Predigt Hebräer 10, 35-39

Liebe Gemeinde!
Norbert ist ein merkwürdiger Typ. Seit längerem alleine, und das wird wohl auch nichts mehr mit neuen Beziehung. Hat lange bei seinen Eltern gewohnt, Dreizimmer-Wohnung. Inzwischen sind Vater und Mutter gestorben, er ist allein in der Wohnung, er gestaltet sie so, wie er es mag, da redet ihm keiner mehr rein. Das ist leider nicht gerade zum Vorteil der Wohnung.  Sie ist völlig vollgestellt. Und der ganze Kellerraum ebenfalls. Felgen, Eimer, rostiges Bügeleisen, ein Auspuff, alte Zeitungen, kaputte Stühle. Norbert wirft nichts davon weg. Er sagt sich, ganz geduldig: „Wer weiß, vielleicht kann man es doch noch mal brauchen." Sein Bruder hingegen, gar nicht mehr geduldig, faucht ihn bei seinen Besuchen an: „Mensch, weg damit! Das lohnt sich nicht, diesen wertlosen Mist aufzuheben. Trau dich endlich mal, was wegzuwerfen. Wegwerfen tut gut."
Wegwerfen tut gut? Ja manchmal schon. Mir geht das auch so.
 Manchmal sortiere ich etwas aus, werfe weg oder gebe zu einem Flohmarkt Dinge weg. Das alte Buch, durchgelesen, es verstaubt sonst eh nur. - weg damit zum Flohmarkt.  Das alte Hemd im Kleiderschrank, vier Jahre nicht getragen, dann werde ich es auch in den nächsten Jahren nicht anziehen, weg damit zum Obdachlosenasyl. Es ist für mich nichts mehr wert. Weg damit. Das tut gut.
Und es tut auch gut, zuhause in Schreibtischnähe immer gleich einen leeren Karton stehen zu haben. Die öden Werbedrucksachen, die man gar nicht angefordert hat und mit denen man zugemüllt wird, gleich wegwerfen. Gar nicht erst reingucken. Ist nichts wert. Weg damit. Wertloses werfe ich weg. Wertvolles bewahre ich auf. Etwas, was mir kostbar ist, mir etwas bedeutet.
Und warum hebt Norbert so viel Krempel auf? Und bringt seinen Bruder halb zur Verzweiflung damit? Weil die Sachen für ihn eben nicht wertlos sind. Irgendwie hängt sein Herz daran, auch wenn andere das nicht verstehen. Wegwerfen - das kann er auch. Aber eben nur das, was ihm wenig bedeutet. Z.B. Ansehen, Aussehen, Geld, „normale" bürgerliche Existenz.
 Mit dem Wegwerfen beschäftigt sich unser Predigttext heute.
"Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten."
 „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.", das sagt der Schreiber des Hebräerbriefes seinen Lesern, in der jungen christlichen Gemeinde. Eine Gemeinde, in der die Frage nach dem „Wert" des Glaubens durchaus auf der Kippe steht. Was ist mir der Glaube, das Gottvertrauen wert ? Was bringt mir das ? Lohnt sich das? Was es damals brachte, waren auf jeden Fall handfeste Nachteile. Gemeindeglieder haben damals aufgrund ihres Glaubens leiden müssen. Heute leiden Kirchenmitglieder höchstens darunter, dass sie noch zu den wenigen gehören, die Kirchensteuer zahlen. Die Frage scheint sich bei manchen breit zu machen: Was bringt mir das noch? Lohnt sich das?
Die Hebräer-Gemeinde hat mit Ermüdung, mit Ermattung zu kämpfen. Einige schenken sich die Gottesdienste, die Versammlungen. Wie heute – nur sind das heute die meisten. Sie sagen, der Segen, das sich unter die Worte Jesu begeben, die Gemeinschaft – was soll das schon bringen? Vielleicht wäre das Leben ohne den christlichen Glauben leichter? Manche sind drauf und dran, Schluss zu machen, die Seiten zu wechseln, das Vertrauen ganz wegzuwerfen. Und die Skandale – vor allem in der katholischen Schwesterkirche tragen nicht gerade zu wachsendem vertrauen bei. Und dagegen die eindringliche Mahnung unseres Briefes: „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat." Ich stelle mir das bildlich vor: Vertrauen wegwerfen. Gar nicht so leicht. Die Dinge, die ich zu Beginn angesprochen habe, sind ja leicht vorstellbar. Rostiges Bügeleisen, altes Buch, aufgetragenes Hemd, Altpapier. Weg damit. Aber Vertrauen?
 Werft es nicht weg! Bleibt bei der Gemeinschaft, in der sich die Christen versammeln und füreinander einstehen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten füreinander sorgen.
Spürt ihr nicht zumindest manchmal, dass Gott euch begleitet und stärkt, dass er segnet und Kraft zufließen lässt und das doch meistens in der Gemeinschaft zu der wir gehören. Vielleicht mal mehr und mal weniger. Egal. Ihr habt es. Vertrauen.  Seid euch dessen bewusst.
