Predigt zu Römer 12, 9-10

Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt. Verabscheut das Böse, haltet euch unbeirrbar an das Gute. 10 Lasst im Umgang miteinander Herzlichkeit und geschwisterliche Liebe zum Ausdruck kommen. Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.

Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt.
Ich bin an diesem Gedanken hängen geblieben.
Liebe ungeheuchelt. Man kann also offenbar Liebe heucheln. Tatsächlich? So tun als ob.
Das griechische Wort für Heuchler heißt gleichzeitig auch: Schauspieler. Geheuchelte Liebe ist also eine gespielte Liebe. Nur Fassade. Nichts dahinter.
Das ist – so stelle ich mir vor – vorne herum freundlich tun, und dann dem anderen das Messer in den Rücken stechen. Das ist in Kleinigkeiten für den anderen sorgen, und dann bei großen, wichtigen Sachen auf seinen eigenen Vorteil achten. Das ist: freundliche Worte machen – und es folgen keine entsprechenden Taten.
Geheuchelte Liebe.
Aber was ist denn eigentlich Liebe?
Diese Beispiele zeigen schon:
Liebe hat nur wenig zu tun mit Gefühlen, denn das ist Verliebtsein – Liebe aber, hat ganz viel mit Worten und mit Taten zu tun. Der christliche Glaube beruht auf der Liebe. Das wichtigste Gebot und die Zusammenfassung aller Gebote und Regeln sagt Jesus ist ja genau das: Liebe Gott über alle Dinge, von ganzem Herzen und mit Verstand – und deinen Nächsten wie dich selbst.
Und das ungeheuchelt und ohne Masken.
Gott gegenüber sollte uns das nicht schwer fallen, denn er kennt uns ja sowieso ganz genau, schließlich hat er uns gemacht und unsere Grundanlagen, unseren Charakter so gewollt, wie wir sind. Und er liebt uns genau so.
Während die Kinder nebenan nun Masken basteln dürfen, wollen wir etwas nachdenklicher werden und einmal auf das bunte Treiben schauen, was so um uns herum passiert. Heute jedoch sehen wir eigentlich nur auf uns selbst. Masken und Fasching,Kostümierungen aus Schminke, lustigen Klamotten und Masken gehören ja zusammen. Gerade hinter einer Maske kann man sich so schön verstecken und wohl die Hochkultur der Maskerade gibt es bald in Venedig. Oder gibt es sie doch eher woanders und wann anders ?

