Predigt zu Römer 5, 1-5

Liebe Gemeinde,
Hand aufs Herz, liebe Gemeinde: Es geht uns gut. Die allermeisten können nicht klagen. Wir leben in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, in einer der wohlhabendsten Regionen in Deutschland. Wir leben seit über 70 Jahren in Frieden. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Kein Kind bei uns an Hunger sterben und unsere medizinische Versorgung ist gut. Natürlich, noch ist nicht alles gut, der Wohlstand ist sehr ungleich verteilt, noch immer nicht alle Krankheiten besiegt. Und viel Unglück gibt es, weil Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen. Aber trotzdem: Verglichen mit den Generationen vor uns in unserem Land, verglichen mit den Menschen in anderen Ländern, geht es uns unverdient gut.
Manchmal schaue ich mich um in meinem Leben und denke: Was für eine Gnade!

Ich nehme an, genau das wollte der Apostel Paulus den Christen in Rom deutlich machen. In Zeiten, die viel unsicherer waren als unsere, es gab große Armut, man starb an Blinddarm, Tuberkulose und den Pocken, das Durchschnittsalter war so irgendwo Mitte 30. In Rom waren die Christen von ersten Verfolgungen bedroht. Trotzdem schreibt Paulus ihnen in seinem Römerbrief: Eigentlich geht uns Christen doch gut. Und wir haben Hoffnung, dass es noch besser wird. Hoffnung auf die kommende Herrlichkeit Gottes.

Ich lese vom Predigttext, zuerst einmal die ersten beiden Verse: Römer 5, 1+2
1 Da wir nun durch den Glauben von Gott für gerecht erklärt worden sind, haben wir Frieden mit Gott durch das, was Jesus, unser Herr, für uns tat. 2 Christus hat uns durch den Glauben ein Leben aus Gottes Gnade geschenkt, in der wir stehen, und wir sehen voller Freude der Herrlichkeit Gottes entgegen.

Wir haben Frieden - Shalom. Es geht uns gut. Wir haben Frieden, sagt er den Christen in Rom. Frieden. Shalom. Das ist der umfassende Zustand von Glück und Wohlergehen, den Paulus, als Geschenk empfunden hat. Wir haben das Jesus Christus zu verdanken, schreibt er. Er hat es uns möglich gemacht, im Shalom zu leben. Was für eine Gnade. Ja, Paulus schreibt sogar: Wir stehen in der Gnade. Wie in einem geschützten Raum stehen wir umhüllt von Gott, der uns zugewandt und wohlgesonnen ist - es geht uns gut. Paulus hat das für die christlichen Gemeinden ganz real gemeint. Inmitten der friedlosen Welt leben wir nach neuen Maßstäben, in einer Welt des Friedens. Und wenn ich Paulus recht verstehe, dann meint er: das kann in unseren christlichen Gemeinden wirklich erlebt und erfahren werden. Die Christen haben sich um Ausgleich der sozialen Gegensätze bemüht, arm und reich, upper class oder prekäre Verhältnisse, das spielte in der ersten Gemeinde keine große Rolle. Gastfreundschaft wurde groß geschrieben, man sorgte nach Kräften für die Armen und Konflikte versuchte man friedlich zu lösen. Christen stehen einander bei und können so besser auch das ertragen, was einem allein zu schwer ist. Die Liebe ist die größte unter den christlichen Tugenden, hatte Paulus eingeschärft. Er ging davon aus, dass in den christlichen Gemeinden Gottes schöne neue Welt schon spürbar werden konnte. Das ist der Sinn der Kirche bis heute: solidarisch füreinander einstehen.

Aber, lieber Herr Bauer, denken Sie jetzt vielleicht, da hat Paulus sich doch was vorgemacht. Sich und erst recht den Gemeinden, denen er seine Briefe schreibt. Er kann doch nicht einfach so tun, als ob es das andere nicht gäbe: Mütter, denen damals jedes Jahr ein Kind gestorben ist, Väter, die in den Verliesen der Staatsgewalt verschwanden, Gefängnis und Tod, nur weil man Christ war, ein paar wenige Superreiche und Mächtige in der Stadt und alle anderen waren rechtlos und Sklaven?