Ihr habt (so steht das da im Griechischen) „paräsia" - ein starkes biblisches Wort: „Paräsia" heißt nicht nur Vertrauen, auch Mut, Zuversicht, Offenheit. Offen Gott gegenüber, dem nichts verborgen bleibt. Und offen Menschen gegenüber, denen man frei und ohne Furcht begegnen kann, erhobenen Hauptes. „Paräsia" heute - Mut und Offenheit in unserer Gesellschaft, nicht buckeln, nicht weggucken. Mut und Offenheit Menschen angstfrei untereinander und aufrichtig zu begegnen, mutig bei wichtigen Entscheidungen, geduldig bei der Arbeit mit den Kindern. All das sind Facetten von „paräsia".
 Wer hätte schon Lust, so etwas Kostbares wegzuwerfen. Damals wie heute. Die Dinge sind aber doch komplizierter. Denn es gibt ja nicht nur ein aktives Wegwerfen, es gibt auch das Phänomen, das einem etwas abhanden kommt. „Wir haben so gut angefangen", sagt sie. „Es sollte Liebe für immer sein. Wir waren füreinander geschaffen, dachten wir. Ich weiß nicht, wie es dann passiert ist, mit den Jahren. Es war nicht ein bestimmtes Ereignis, eine bestimmte Katastrophe. Es geschah nach und nach. Ich kann es wirklich nicht genau sagen. Ich weiß nur: Wir haben uns auseinandergelebt. Lebten dann nur noch nebeneinander her. Das was war, ist uns immer mehr abhandengekommen. Werft euer gegenseitiges Vertrauen nicht weg? Welchen Klang hätte das für jemanden, dessen Beziehung nun mal gerade zerbrochen ist?
Ich höre ältere Menschen oft sagen: „Die jungen Paare heute rennen viel zu schnell auseinander. Die sollten nicht immer gleich alles hinschmeißen. Haben wir damals auch nicht gemacht." Ich höre das, und freue mich auch etwa mit denen, die Goldene Hochzeit feiern, denke aber andererseits: man muss jede Lebensgeschichte für sich sehen. Ich unterstelle keinem Menschen, der sich trennt, dass er sich diesen Schritt zu leicht gemacht hat.
Dennoch: Ist da was dran, an dem Rat: „Nicht gleich alles hinschmeißen". Aber unser Predigttext redet vom Gottvertrauen. Wir sollen uns dazu stellen, sollen Kinder mitgeben, dass über und hinter allem Gott steht, der das Leben will und sich dafür einsetzt. Ja, ich fi9nde es immer noch gut, dass es Religionsunterricht gibt, bei dem zum Beispiel Ehrfurcht vor dem Leben gelehrt wird. Dass Gott das Leben will und wir uns dafür einsetzen sollen. Im Konfirmandenunterricht tun wir dasselbe in Klasse 3 und 8. Das lohnt sich und das gibt es nur, weil Leute Kirchensteuer zahlen und der Pfarrer das dann für die Gemeinschaft tut.
In der Kinder- und Jugendarbeit, im Kindergottesdienst arbeiten wir genau dafür. Bei Senioren achten wir darauf, dass es Angebote gibt, um der Vereinzelung und Vereinsamung entgegenzuwirken.
„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat"?  „Werft euren Glauben nicht weg." Glaube und Gottvertrauen, Leben als Christ, all das hat schöne wie auch schwere Seiten, gute wie auch schlechte Tage. Es gibt nicht nur die religiösen „kicks", das ganz große Sich-bei-Gott-total-geborgen-fühlen, sondern es gibt auch „Schwarzbrot-Spiritualität" - Fulbert Steffensky hat das einmal so genannt. Also Glauben im Alltag, wo einem ein Bibelwort mal mehr und auch mal weniger sagt, und einem das Beten mal leichter und mal schwerer fällt, und auch das Bekenntnis gegenüber anderen: „Ja, ich glaube an Gott. Ja, ich bin Kirchenmitglied. Ja, ich gebe die Schätze des Glaubens gern auch an andere weiter."
Auch dieser vertrauende schwache und manchmal gebrochene Alltagsglaube ist wertvoll, er lohnt sich. Nicht wegwerfen. Sondern: Aufheben. Bewahren. Geduldig dranbleiben. Dazu ermuntert uns der Hebräerbrief. Und ich würde noch ergänzen: Wenn wir spüren, dass uns unser Gottvertrauen abhanden kommt, ist es gut, sich nicht damit abzufinden, sondern sich neu auf die Suche zu machen, und auch Gott darum zu bitten, unser Vertrauen wieder zu stärken. Denn Vertrauen ist keine Leistung, die wir erbringen könnten, sondern etwas, das uns geschenkt wird. Unsere Neustädter Kirchengemeinde ist meiner Einschätzung anch dafür ein geeigneter Ort.
Letzter Punkt: Ist die Bibel nun generell gegen das Wegwerfen?  (Wo das Wegwerfen doch auch so befreiend sein kann ...)  Keineswegs. Kostprobe aus der Bibel gefällig? „Alle eure Sorgen WERFT auf Gott, denn er sorgt für euch." Amen.? Amen