Gottesdienst mit Predigt zu Hiob 19

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Musik zum Eingang - Cantiamo: Verraten, verspottet
Votum - Begrüßung -Wochenspruch

Herzlich begrüße ich Sie zum Gottesdienst am Sonntag Judika.
Dieser 5. Sonntag in der Passionszeit steht schon in Rufweite zu dem Geschehen, dass am kommenden
Sonntag, dem Palmsonntag, mit dem Einzug Jesu in Jerusalem seinen Lauf nimmt. Der Sonntagsname:
Judika – Schaffe mir Recht – wühlt Befürchtungen und Hoffnungen auf. Aber was Jesus jetzt in dieser Zeit getan hat, dient nur uns. Der Wochenspruch für diese Woche sagt:
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur Erlösung für viele. Mt. 20, 28
Gott will unser Diener sein. Das ist das Wunder eines jeden Gottesdienstes.

EG 601, 1-3+6 Kommt herbei, singt dem Herrn
EG 724 Psalm 43 (Gesprochenes: Ehr sei dem Vater!)

Gott, schaffe mir Recht
und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg
und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist
wie es war im Anfang jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Eingangsgebet – Stilles Gebet
Gnädiger und gerechter Gott,
 erneuere auch uns. Jetzt bitten wir dich um deine Nähe für uns alle. Sprich zu uns und handle du an uns. An diesem Tag bitten wir vor allem für
Gib du ihnen und uns allen, Worte des Lebens in diesem Gottesdienst und Kraft von deiner Kraft.
In der Stille öffnen wir Gott unser Herz.

Schriftlesung Grüter: Hiob 19, 19-27)
EG 76, 1-2 Cantiamo: O Mensch bewein dein Sünde groß

