Predigt Jesaja 51, 4-6

Predigt zu Johannes 12
12] Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, [13] nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! [14] Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): [15] »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« [16] Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. [17] Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. [18] Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. [19] Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Liebe Gemeinde,
diee hatten damals Erwartungen, als sie gerufen haben: Hosianna. Das heißt auf Deutsch: „Hilf doch!“
Das werden wir alle schon in unserem Herzen oder mit Worten zum Himmel gerufen haben: "Hilf doch, Herr."

Das Leben ist oft ungerecht. Da werden die liebenswertesten Menschen von einem schlimmen Schicksal ereilt und wir müssen ohnmächtig danebenstehen.
So ist das im Leben, zum Glück nicht immer, aber eben doch immer wieder.
Es ist eben nicht so, dass Gott während unseres Lebens auf dieser Erde, Böses bestraft und Gutes belohnt. Denn das würde ja heißen, wenn es jemanden trifft, ein Unglück oder eine Krankheit, dann habe er Schuld auf sich geladen und werde nun gerade bestraft. Stattdessen gibt es himmelschreiendes Unrecht heute und damals auch. Die Menschen damals dachten beim Einzug von Jesus in Jerusalem wohl vor allem an die Unterdrückung unter der fremden Herrschaft der Römer. Das schrie zum Himmel. Da sollte er helfen, der von Gott versprochenen Messias, der Nachkomme Davids.  Nun würde alles anders werden.

Ungerechtigkeit würde aufhören, stattdessen Gerechtigkeit herrschen, war ihre Erwartung. Das Leiden würde beendet, nicht nur das der Volksgemeinschaft, auch das der Einzelnen. Krankheit und Tod würde beendet. Denn der da kam, der hatte doch eben noch in Bethanien einen vom Tod auferweckt. Einen der schon gestunken hatte, so erzählte man sich. Da war doch zu erwarten, dass er das nun universal zeigen würde, welche Macht er hatte, der Herr des Lebens. Obwohl dazu ja nicht passte, dass er auf dem Armeleutetransportmittel einzog: dem Esel. Man hätte da schon ein weißes, prächtiges Pferd erwartet. Und die Enttäuschung war groß, als danach so gar nichts passierte. Ohnmächtig schien er zu sein, dieser Messias, der Christus, der Retter. Er wurde verraten und verkauft, von seinen Freunden im Stich gelassen, er wurde ein Spielball der Politik und von einem Mächtigen als „Bauernopfer“ zum Tod verurteilt, obwohl er wusste, dass Jesus unschuldig war. Himmelschreiendes Unrecht!

Die Menschen damals waren von diesem Retter enttäuscht. „Hosianna, Hilf doch, Herr!“, das konnte man einem Ohnmächtigen doch nicht zutrauen, dass der helfen könnte. Folgerichtig wandten sich die Menschen von ihm ab und ließen ihn im Stich. Schließlich hatte er ja sie allein gelassen mit ihrer politischen, gesellschaftlichen wie ihrer persönlichen und existentiellen Not.
Welche Erwartungen haben die Menschen heute an Gott? Denn an Gott glauben ja die meisten noch, auch wenn sie nicht recht wissen, ob man dazu Kirche braucht oder wie das mit der Auferstehung von Jesus wirklich gewesen ist.

Gott soll beschützen, einen Schutzengel abstellen und vor schwerer Krankheit bewahren! Ein gutes Leben schenken, dafür ist er doch da! Wehe, wenn die guten Wünsche nicht eintreten. Wenn Gott diese Erwartungen enttäuscht, dann braucht es nicht lange, bis sich die eigene Meinung dreht. Innerhalb kurzer Zeit bringt man die Worte vom „lieben Gott“ nicht mehr über die Lippen.

Das muss nicht bedeuten, dass ich „Kreuzige ihn“ rufe. Eher wird das passiv ausfallen, indem mir der Glaube einfach egal wird. Gott hat meine Erwartungen nicht erfüllt, jetzt kann er mir gestohlen bleiben. Ja, liebe Gemeinde, Gott erfüllt viele Erwartungen nicht, die heute an ihn gestellt werden. Und so sind viele Menschen von Gott enttäuscht und lassen ihn links liegen. Was sind meine Erwartungen, die ich in Bezug auf Gott habe? Warum sind wir heute hier, am Palmsonntag in der Kirche? Warum verlassen wir unsere Häuser und gehen in den Gottesdienst? Trotz nicht erfüllter Erwartungen, von denen sicher die meisten in unserer Mitte ein Lied singen könnten! Was erwarten wir von Jesus, das er für unser Leben tut? Was soll ich den Konfirmanden sagen, warum sich ein Leben mit Jesus lohnt?

Schenkt mir Jesus Erfolg in der Schule? Schenkt mir Jesus gute Freunde? Schickt mir Jesus den Partner fürs Leben? Rettet er mich aus gefährlichen Situationen? Ist ein Leben mit Jesus ein glückliches Leben? Was soll ich antworten? Klar ist: Wenn ein Leben mit Jesus nicht besser ist als ein Leben ohne Jesus, warum sollte dann ein Mensch sein Leben überhaupt als Christ führen? Wenn ich überhaupt keine Erwartungen an Jesus habe, dann brauche ich diesen Glauben ja nicht. Warum bete ich überhaupt, wenn ich Gott letztlich doch nichts zutraue? Und andererseits: Wenn ich ihm zu viel zutraue, dann wachsen die Enttäuschungen! Vor der Mathearbeit habe ich gebetet, und trotzdem eine Fünf… In der Konfirmandengruppe bin ich immer mit dabei, und trotzdem habe ich keinen Anschluss gefunden. Regelmäßig bin ich in den Gottesdienst gegangen und nun trotzdem diese schwere Krankheit. Was erwarten wir von Jesus, das er für unser Leben tut?