Das konnte Paulus doch damals so wenig übersehen wie wir heute unsere Situation: Krieg und Gewalt in Syrien und im Nahen Osten, das reichste Prozent der Weltbevölkerung – das sind ungefähr 70.000 Menschen – besitzen mehr als die übrigen 99 Prozent (also fast 7 Milliarden) zusammen. Millionen Menschen auf der Flucht, viele davon an Europas Grenzen, die Probleme, die das bringt, muss ich nicht aufzählen. Die Menschen machen sich Sorgen und haben Angst vor der Zukunft – wahrscheinlich nicht anders als die Menschen in Rom zur Zeit des Paulus. Und der schreibt: Eigentlich geht es uns doch gut! Und wir haben Hoffnung. Aber nichts von Sorgen und Angst.

Stimmt aber gar nicht. Paulus kennt die Angst und die Sorgen. Er schreibt auch von Not. Von Leid. „Trübsal“ übersetzt Luther. Paulus weiß, wie einem das zu schaffen machen kann. Paulus kennt die Einwände gegen sein: Eigentlich geht es uns doch gut. Die Einwände gegen die Hoffnung, die einem Kraft gibt: einmal wird Gottes Herrlichkeit über uns aufgehen. Wie soll einer an so einer Hoffnung festhalten, wenn es allen Grund gibt, sich Sorgen zu machen?
Paulus kennt diese Einwände, Und er zeigt einen Weg, wie man aus Trübsal zu Hoffnung und zu neuer Kraft kommt. Die fällt ja nicht einfach vom Himmel. Paulus macht klar: Das ist richtig Arbeit!
Ich lese ihnen vom Predigttext die Verse 3 bis 5

3 Wir freuen uns auch dann, wenn uns Sorgen und Probleme bedrängen, denn wir wissen, dass wir dadurch lernen, geduldig zu werden. 4 Geduld aber macht uns innerlich stark, und das wiederum macht uns zuversichtlich in der Hoffnung auf die Erlösung. 5 Und in dieser Hoffnung werden wir nicht enttäuscht werden. Denn wir wissen, wie sehr Gott uns liebt, weil er uns den Heiligen Geist geschenkt hat, der unsere Herzen mit seiner Liebe erfüllt.

Ja, Schweres kann uns lehren durchzuhalten. Aber Paulus meint mehr, als passives Dulden, bis es vorbei ist. Nicht mal eine Grippe muss man einfach bloß aushalten und abwarten. Sogar da kann man manches tun, dass es erträglicher wird, dass es nicht verschleppt wird und immer schlimmer, dass man schneller wieder auf die Beine kommt und vor allem: dass es einen nicht gleich wieder erwischt. Also nicht aufgeben: Ich habe ja immer so ein Pech, jetzt habe ich mich schon wieder erkältet. Sondern inhalieren und Tee trinken, wenn es sein muss Bettruhe oder Obst und frische Luft und Bewegung. Dann geht es einem schneller wieder gut und manchmal sogar besser als vorher.

Und das gilt erst recht für die großen und existenziellen Krisen. Manche werden aus der Bahn geworfen, geben auf, werden depressiv, entwickeln posttraumatische Belastungsstörungen. Und andere verarbeiten dieselbe Notlage relativ problemlos. Manche Menschen scheinen an existentiellen Krisen sogar zu wachsen und innere Stärke zu gewinnen. Natürlich kann ich jetzt nur die prominenten Beispiele nennen - aber wahrscheinlich kennen Sie auch Menschen in ihrem persönlichen Umfeld, für die das gilt.

Prominent ist Nelson Mandela, der nach 27 Jahren Haft Präsident in Südafrika geworden ist und das Apartheitsregime überwunden hat. Oder Malala Yousafzai, der die Taliban in den Kopf geschossen haben und sie setzt unbeirrt ihren Kampf für Mädchenbildung fort. Manchmal frage ich mich: Wo nehmen solche Menschen bloß diese Geduld her, diese Standhaftigkeit, die sie durchhalten und weitermachen lässt?
Resilienz nennt man diese Kraft. Resilienz: Widerstandskraft erspart einem nicht, dass etwas passiert, dass ein Unglück geschieht, dass es einen sogar selber trifft. Aber Resilienz hilft einem, die Trauer, die Sorge, die Angst, die mit solchem Unglück einhergehen, besser zu bewältigen. Resilienz hilft also nicht gegen die Probleme der Welt. Aber Resilienz hilft durchhalten.

