Predigt zu 1. Thessalonicher 5, 1-6

1Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
2denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein

Gottesdienst hier als Video.


Liebe Gemeinde!
In der Nähe von Korntal bin ich aufgewachsen. Korntal wurde gegründet, weil der württembergische König die Christen im Land halten wollte, die mit der Wiederkunft des Herrn in baldiger Zeit gerechnet haben. Sie hatten mithilfe der Bibel einen Termin errechnet. Deshalb haben sie Häuser gebaut, die nicht mehr so lange halten müssen. Sie rechneten wirklich damit, dem Herrn entgegen zum Himmel emporgehoben zu werden. Deshalb erfanden sie übrigens das Dachfenster. Sie ließen dafür in das Dach ihrer Kutschen Luken einbauen. Die Entrückungsluke.

Auch der Pfarrer Christoph Blumhardt hatte immer eine fahrbereite Kutsche. Mit dieser wollte er seinem Herrn Jesus Christus, wenn er wiederkäme, unverzüglich entgegenfahren. Er wollte dann von Boll in Richtung Göppingen aufbrechen, denn für ihn war klar, dass der Herr aus östlicher Richtung – wie der Sonnenaufgang – kommen würde.

Mit diesem Spleens waren Korntal und Blumhardt ganz nahe bei dem, was Paulus und die ersten Christen in Thessalonich erhofft haben. Denn auch sie erwarteten das Kommen Christi ganz bald, bestimmt aber noch vor ihrem Tod. Schon damals tauchten erste Fragen auf, als nämlich die Wiederkunft Christi immer länger auf sich warten ließ und die ersten Christen verstarben, ohne den „Tag des Herrn“ erlebt zu haben. (Parusieverzögerung)

Sind wir nach 2000 Jahren nun einfach realistischer geworden? Wir beten zwar auch im Vaterunser „dein Reich komme“ und bekennen im apostolischen Glaubensbekenntnis „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“, aber bald rechnen wir vermutlich nicht mit diesem Ereignis.
Ist also der Predigttext überholt durch die Verzögerung der Wiederkunft Christi? Paulus sagt uns: Nicht der Zeitpunkt ist letztlich entscheidend, sondern die Frage, wie die Hoffnung auf Jesus Christus unser Leben verändert und prägt. Es geht nicht darum, wieviel Zeit wir noch haben, sondern darum, wie wir sie füllen, gestalten und leben. Es geht um die Qualität von Zeit.

Qualität bedeutet nicht, dass man sich von einer Aktivität in die andere stürzen muss, ständig auf der Suche nach Neuem und Aufregendem. Eine sinnvolle Antwort auf die Frage zu finden, wie Lebensqualität aussieht, das bleibt eine lebenslange Aufgabe. Wir würden auf uns allein gestellt an dieser Aufgabe auch scheitern. Uns würde es nicht gelingen, aus dem Bruchstückhaften unseres Lebens ein Ganzes machen. Wir könnten noch so heroisch versuchen, unser Leben zu meistern, ohne die Liebe und Vergebung Jesu würde eine entscheidende Qualität im Leben fehlen.

Paulus will uns aus einer finsteren Hoffnungslosigkeit, aus dem Nichts-Tun-Können befreien und uns wachrütteln, wenn er den Thessalonichern und auch uns zusagt: Ihr seid alle Kinder des Lichts! Wie wichtig es ist, dass Licht das Dunkel erleuchtet, wissen wir alle. Gerade in diesen Tagen der Isolation, wenn es auch noch draußen manchmal unwirtlich ist und die Tage kurz sind, dann soll wenigstens in unserer Seele hin und wieder das Licht Gottes hineinstrahlen. Und das gerne auch immer öfter.

Wir brauchen das Licht und die Wärme und das nicht nur in unseren Wohnungen. Dabei merken wir, dass schon ein kleiner Lichtschein einen großen Raum erhellen kann.
Wenn wir bald Grablichter zum Friedhof tragen, wenn wir dann zum Advent die erste Kerze anzünden, wird es auch in unseren Wohnzimmern oder hier im Gottesdienstraum heller. Und diese äußeren Zeichen sollen uns helfen, es auch in unserem inneren hell werden zu lassen. Wir warten auf den, der sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh 8,12).

Alles, was wir zu tun haben ist, dies in unserem Leben ernst zu nehmen, zu realisieren und durchscheinen zu lassen. Wie das aussehen kann, dafür ist gerade Christoph Blumhardt ein gutes Beispiel. Weil er fest mit dem Kommen seines Herrn gerechnet hat, hat er gerade auch die Dinge dieser Welt ganz ernst genommen. Er ist um die Jahrhundertwende in die sozialdemokratische Partei eingetreten und hat sich in den Landtag wählen lassen, um die Interessen der Industriearbeiter vertreten zu können. Er nahm Leid und Not dieser Menschen wahr und sah sich in der Pflicht, ihnen zu helfen. Das hat ihm ziemlichen Ärger eingebracht unter anderem mit der damaligen Leitung der Landeskirche. Er war also kein religiöser Spinner, sondern ein Mensch der versucht hat, als Kind des Lichts und des Tages zu leben, getragen von der Kraft seines Glaubens. Es ist nämlich nicht wahr, dass die Ewigkeitshoffnung uns Christen zu Träumern und Phantasten macht. Im Gegenteil – je entschlossener wir auf die neue Welt warten, desto praktischer, nüchterner und schlichter wird sich unser Leben hier gestalten. Blumhardt hat schon vor mehr als 100 Jahren Predigten zum Thema „Umweltschutz“ gehalten. Schon damals hat er für einen schonenden Umgang mit der Natur plädiert. Die Freundlichkeit Gottes muss durch uns Menschen hindurch die Natur erreichen, sonst häufen sich die Störungen, das war seine Überzeugung.

Auch wir sollen aus so einer Haltung heraus unser Leben gestalten. Wir sollen beherzigen, dass unser Herr das Licht bringt, auch in uns hinein. Und wir sollen es weiter ausbreiten. Wir sollen unser Leben von der Frage bestimmen lassen: Was würde Jesus tun? Was entspricht unserer Existenz als Lichtträger, als Kinder des Lichts?
Machen wir es hell um uns herum! Wo setzen wir Lichtpunkte, geben Menschen Aufleuchten in ihre Zimmer, Herzen und Familien?

Ja, es ist wieder Zeit für Anrufe, die Licht bringen. Für Grüße und Zeichen, die Hoffnung wecken und Verbundenheit zeigen.

Wir alle sind Kinder des Lichts. Und das nicht, weil wir uns so toll anstrengen, sondern weil Jesus uns dazu gemacht hat. Deshalb müssen wir nur unserer inneren Existenz gemäß leben. Lebt was ihr seid! Ihr seid Kinder des Lichts! So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

Liebe Gemeinde,
das ist evangelisch sein: Nüchtern mich und die Welt betrachten, dabei nichts beschönigen, aber auch nichts herabsetzen. Nichts übertreiben, nicht emotional wegschwimmen auf einem religiösen Gefühl, sondern aktiv, nüchtern und voll Gottvertrauen diese Welt gestalten.

Das ist evangelisch sein: Zu wissen, dass ich Kind des Lichts bin. Und nun das zu leben und den Dingen ihren nachgeordneten Platz zuweisen, den sie haben.

Das ist Christ sein: Im Nächsten Christus zu entdecken und ihn so zu behandeln.
Amen.