Keine Erwartungen an Jesus führen letztlich zur Abkehr vom Glauben. Und zu hohe Erwartungen an Jesus sind auch eine Gefahr für den Glauben.

Liebe Gemeinde, ich wähle jetzt nicht den Ausweg über mittelmäßige Erwartungen. Das wäre nur eine Verschleierung des Problems. Der Ausweg liegt woanders, nämlich in der Frage, welche Erwartungen angemessen sind. Damals in Jerusalem hat Jesus die Erwartungen des Volkes offensichtlich nicht erfüllt. Sein Plan war ein anderer! Gottes Plan war ein anderer! Der kleine Esel, auf dem Jesus in die Stadt zieht, zeigt es an: Hier kommt kein König, der alles von oben herab umkrempelt. Hier kommt ein König, der einen ganz anderen Weg wählt. Er verändert die Welt von unten. Eben nicht im Sinne einer Revolution, die lediglich die alten Machthaber durch neue ersetzt. Nein, Jesus bleibt unten. Er lässt sich gefangen nehmen, er stirbt am Kreuz. In den Augen der Welt ist der Karfreitag ein Tag des Scheiterns. Sieger sterben nicht am Kreuz, Sieger ziehen durch breite Straßen und werden von der Menschenmenge bejubelt. An Palmsonntag und Karfreitag müssen wir erfahren, dass Gottes Weg nicht unseren Erwartungen folgt. Für jeden Betrachter muss es zunächst so erscheinen, dass Jesus gescheitert wäre. Gottes Rettungsweg weicht eben ab von menschlichen Vorstellungen: Gott rettet, aber von unter her.

Er bringt zunächst das Grundproblem in Ordnung und das ist: unsere Trennung von Gott. Dass wir ihm immer wieder abhandenkommen, das nimmt er nicht hin, sondern schafft einen Weg, der das Grundproblem löst. Gott und Mensch gehören zusammen und am Kreuz verbindet er die himmlische Wirklichkeit mit unserer und uns miteinander.

Dafür schafft er einen neuen Weg. Und seither ist das Eine klar: es gibt keine Situation, bei der Gott nicht dabei ist. Gerade wenn wir von Menschen im Stich gelassen werden: das hat er auch schon erlebt und er bleibt bei mir. So hilft er und dadurch hilft er.

Wenn ich ungerecht behandelt werde, unschuldig beschuldigt werde, wenn sich alles gegen mich verschworen hat: auch das kennt er. Er hat es erlebt als er verurteilt wurde und hat sich geschworen: keinen lasse ich in so einer Situation alleine, sondern stehe ihm bei. So hilft er.
Und das gilt erst recht in der Situation wo wir Abschied nehmen müssen von manchem im Leben, wo Möglichkeiten ersterben, wo wir körperlich abbauen und eines Tages auch, wenn wir sterben. Da ist er dabei und sagt uns: Ich bin bei dir an allen Tagen, und „heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“
Was ich heutigen Konfirmanden sage, warum sich ein Leben mit Jesus lohnt? Es lohnt sich, weil Jesus dir Kraft schenkt, und zwar für alle Lebenslagen! Nicht nur an denen, wo ich belastet bin, auch an den fröhlichen freut er sich mit, an den unsicheren hofft er mit, an den erfolgreichen feiert er mit. Jesus gibt Kraft in guten wie schlechten Zeiten. Sein Name sagt es schon: Jesus heißt auf Deutsch: Gott hilft.
Dazu ist er gekommen. Aber er hilft nicht so, dass er die Verhältnisse ändert. Das wäre auch zu gewaltsam und er hat sich entschlossen, dass er unsere Herzen und Seelen stärken will. Dass er uns in seine Arme nehmen möchte und uns an jedem Tag genau so viel Kraft gibt, damit wir weiter das Leben bestehen können.

Gott hilft, auch in unermesslichem Grauen und Schrecken. er verhindert Katastrophen nicht, sondern überlässt uns Menschen die Freiheit. Menschen missbrauchen diese Macht, auch für Schreckliches. Aber er steht bei. Er spendet Kraft. Er gibt Nähe und Geborgenheit und nimmt uns eines Tages bei sich zuhause auf.

Das sind für mich bewegende Gründe, seinem Beispiel zu folgen. deshalb gibt es die Kirche, wo Menschen sich darum bemühen, seinem Beispiel zu folgen und solidarisch zu sein mit den Notleidenden. deshalb sind Seelsorger damit beschäftigt, Menschen beizustehen, deshalb kümmern wir uns um die Menschen, die ohne Habe bei uns Zuflucht suchen vor Mord und Schreckensregimen. deshalb begleiten wir Trauernde und Sterbende, so gut das unsere Zeit und unsere Mittel zulassen. Dafür gibt es die Kirche als Gemeinschaft derer, die das begriffen haben und sich deshalb für das Leben einsetzen. Kirche, das bist du – und ich. Das ist wahrhaftig sinnvoll! Dass einer bei mir ist, das gibt mir die Kraft dazu. Und er ermutigt mich, weil er mir die Fähigkeiten, die Courage und die Liebe dazu schenkt. Was für ein Herr! Er sei gepriesen: Hosianna: Hilf doch, Herr. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Amen.