Und wie gewinnt man Resilienz? Gesundheitspsychologen sagen: Beziehungen helfen. Menschen, die am besten schon in früher Kindheit erfahren, dass wenigstens ein Mensch für sie da war, an sie geglaubt und ihnen geholfen hat. Solche Menschen haben gute Aussichten, resilient zu werden. Das können Freunde sein, die Familie. Aber natürlich auch die Gemeinde, zu der man gehört. Dass andere mir zuhören, zu mir halten, für mich beten – das macht resilient. „Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand“ – dieses Vertrauen hat schon manchem Kraft gegeben, seine Krise durchzuhalten und wieder auf die Beine zu kommen statt sich beleidigt, verletzt oder beschämt zurück zu ziehen.

Und da, denke ich, da können wir Christen einander helfen. Gerade wenn es uns unverdient gut geht, können wir anderen helfen, durchzuhalten, denen es nicht gut geht. Einander helfen durchzuhalten – wahrscheinlich ist das ein ganz wichtiger Teil von diesem Shalom, von dem Paulus spricht. Shalom heißt ja unter den Bedingungen unserer Welt nicht, dass alles gut ist. Aber schon, dass wir dem Leben helfen. Wir können einander helfen, durchzuhalten. Damit Menschen sagen können: Das schaffe ich! Dass sie auf ihre Kraft vertrauen und auf die Gemeinschaft die hilft, anstatt zu sagen: Das schaffe ich sowieso nicht. Wer so anfängt – der kann es am Ende wirklich nicht schaffen, fürchte ich. Paulus schreibt: dazu hat Gott uns seinen Geist geschenkt – damit wir durchhalten und es schaffen!

Was mir besonders aufgefallen ist: Paulus schreibt: Wir sind froh, auch über das Schwere. Wie das? Sollte man nicht alles tun, die Schwierigkeiten des Lebens zu vermeiden? Ich jedenfalls versuche meistens, den Schwierigkeiten irgendwie aus dem Weg zu gehen. Mir scheint: Paulus weiß, dass die Durchhaltekraft, die Resilienz nur da wächst, wo ich mich dem Stress stelle und der Herausforderung. Wenn ich weglaufe, wenn ich die Augen verschließe, wenn ich mich einschließe, damit mir nur nichts passiert – dann können die Widerstandskräfte nicht wachsen.

Durchhalten also, nicht mutlos aufgeben. Ich glaube: Dazu können wir einander helfen. Dazu brauchen wir Christen einander.

Denn, schreibt Paulus, das ist ja das Nächste. Wer durchgehalten hat, der kriegt ein gutes Gefühl. Dieses Gefühl: Ich hab es geschafft. Wir haben es hingekriegt. Ich hab durchgehalten. Durchhalten schafft Bewährung. Beim Fasten kann man das beobachten. Im Radio wurde ein Moderator gefragt, ob das nicht eine furchtbar schwere Zeit ist, wenn er sich jetzt vorgenommen hat, 7 Wochen auf sein Feierabendbier zu verzichten. Nein, hat er gesagt, überhaupt nicht, im Gegenteil: Es ist ein tolles Gefühl, wenn man da an etwas arbeitet und jeder Tag gibt einem mehr das Bewusstsein: Ich schaffe es. Ich kann’s! Und die Ärzte bestätigen das: Fasten wirkt grundsätzlich gegen depressive Phasen und es sind grundsätzlich mehr Glücks- als Stresshormone im Körper unterwegs.

Wenn man durchhält und sich bewährt, das ist ein tolles Gefühl. Auch in den großen Krisen, die einen treffen können: Da reden Menschen nicht länger davon, dass sie passiv und hilflos Opfer geworden sind. Sondern sie begreifen sich als Überlebende. Ich habe überlebt. Ich bin stark. Ich habe es geschafft. Ich habe durchgehalten.

Gott schafft in uns Hoffnung. Hoffnung, die aus der Bewährung kommt, die vertraut auf Gott. Die weiß: Es werden Krisen kommen. Aber Gott wird mit uns gehen. Er wird seine Liebe auf uns ausgießen und sein Heiliger Geist wird uns beflügeln. So werden wir uns bewähren, auch in kommenden Krisen.
Glaube, Vertrauen, Hoffnung und Liebe, die werden bleiben und in uns wachsen. Dazu schenke Gott uns seinen Geist.
Amen