Predigt zu Hiob 19, 19-27
Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob sitzt am Boden. Seine Kleider hat er zerrissen. Der Mann, der noch vor kurzem mitten im Leben stand, der 10 Kinder hatte und mit Reichtum gesegnet war – er hat keine Freude mehr am Leben.
Hiob - vielen galt er als Vorbild, weil er sein Leben so an Gottes Weisung orientiert hatte und rechtschaffen gestaltet hat - jetzt sitzt er am Boden und hadert. Ja, vor wenigen Wochen noch, da war es ihm richtig gut gegangen. Da hatte er sich an seinen Kindern gefreut, war stolz auf seine großen Viehherden und erfreute sich bester Gesundheit. --- Aber jetzt: Erst waren alle seine Angestellten von Fremden ermordet worden. Durch ein Unwetter stürzte das Haus ein, in dem seine Kinder gerade ein fröhliches Fest feierten. Keines von ihnen hat überlebt. Und dann wird Hiob selbst schwer krank. Bösartige Geschwüre breiten sich am ganzen Körper aus.
Hiob ist am Ende. All’ das, was ihn bisher getragen hat, was sein Leben wirklich lebenswert erscheinen ließ, alles ist zerbrochen. Hiob ist verzweifelt: „Warum muss gerade mir das alles geschehen? Warum straft mich Gott so schwer?“ Hiob findet keinen Grund. Und je tiefer er darüber nachdenkt, umso mehr gerät er an die Grenzen dessen, was er verstehen kann. Das Leid, das ihm widerfährt, empfindet er als Unrecht.
Seine drei Freunde, die ihn besuchen, machen zunächst alles ganz richtig – fast wie aus einem guten Lehrbuch für Seelsorge: Sie kommen, sie setzen sich mit Hiob auf den Boden und sie schweigen – sieben Tage und sieben Nächte. Doch dann halten sie es nicht mehr aus und sie suchen nach Erklärungen: „Hiob, wenn es Dir so schlecht geht, dann muss es seinen Grund haben. Denke daran: Gott straft die, die Unrecht tun und die ihn nicht achten!“ (Hiob 18,21)
Doch Hiob wehrt sich gegen diese Erklärungsversuche und die Bibel stellt fest, sie sind falsch.
Hiob wehrt sich – und er wehrt sich so mit uns gegen so vieles, was einfach nicht zu erklären ist: Warum gibt es immer wieder Menschen, die mich so verletzten statt meine Not zu sehen? Warum trifft gerade meinen Partner diese schwere Krankheit, die unser Leben so unendlich mühsam macht? Warum diese Pandemie? Warum ich?
Auf all’ diese Fragen gibt es keine Antwort, so Hiob – und jeder noch so gut gemeinte Erklärungsversuch wird falsch.
Hiob ist völlig verzweifelt, aber er behält seine Gedanken nicht für sich. Er wendet sich mit seinen Worten an Gott. Ihm wirft er seine ganze Verbitterung und seine Enttäuschung, seine Wut vor die Füße. Ihm klagt er sein Leid.
Und nicht nur das: Hiob klagt Gott sogar direkt an.
Das Leben ist ungerecht und Hiob hat dies am eigenen Leibe erfahren. Deshalb hadert er mit Gott und klagt ihn an. Das gibt es öfter in der Bibel, zum Beispiel in den Psalmen. Letztlich liegt das auch in den Worten Jesu am Kreuz, wenn er sagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). Dieser Schrei richtet sich gegen den Gott, der fern ist, den ich nicht mehr spüren kann. - - Aber: Gerade dieser Schrei gibt Gott nicht auf.
„Man muss gegen Gott zu Gott fliehen“, so sagt es Martin Luther. Trotz all seines Unglücks, trotz seiner Verzweiflung und seines Leids sagt Hiob nicht: „Gott ist tot. Nach allem, was mir an Unrecht geschieht, kann es Gott nicht geben.“ Nein, Hiob hält an Gott fest. Er wendet sich an Gott, weil er dessen Wege nicht versteht, weil er seine Nähe nicht mehr spüren kann. Er führt Klage gegen Gott, wirft ihm seine Wut, seine Enttäuschung vor die Füße.
Das gehört auch zur Gottesbeziehung. Da wo wir mit Gott hadern, da geraten wir nicht in Gefahr, etwas erklären zu wollen, was nicht zu erklären ist. Da versuchen wir nicht vorschnell, Not mit schönen Worten zuzudecken – nach dem Motto: „Ich muss das wohl aushalten. Anderen geht es ja noch schlechter.“ Wo wir mit Gott hadern, da lassen wir ihn nicht los. Wo wir mit Gott hadern, lässt auch er nicht von uns.
So gibt Hiob Gott nicht auf. Er wendet sich gegen Gott und somit an Gott. Und genau aus dieser Kraft, sich mit Gott auseinanderzusetzen, findet Hiob den Mut, Hoffnung zuzulassen. Mitten in seinem Ringen mit Gott und mit dem Unrecht dieser Welt findet Hiob seinen wunderschönen Satz: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er sich über dem Staub erheben.“
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Liebe Gemeinde, vielleicht klingt ja auch bei Ihnen sofort die wunderbare Vertonung dieser Verse aus dem Messias von Händel mit. Nach dem kraftvollen Halleluja, das sogar den englischen König aus seinem Sitz gehoben haben soll, erklingt diese zarte, suchende und doch unendlich vertrauensvolle Arie: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und dass er am jüngsten Tage auf der Erde stehen wird; und wenn auch Würmer diesen Körper zerstören, werde ich in meinem Fleische Gott sehen.“ –
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Hiobs Frage nach dem Warum bekommt letztlich keine Antwort. Es gibt einfach keine Erklärung dafür, warum seine Kinder sterben müssen, warum jemand von so schwerer Krankheit gezeichnet ist, warum unser eigenes Leben, warum die Welt manchmal so völlig ins Wanken gerät.
Aber Hiob wagt, in all seinem Leid an Gott festzuhalten. Er gibt Gott nicht auf. Er konfrontiert ihn mit seinen Fragen und Zweifeln. Er hält an Gott fest und kann dann vielleicht spüren, dass in ihm die Hoffnung lebendig geblieben ist, auch wenn sie zeitweilig zugedeckt war.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“
Ein solcher Satz, liebe Gemeinde, liegt uns nicht immer auf den Lippen und auch nicht im Herzen. Es hat auch bei Hiob lange gedauert – viele einsame und verzweifelte Stunden, Tage, Monate. Er hatte dafür auch keine theologischen Vorbilder, denn die Texte des Alten Testaments entwickeln noch keine Auferstehungshoffnung. Aber in seinem Ringen mit Gott entwickelt Hiob die Kraft, eine Spur der Hoffnung zuzulassen. In seinem Herzen, in seiner Seele bildet sich ganz langsam diese Ahnung: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“
Es bleibt eine zarte Arie und noch längst nicht das Halleluja mit Trompeten und Paukenschlag. Und dieser leise Satz hebt auch das Leiden in der Welt noch nicht auf. Aber gerade dieser leise Ton kann mir selbst zur Quelle der Kraft werden, dem Leben wieder entgegenzugehen: Suchend, tastend, aber voller Vertrauen auf Gott selbst. Denn wo ich einen solchen Satz mitsprechen kann, da zeigt sich am Horizont ein Hoffnungsschimmer – ein Lichtstrahl, der mein eigenes, beängstigendes Leben langsam übersteigt wie die aufgehende Sonne.
Wo ich leise mitsprechen kann: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, da öffnet sich mein Blick neu für die Chancen einer Kirche, die bereit ist, gegen das Unrecht in der Welt anzutreten und sich für Frieden und Gerechtigkeit zu engagieren; für eine Kirche, die Einspruch erhebt, wenn Menschen übersehen werden; für eine Kirche, die über die Zukunft nachdenkt und mutig Verantwortung übernimmt.
Liebe Gemeinde,
die Karwoche, auf die wir zugehen, sie lebt davon, dass sie Leid, Angst, Einsamkeit, Verzweiflung und sogar den Tod ernst nimmt. Denn all das hat Jesus am eigenen Leib erfahren – als Mensch unter uns Menschen. -- Aber die Karwoche lebt auch davon, dass wir in und gegen diese leidvollen Erfahrungen mit Hiob darauf vertrauen dürfen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und dass er am Ende über dem Staub (auch meines Lebens) stehen wird.“
Amen.


