Predigt zu Psalm 84

Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen -
deine Altäre, Herr Zebaoth,
mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen,
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.

Liebe Gemeinde,

herzlichen Glückwunsch! Sie haben es geschafft! Sie sind im Himmel angekommen. Glaubt man dem Beter des 84. Psalms, dann ist doch das hier der Ort aller Sehnsüchte, aller Hoffnungen, das Paradies, wenn sie so wollen. Er meint den Gottesdienst. Und dann sind wir hier buchstäblich mitten drin im Paradies.

Zugegeben: Wenn ich mich sonntags auf den Weg in den Gottesdienst mache, erwarte ich da nicht immer das Paradies. Oft gehe ich einfach hin, weil das eben zu meinem Beruf dazu gehört, aber ich tue es auch gern, weil ich gerne singe in der Gemeinschaft mit anderen, weil ich gerne gesegnet werde. Manche von Ihnen kommen vielleicht, weil sie einen bestimmten Prediger hören möchte, weil sie sehen möchte, wie der oder die es so macht. Manchmal lockt die Aussicht auf einen netten Plausch beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst. Freilich: es kränkt mich auch, dass es nur wenigen Menschen so geht und sie mit uns feiern.

Manche kommen nicht, weil es auch schön sein kann, einfach im Bett liegen zu bleiben. Sieht man sich die leeren Bankreihen in vielen Gottesdiensten an, scheint es nicht nur mir so zu gehen.

Zugegeben sei auch: Wenn wir dann im Gottesdienst sitzen, finden wir dort auch nicht immer die Gegenwart des lebendigen Gottes für mich persönlich. Und das muss gar nicht immer an der mangelnden Qualität des Gottesdienstes selber liegen. Oft genug bleiben wir einfach an eigenen Gedanken hängen, den Problemen, die die letzte Woche gebracht hat, den Aufgaben, die in der nächsten Woche erledigt werden mussten. Oft ist uns einfach zu alltäglich zumute, um zu feiern.

Und noch etwas sei zugegeben: Der Beter des 84. Psalms hat bei seinen Zeilen natürlich nicht an unseren evangelischen Sonntagsgottesdienst gedacht. Er dachte an den Tempel in Jerusalem, der für das Volk Israel bis zu seiner Zerstörung der Ort der Gegenwart Gottes war. Vielleicht ist der Psalmbeter ein aus irgendeinem Grunde verhinderter Festpilger, der sich vor Sehnsucht verzehrt nach dem Ort, zu dem er so gern aufbrechen würde, aber nicht kann. „Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“ Dieser verhinderte Festpilger sitzt nun zu Hause und hat Sehnsucht, oder vielmehr Heimweh. Es ist, als sei der Tempel der Ort, wo er wirklich hingehört, wo er zu Hause ist, wo seine Seele aufatmen kann. Der Ort, an dem er sich sicher fühlt, wie ein Vogel im Nest. Der Ort, wo, bildlich gesprochen, die Schwalbe ihre Jungen aufziehen kann, ohne Angst vor den Nachstellungen der Nachbarskatze. Der Ort, an dem einfach alles stimmt.

Der Psalmbeter sehnt sich nach Gott, nach der Gegenwart des lebendigen Gottes. Vielleicht weil er ahnt, dass er in dieser Gegenwart er selbst sein kann. Weil er weiß, dass Gott die Quelle des Lebens ist und wer wollte nicht das Leben in seiner ganzen Fülle haben?

Vielleicht hofft er, dort zu finden, was ihm fehlt: Liebe, Anerkennung, Glück. Weil er ahnt, dass er in der Gegenwart seines Schöpfers ganz Mensch sein kann, so, wie Gott ihn gemeint hat. Bei ihm, so ahnt er, gibt es ein Leben, das nicht ganz und gar von den alltäglichen Sorgen bestimmt ist, von den Zwängen und Nöten, von Erwartungen, die er erfüllen muss. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Unser Psalmbeter sitzt zu Hause und verzehrt sich vor Sehnsucht, alles in ihm, sein Denken, Wollen und Fühlen sehnt sich nach diesem Zuhause für seine Seele. Und so ist er doch im Herzen auf dem Weg zum Hause Gottes. Deshalb singt er seinen Psalm, sein Lied und in diesem Lied ist der verhinderte Pilger doch unterwegs.

„Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten, die Pilgerstraßen im Herzen haben.“

Die Pilgerreise ist eine Lebensreise, Pilgern nicht als Lifestyle, sondern als Lebensform.

Menschen, die mit Gott unterwegs sind in einer Gruppe von Menschen, die füreinander einsteht, die haben es gut. Mich erinnert es an unsere Gemeindereisen. Das tut gut Gemeinschaft zu haben und ein Ziel.

Menschen, die so unterwegs sind, mit einem Lied auf den Lippen, wissen, dass sie nicht einfach davonlaufen können aus der Welt, in der wir leben. Ihre Reise ist keine Flucht aus der Wirklichkeit, sondern eine Suche nach etwas, das diese Wirklichkeit hält und das Kraft gibt, um in ihr zu leben und sie zu gestalten. „Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.“

Auch sie müssen durchs dürre Tal, wir alle müssen da durch. Aber die Pilger singen ein Lied, das davon handelt, dass es doch möglich ist, dass einem in diesem dürren Tal der lebendige Gott begegnet und dass Quellen entstehen, die Leben ermöglichen, sogar da, wo niemand sie erwarten würde.

Auch in unseren Gottesdiensten singen wir solche Lieder. Psalm 84 haben wir vorhin gemeinsam gebetet und dass wir solche Psalmen im Wechsel sprechen ist ja noch eine Erinnerung daran, dass sie Lieder sind und eigentlich gesungen gehören. Und wir singen auch tatsächlich einige Lieder in unseren Gottesdiensten. Manche haben eine kräftige und lange Tradition, andere drücken mit Texten aus, was uns heutzutage bewegt.

Wir singen solche Lieder weil auch wir diese Sehnsucht kennen. Eine Sehnsucht nach gelingendem Leben, nach Glück, nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit und Gesehenwerden, nach Liebe. Auch wir haben manchmal diese Hoffnung, dass es ein Leben gibt, das nicht nur bestimmt ist durch die alltäglichen Sorgen und Zwänge. Auch wir haben vielleicht eine Ahnung davon, dass es einen Ort geben könnte, an dem man ganz man selbst sein darf.

Auch wir singen solche Lieder und ich glaube, wir haben sie sehr nötig. In einer Welt, die kompliziert ist, in der der Wohlstand Weniger dazu führt, dass Viele in unbeschreiblicher Armut leben und sogar verhungern. In der die Hoffnung auf eine friedliche Revolution manchmal nahtlos in das Entsetzen über einen blutigen Bürgerkrieg übergeht. In der die Angst vor einer ökologischen Katastrophe neben dem gleichmütigen Weitermachen wie bisher steht. In der es nicht mehr reicht, guten Willen zu haben. Weil wir verhindern müssen, die Lebenschancen kommender Generationen in großem Ausmaß zu gefährden. Das kann einen zur Resignation bringen. Was kann ich überhaupt tun? Ist nicht alles, was ich versuche, am Ende in Gefahr, sich als falsch herauszustellen? Oder zumindest viel zu wenig zu sein, um einen Unterschied zu machen?

Dazu kommen Fragen, die sich manch einer in Bezug auf sein eigenes Leben stellt: Bin ich gut genug? Stärke ich die richtigen Fähigkeiten? Studiere ich die richtigen Fächer? Habe ich die richtigen Lernfelder absolviert? Kann ich den Anforderungen meines Berufs genügen und wenn ja, wie lange halte ich diesen Stress eigentlich noch durch? Wie mit der Krankheit und manchen Beschwernissen leben? Kann ich mit den Herausforderungen des Alters gut umgehen, mit Gelassenheit und manchmal auch mit Humor?

Gerade in einer Welt voller Herausforderungen brauchen wir diese Lieder, wir brauchen die Sehnsucht, die sie in uns wachhalten und ich denke, wir brauchen gerade dann unsere Gottesdienste. Nicht, weil sie uns praktische Lösungsstrategien für die Probleme der Welt liefern. Nicht, weil sie uns das schnelle Glück versprechen. Sondern weil sie uns Hoffnung lehren und weil sie uns das Feiern lehren.

