durch ihren Beruf an den inneren Verletzungen anderer Menschen etwas zur Heilung beitragen können.
Er hat mich gesandt zu trösten alle Trauernden. Die Trauernden müssen wir nicht lange suchen. Sie sitzen auch hier bei uns und denken an den Menschen, der gegangen ist oder an die Tür, die ins Schloss fiel oder an das langsame Sich-Entfernen. Bei den Trauernden illustriert der Prophet die Verwandlung am Anschaulichsten. Die Trauernden tragen Schmuck statt Asche, salben sich mit Freudenöl, statt Trauerkleidung anzuziehen; singen Loblieder, statt betrübt zu grübeln.
Jesu Predigt zu diesem Text heißt: „Heute ist das erfüllt vor euren Ohren.“ Das alles erfüllte sich nicht nur damals, als Jesus über unsere Erde ging.
Er ist es, der das bringt. Er ist da in dem Menschen, der unsere Traurigkeit über die zerbrochene Liebe mit aushält. Er ist der, der trösten kann und uns den Silberstreifen Hoffnung am Horizont eines neuen Jahres zeigt. Er ist da in dem Menschen, der unsere Schuld anhört und der die Gnade Gottes spürbar machen kann. Er ist da in den Familien oder den Freunden, die sich mit allerletzter Kraft in den Armen liegen, er ist da in den Seelsorgern, die ihren Dienst tun und in dem Nachbarn, der selbst erschöpft doch kommt und fragt: „Wie kann ich noch helfen?“
Er ist da in dem Menschen, der Ruhe stiftet in der Hektik des Alltags.
Er ist da in der, die den gordischen Knoten zerschlägt und sagt: „Schluss mit dem inneren Kampf! Wir gehen jetzt raus und entdecken das Leben!“
Er ist da in dem Menschen, die nicht scheu dabeistehen oder große Bögen um Menschen in Trauer machen, sondern die es mit aushalten, dass es für manches keine Worte mehr gibt oder die ihre Hilflosigkeit in Tatkraft überspringen lassen.
Er ist da in einer, die nicht ablässt, den Himmel voller Farben malt, in der Hoffnung, dass, gerade dann, wenn der Himmel weint, ein Tropfen Farbe in das Herz eines Trauernden fällt.
Und wenn keiner da ist, dann bleibt Er selbst noch zurück und trägt die Ohnmacht auf seinen Schultern und unsere Seele stärkt er dann selbst, damit wir wieder aufstehen und Lebensmut finden.
Ja, es stimmt: Auch in diesem Jahr werden manche wieder leidvolle Erfahrungen zu machen haben. Aber auch in diesem Jahr werden wir wieder Ostern feiern und daran denken, dass das Leben siegt. Unsere Hoffnung wird mit ihm auferstehen. Auch in diesem Jahr wird es einen Frühling und einen Sommer geben. – Hat Er damals nicht gesagt, dass Er nicht aufhören lassen will „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“? - Auch in diesem Jahr werden Kinder geboren werden und Ehen geschlossen werden, auch in diesem Jahr werden Blumen blühen und auch in diesen Tagen bricht sich die Sonne allmorgendlich ihre Bahn.
Die Menschen, die das damals zur Zeit unseres Propheten geglaubt und gelebt haben, waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie standen zusammen, als „Pflanzung des Herrn.“ Das ist nun auch die Bestimmung der christlichen Gemeinde: zusammenzustehen. Solidarisch zu sein, Starke, die Schwache mittragen, Schwache, die Starke mit tragen.
All das Grund genug, mit einem Loblied zu schließen: Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.
Das Wort der Bibel kann uns einen neuen Blickwinkel geben, auf uns und unser Leben. Wie immer wir das kommenden Jahr einschätzen, eher düster und dunkel, wie die Besonnenen fürchten – oder eher licht und klar, wie die Optimisten meinen – wir brauchen diese Ermutigung, die nicht aus uns selber stammt, die uns aber zugesagt ist.
Christen haben für dieses Leben zwei Wege, die sie beide gehen. Für jeden Weg stärken sie sich auf dem jeweils anderen.
Der eine Weg ist der nach innen, der Weg des Gebetes und der Stille, der Weg der Kontemplation, des Versenkens.
Der andere Weg ist der nach außen, der Weg des Dienstes, des Handelns, des Kämpfens.
Immer geht dieser Weg durch die Wüste. Innen besteht die Wüste darin, dass wir unsere Schwäche erleben und uns erfüllen lassen, durch Gott allein. Außen besteht die Wüste darin, dass wir mit den Opfern leiden, und an unserer Schwachheit, an der Übermacht des Bösen, an der Unübersehbarkeit der Probleme.
Lasst uns gespannt sein, auf das, was dieses neue Jahr bringt! Begleitet von dieser wundervollen Botschaft: Gnadenjahr des Herrn, frei von den Fesseln der Sorge und der Jagd um das eigene Glück und darum offen für die Sorgen und Nöte dieser Welt. Den Gefangenen Freiheit. Den Blinden das Licht. Den zerschlagenen Herzen Erlösung. Amen.