Cantiamo. Rühmen will ich meinen Gott


Fürbittegebet  Vaterunser

Herr unser Gott,
wir sind dankbar dafür, dass du uns durch das Leben hilfst – an den leichten Tagen und an den schweren.
Gib uns das unerschütterliche Vertrauen auf dich und stärke uns im Glauben.
An den Tagen des Zweifels und der Hoffnungslosigkeit, stehe uns bei.
Wir bitten dich für unsere Angehörigen, für Freunde und uns selbst. Gib allen genug Energie, damit sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen
Besonders bitte wir für alle Menschen, die in diesen Tagen leiden müssen. Steh den Kranken bei, den Menschen, die den Lebensmut verloren haben, den Sterbenden und Trauernden.
Den Politikern auf dieser Welt schenke die Einsicht, dass das Wohl der ganzen Welt im Mittelpunkt stehen muss.
Die Mächtigen lass ihre Kraft dazu gebrauchen, dass diese Welt für möglichst viele ein besserer Ort wird.
Uns alle schließe als deine Gemeinde zusammen, die betet, glaubt, dich preist und der Welt die Hoffnung zeigt, die nie vergeht, in Ewigkeit. Amen.

Cantiamo: EG 548, 1-3 Kreuz auf das ich schaue
Bekanntgaben
Segen
Musik zum Ausgang: Sad Song (Andrea Schöne)