[Sonnenbrille aufsetzen] Ich weiß nicht, wer die Sonnenbrille erfunden hat. Es war jedenfalls eine äußerst praktische Erfindung. Nicht so sehr, weil durch eine Sonnenbrille die Augen geschont werden. Das ist nur ein Nebeneffekt. Als viel wichtiger hat sich herausgestellt, dass man seine Augen hinter den dunklen Gläsern wunderbar verstecken kann. Die eigenen Augen sehen alles, werden aber selber nicht gesehen. Man kann langsam die Straße entlanggehen, den Passanten ungeniert ins Gesicht blicken, ist aber selbst vor ihren Blicken aufs Beste geschützt. Die Sonnenbrille ist eigentlich eine Maske, die wir das ganze Jahr über, wann immer wir es wollen, aufsetzen können, selbst wenn es regnet oder zu diesig ist.
Ähnlich muss sich ein mittelalterlicher Ritter vorgekommen sein, wenn er an seinem Helm das Visier heruntergeklappt hatte: Er sah durch seinen Sehschlitz alles, wurde aber selber nicht erkannt. Ähnlich müssen sich neugierige Menschen hinter den Gardinen vorkommen: Sie sehen alles, werden aber selber nicht gesehen. Sie bleiben im Dunkeln. Die Sonnenbrille ist die Maske des modernen Menschen. Gäbe es sie nicht schon, sie müsste schleunigst erfunden werden.
Und nun möchte ich meine Sonnenbrille wieder absetzen und etwas Ernstes sagen: Was so manche Leute auf der Straße machen – das Gesicht hinter einer Brille verstecken, den anderen ins Gesicht sehen wollen, ohne das eigene Gesicht dabei zu zeigen – das machen wir, wenn auch auf einer anderen Ebene, ständig alle miteinander.
Wir verbergen unsere wahren Gedanken. Wir schirmen uns ab. Wir lassen uns nicht in unser Inneres blicken. Wir alle tragen Masken, oft mehrere auf einmal. Manchmal nehmen wir eine unserer Masken ab, aber dann kommt darunter nur eine neue Maske zum Vorschein. Wir machen die größten Anstrengungen, zu verbergen, was wir in Wahrheit sind. Ja, wir sind nicht bereit, uns dem anderen wirklich zu öffnen.
Dabei verlangen wir aber gleichzeitig gerade von den anderen, dass sie uns entgegenkommen, dass sie uns ihr Herz öffnen, dass sie uns sagen, was sie bewegt und dass sie Vertrauen zu uns haben. Wir wollen das Gesicht der anderen sehen, unser eigenes Gesicht dabei aber nicht preisgeben. Wir wollen ihnen in die Augen blicken – ohne die Maske von den eigenen Augen abzureißen.
Aber das geht nicht. Wenn wir uns hinter unseren Masken verstecken, können wir nicht erwarten, dass andere ihre Masken ablegen. Wie soll denn ein anderer als Mensch mit uns reden, wenn wir ihm unser wahres Gesicht nicht zeigen, sondern ihn durch dunkle Gläser betrachten mit Augen, die nicht zu erkennen sind! Aber verstecken wir uns wirklich hinter Masken, ohne unser Gesicht zu zeigen?
Bei der Predigtvorbereitung bin ich über ein Buch von Siegfried Lenz gestoßen, der uns etwas anderes über Masken erzählt. In seinem Buch „Die Maske“ erzählt er von einem Studenten, der seine Semesterferien beim Großvater, dem Inselwirt, verbringt. Es ist Sommer geworden. Auf der kleinen Insel in der Elbmündung sind die ersten Feriengäste angekommen und für den Wirt der Gaststätte hat die Saison begonnen. Da peitscht ein Unwetter von der Nordsee über die Insel und als die Menschen sich wieder an den Strand trauen, liegt dort eine große Kiste, im Sturm über Bord gegangen von einem Schiff der China Shipping Container Lines.
Darin befinden sich Masken, bestimmt für das Völkerkundemuseum in Hamburg. Die Menschen probieren die Masken an, sind plötzlich selbst Drache, Tiger oder Puma. Die vermeintliche Maskierung bringt das wahre Gesicht zum Vorschein. Unter dem Schutz der Masken werden Feindschaften beigelegt, Vorurteile vergessen und eine Liebschaft geknüpft. Die Masken verleihen ihren Trägern neue Identitäten und neue Möglichkeiten.
„Die Dorfbevölkerung stellt fest, dass die Maske ihnen eine bestimmte Freiheit verschafft“, erzählt Lenz. „Eine Freiheit des Sagens, des Anvertrauens, aber auch eine Freiheit des Zorns, der Wut, der Empörung, die man loswerden kann unter der Maske.“ Hinter den Masken verändern sich auch die Menschen. Sie verbergen sich nicht dahinter, sondern machen sich vielmehr kenntlich und zeigen ihr wahres Wesen. Man kann meinen, Lenz wolle uns sagen: „Gib dem Menschen eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen und sein eigentliches Ich zeigen“.
Welche Maske müsste ich also absetzen oder aufsetzen, um mein wahres Gesicht zu zeigen, um ganz echt zu sein. Und christlich formuliert, um so zu sein, wie Gott mich gedacht hat? Und Gott wollen wir ja auch heute nicht vergessen.
Wenn wir wissen wollen, wer Gott ist, müssen wir auf Christus schauen müssen. Wer ihn sieht, sieht den Vater - unverhüllt. In ihm sehen wir wie Gott ist – er ist die Liebe und wie er sich verhält: liebevoll!
Also liebe Gemeinde! Genießen wir unser Leben, wenn nötig hinter Masken und Sonnebrillen. Aber seien wir ehrlich Gott gegenüber und wenn es wichtig wird auch unseren Mitmenschen gegenüber. Das ist stark und mutig, uns dann und wann einmal hinter die Maskerade sehen zu lassen und wir werden entdecken, dass wir uns gar nicht immer zu verstecken brauchen. Denn es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht geliebt hat – heißt es in der Weisheit Salomos. Geben wir den anderen Menschen die Chance, uns auch zu mögen und zu entdecken.
Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt. Verabscheut das Böse, haltet euch unbeirrbar an das Gute. 10 Lasst im Umgang miteinander Herzlichkeit und geschwisterliche Liebe zum Ausdruck kommen. Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.
Im Namen Jesu AMEN!