Feiern in der Gemeinschaft ist wichtig, gerade für angefochtene Leute, die in einer Welt leben, in der nichts mehr sicher scheint. Gott zu ehren ist wichtig, auch und gerade dann, wenn einem nicht danach zumute ist. Es macht uns deutlich, was uns wichtig ist, es kann uns von der Isolation befreien und dem Zweifel etwas entgegensetzen. Gottesdienst unterbricht den Alltag und erinnert daran, dass es mehr gibt als das Alltägliche.

Wenn wir Gottesdienst feiern, haben wir allen Grund dazu. Denn was wir da feiern, ist ja der Grund unseres Lebens: Der lebendige Gott, der uns das Leben geschenkt hat und der es mit uns lebt. Diesen Gott zu loben ist, wenn Sie so wollen, die schönste Hauptsache der Welt.

„Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar.“ Der Psalmbeter möchte nicht nur zum Tempel pilgern, er würde am liebsten auch gleich da bleiben. Das wäre das Schönste, wenn man sein ganzes Leben in der Gegenwart Gottes verbringen könnte, wenn jeder Tag ein Feiertag wäre und das ganze Leben ein Gottesdienst. Ist es möglich, so zu leben? Für den Psalmbeter scheint das ein Wunschtraum zu sein, der sich auf absehbare Zeit nicht erfüllen wird. Er sitzt zu Hause und beneidet die, die im Tempel sein können. Aber in seinem Lied ist er unterwegs und der Segen liegt in dieser Haltung des Pilgerns, des auf dem Weg seins.

Für unseren Psalmbeter ist der Tempel in Jerusalem noch der Ort der Sehnsucht, der Gottesgegenwart. Mit seiner endgültigen Zerstörung im Jahre 70 n.Chr. musste das jüdische Volk lernen, ohne diesen Sehnsuchtsort auszukommen; ohne diesen Ort, aber nicht ohne Gott. Wir Christen, zumal wir evangelischen, haben keinen solchen heiligen Ort. Jesus selbst ist für uns der neue Ort, wo wir Gott nahe kommen können. Das ist eine revolutionäre Sichtweise: Nicht mehr ein prächtiges Gebäude, das Schutz gibt und die Macht und Herrlichkeit Gottes anschaulich macht, sondern ein Mensch, der zu Lebzeiten als Wanderprediger umherzog und am Kreuz gestorben ist, ist der Ort der Gottesgegenwart. Gott zieht zu den Menschen. Wir können noch nicht auf Dauer bei Gott wohnen. Wir bleiben unterwegs. Aber Gott geht mit uns. So muss das Leben in der Gegenwart Gottes kein Wunschtraum bleiben. Es kann sich erfüllen, in unserem alltäglichen unterwegs sein. In den Häusern und Wohnungen, in denen wir wohnen, in der Schule und im Konfirmandenunterricht, im Beruf, in unseren Begegnungen, in Krankheitszeiten, in Trauer, in unserer Suche nach einer besseren Welt. In unserer ganz alltäglichen Nachfolge Christi.

Diese Wege, die wir gehen, sind nicht schon der Himmel. Es gehört oft Kraft dazu, sie zu gehen. Aber es gibt diese Momente, in denen auf unseren Wegen erfülltes Leben möglich wird. Es gibt die Kraftorte, wie unsere Martinskirche, wo wir innehalten können und ihm begegnen.

Wir feiern Gottesdienst, um dem Gott Jesu Christi für diese Momente gelingenden Lebens zu danken, um die Momente vor ihn zu bringen, die nicht gelingen und um den Gott zu loben, der in beidem mit uns ist. Wir feiern Gottesdienst als Menschen, die Sehnsucht haben und noch nicht am Ziel sind.

Wir feiern Gottesdienst gewissermaßen als heimwehkranke Wanderer, die zusammenkommen, um sich Geschichten von zu Hause zu erzählen. Geschichten, nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft. Wir feiern Gottesdienst als Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Dann öffnet sich der Horizont, weil der Himmel bei uns wohnt.

Amen.