Predigt zu Lukas 6, 27-38

Liebe Gemeinde,
Patsch. Eine Ohrfeige. Der Abdruck einer Hand zeigt sich auf der Backe in Rot. Und jetzt? Wie fühlt sie der Getroffene? Wie reagiert der, der sich nun die schmerzende Backe hält? Was würden Sie tun?

Die zweite Situation: Einer schimpft. Nein er schimpft nicht nur. Er verflucht den anderen richtig. Was da für Ausdrücke durch die Luft wirbeln: Worte, die man nicht wiederholen und schon gar nicht von der Kanzel hören mag. Und der, den diese ganzen schlechten Wünsche treffen, was macht der? Was würde das mit Ihnen machen, wenn Sie diese Hasstirade abbekommen würden?

Eine dritte Situation: In einem Lokal sehen Sie, wie einer Ihren Mantel anzieht und geht? Was machen Sie?
Liebe Gemeinde, ich stelle hier Fragen über Fragen.

Unser Predigttext hingegen bietet klare Antworten. Er sagt denen, die hören, wie ihre Reaktion jeweils aussehen könnte... Ich lese bei Lukas im 6. Kapitel.
27Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; 28segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. 29Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. 30Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. 31Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! 32Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben, die ihnen Liebe erweisen. 33Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch. 34Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr da-von? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. 35Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.


Liebe Gemeinde,
das klingt wie „nicht von dieser Welt“. Jesus scheint unglaublich viel zu fordern. Keine Frage. Aber wir würden in die Falle tappen, wenn wir jetzt zu schnell wortreich sagen würden, wie unmöglich und schwierig seine Forderungen sind.

Tatsächlich gibt und gab es Menschen, die dieser Botschaft Jesu folgen und dadurch Unglaubliches bewirken.
Der südafrikanische Bürgerrechtler Nelson Mandela wurde nach 27 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Ich werde das nie vergessen. Das war im Jahre 1990. Ich war damals noch keine 29 Jahre alt. Nelson Mandela wurde also ins Gefängnis gesteckt, als ich zwei Jahre alt war. Und er wurde entlassen, da war ich Diakon für Jugendarbeit in Bittenfeld und Hohenacker. Nelson Mandela war zu seiner Zeit der berühmteste Strafgefangene der Welt. Sein Vergehen war, dass der sich in seiner Heimat Südafrika dafür einsetzte, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollten, egal ob sie schwarz oder weiß sind. Dafür wurde er so lange ins Gefängnis geworfen. Vor der Entlassung Mandelas aus der Haft zitterte Südafrika. Ein Mann, dem man alles genommen hatte, den man das halbe Leben in den Kerker gesperrt hatte: was würde er nun tun, als er der Präsident seines Landes wurde? Würde er nun Rache nehmen? Mandela widerstand der Versuchung, sich zu rächen und begann er eine Politik der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß.
Er sagte einmal: Man muss Hass erst lernen, aber wer Hass lernen kann, dem kann auch Liebe beigebracht werden. Liebe kommt natürlicher in das menschliche Herz als ihr Gegenteil.“ Nelson Mandela hat eine neue Ära eingeläutet in Südafrika, indem er tatsächlich tat, was Jesus sagt: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
Wir könnten jetzt noch viele Beispiel zusammentragen von Menschen, die lieber Frieden geschlossen haben, als sich zu rächen.

Aber viel wichtiger ist jetzt die Frage: bin auch ich zu so etwas in der Lage? Kann ich mich gegenüber einem Menschen entgegenkommend verhalten, der mir schon mal Böses zugefügt hat? Gelingt mir das auch in meinen kleineren Verletzt-worden-Geschichten: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen? Als ob Jesus unsere Frage geahnt hätte, hat er in seine Feldrede etwas eingefügt, das uns das Ganze leichter machen will. Sozusagen Jesus und die Sache mit der Barmherzigkeit für Anfänger. Jesus sagt zwischen all den großen Forderungen plötzlich: Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Das ist nun etwas ganz anderes. Nach dem Feuerwerk von Feindesliebe, Backe hinhalten und alles, was man hat, hergeben, erscheint es wie ein freundliches Zugeständnis: Behandle deinen Nächsten so, wie du selbst behandelst werden möchtest. Das ist ein Anfang. Das überfordert uns nicht. Damit können wir etwas anfangen. Freilich: es ist nicht die ganz große Kunst. Aber es ist ein Anfang. Und diesem Anfang folgt dann: einem anderen Menschen freundlich zugewandt zu begegnen, noch bevor der zu mir dasselbe ist. Sozusagen als Vorschusslorbeere. Ich staune immer wieder, was das für enorm positive Folgen hat. Und dann habe ich vielleicht den Mut und die Kraft zur Königsdisziplin: dort, wo mir böse mitgespielt wurde, nicht böse zurückzuspielen. Aber warum das Ganze?

Jesus sagt dazu einen dieser ganz einfachen Jesus-Sätze, die es aber in sich haben. Er sagt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Damit ist unser Vater im Himmel gemeint. Gott. Er ist unendlich barmherzig. Darum: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Der Liedermacher Reinhard Mey veranschaulicht für mich höchst eindrucksvoll, was das heißen könnte.
Ich denke, ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein
Und wieder einmal war es Zeugnistag
Nur diesmal, dacht' ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein
Als meines weiß und hässlich vor mir lag
Dabei war'n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt
Ich war ein fauler Hund und obendrein
Höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt
So ein totaler Versager zu sein
So, jetzt ist es passiert, dacht' ich mir, jetzt ist alles aus
Nicht einmal eine 4 in Religion
Oh Mann, mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus
Sondern allenfalls zur Fremdenlegion
Ich zeigt' es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie
Schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahl'n!
Ich war vielleicht 'ne Niete in Deutsch und Biologie
Dafür konnt' ich schon immer ganz gut mal'n!
Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus
So stand ich da, allein, stumm und geknickt
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück
Voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon
Die Maulschellen für den Betrüger, das missrat'ne Stück
Diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn
Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
Und sagte ruhig: "Was mich anbetrifft
So gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran
Das ist tatsächlich meine Unterschrift"
Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug
Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh'n
Dass sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug
Dann sagte sie: "Komm, Junge, lass uns geh'n"
Ich hab' noch manches langes Jahr auf Schulbänken verlor'n
Und lernte widerspruchslos vor mich hin
Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn
Dass ich dabei nicht ganz verblödet bin!
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr'n herausgesiebt
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!
Ich weiß nicht, ob es Rechtens war, dass meine Eltern mich
Da rausholten, und wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier'n, die Besserwisser streiten sich
Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal
Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt
Und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind
Wenn's brenzlig wird, wenn's schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt
Eltern, die aus diesem Holze sind.

Jesus sagt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. So wünsche ich den Taufkindern, den Konfirmandinnen und Konfirmanden, denen die es schwer haben in und mit dem Leben, uns allen, liebe Gemeinde, Menschen, die aus diesem Holze sind. Aus dem Holz der Barmherzigkeit.
Amen.