Predigt zu Lukas 1, 46-55

Wer nicht kämpft, geht unter. Der Stärkste bekommt das größte Stück vom Kuchen. Wir wollen die Stärksten sein: "Make America great again!" Das Streben nach Größe bringt nichts Gutes für die Umwelt mit sich. Denn Großsein ist immer etwas Relatives. Groß sein kann man nur, wenn man größer als andere ist. Man muss sie hinter sich lassen oder klein machen. Dieses Streben nach Größe fängt in der Schule an. Mein Mäppchen, meine Schuhe, mein Schulranzen, diese Gegenstände, die anderen signalisieren: Ich bin wer.
Später ist es dann das Auto, die Reiseziele und vieles andere mehr. Bei der Arbeit will mancher größer als der andere herauskommen: Eigene Fehler werden vertuscht. Die Fehler von anderen ausgekostet.
Was wäre das für ein Aufatmen, wenn das aufhören würde. Wenn wir ein Team wären, wo jeder sich mit dem anderen freut, wenn etwas gelingt und keiner sich mehr in den Vordergrund drängen würde…!
Maria kann etwas, das Donald Trump nicht kann und in unserer Zeit nicht angesagt ist: Sie kann sich zurücknehmen. Sie will nicht groß sein. Darum hört sich ihr Magnifikat ganz anders an. Fasziniert hören wir auf die Worte der Maria.
Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unseren Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
Ein junges Mädchen, erhebt hier ihre Stimme und lässt sich nicht unterkriegen, voller Selbstbewusstsein singt sie ihr Lied. Gleichzeitig weckt sie mit ihrem Lied den Widerstandsgeist. Nichts ist endgültig, Machtverhältnisse müssen so nicht bleiben. Arm muss eben nicht immer arm bedeuten. Und Macht zu haben heißt nicht automatisch, sie für alle Ewigkeiten zu besitzen.
Maria erfährt, dass Gott herabsteigt vom Thron und sie, die einfache junge Frau, ansieht. Sie wird wahrgenommen. Ihr Schicksal ist in Gottes Augen bedeutsam. Mein Schicksal, jedes Leben ist ihm wichtig.
Gott sieht sie an und fragt nicht nach zementierten Verhältnissen, sondern zeigt, dass etwas Großartiges wachsen kann. Im Leben der Maria, wie in unserem. Nichts muss so bleiben wie es ist.
In Maria blitzt die Sehnsucht auf und wird real. Ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes, welches ihr Sohn später verkünden wird und welches sie später in den ersten Gemeinden mit gestalten wird. "Das Reich Gottes ist mitten unter Euch", lässt Lukas Jesus in seinem Evangelium sagen und in den Herzen der Menschen wächst Glauben, Vertrauen, Liebe und Hoffnung. Das Leben setzt sich durch und das soll es sich auch bei uns. Er zündet das Licht an, das die Dunkelheit hell macht. Einen Funken von diesem neuen Feuer spürt Maria jetzt schon, spürt ihn ganz existentiell in ihrem Körper.
Gleichzeitig tröstet das Lied Marias und macht Mut. Es will nicht vertrösten auf bessere Zeiten. Weil ihr von Gott schon jetzt etwas zufließt, das sie beflügelt, kann das jedem geschehen, der auf Gottes Kraft vertraut.
Aus drei Blickwinkeln möchte ich mit Ihnen heute Morgen auf Maria schauen:
1. Die Maria der Bibel
Sie dort zu entdecken, lässt uns staunen. Betrachten wir Maria, dann wird aus ihr gerade nicht eine besondere Gestalt oder gar eine Heilige, sondern ein ganz normaler Mensch. Maria, ein schwangeres junges Mädchen, vom Freund Josef fast verlassen. Eine Frau, die alle Bitterkeiten durchmacht, den Spott der Nachbarn, die Schande, ein uneheliches Kind im Leibe zu tragen. Dann aber begegnet uns auch eine Frau, die über sich selbst hinauswächst, erfüllt von einem ganz anderen als dem menschlichen Geist, die ihren Sohn mit ungeheurer Freude erwartet - und mit ihm einen Umsturz. Denn ihr Sohn ist der Retter, der Erlöser, der den Menschen Heil und Leben bringt.
2. Maria, die Mutter
Unsere biblische Maria spürt den Funken der Freude in sich, der über die Kindertage Jesu hinausreicht. Immer aber auch gepaart mit der Sorge um das Kind. Denn schon der Zwölfjährige Jesus ist eigenwillig, bleibt einfach im Tempel, um mit den Gelehrten zu diskutieren ohne Rücksicht auf die Sorgen der Eltern. Als Dreißigjähriger geht er dann vollständig außer Haus, umgibt sich nach Meinung der Familie mit fragwürdigen Gestalten. Der letzte Versuch, ihn zurückzuholen geht nach hinten los. Jesus kontert eben so hart. Die, die jetzt mit mir leben sind meine Familie und tun Gottes Willen. Das tut weh, wenn sich Eltern von ihren Kindern oder Kinder von ihren Eltern lossagen. Und der Tod des Sohnes, den muss sie auch mitansehen.
Wenn wir Maria wirklich sehen wollen, dann müssen wir schon mit ihr den Schmerz aushalten. Dann wird sie uns aber auch darin zum Vorbild, dass sie erlebt, dass Gott in ihrem Sohn ist. Sie anerkennt ihn als ihren Herrn und wird seine Jüngerin. Ja, ihr Sohn ist so ganz anders geworden ist, als sie sich das gedacht hatte. Aber er ist der Herr geworden, über Leben und Tod. Er hat das gelebt, dass er einfache Menschen angesehen hat, weil er mitgeht durch unser Leben. Er hat uns das vorgelebt, dass Niedrige erhoben werden. In seinem Namen wird aus jedem Menschen ein Gotteskind – und das ist ungeheuer revolutionär, denn jeder und jede wird nun in den gleichen Stand gehoben. Brüder und Schwester sind wir durch ihn. Und weltweit sind wir verbunden und aufgerufen uns einzusetzen für das Leben.
3. Die widerständige Maria
Daneben erleben wir auch die andere Maria. Die kämpft und nicht klein beigibt.
Gott macht das Kleine groß - das lehrt uns die Geschichte der Maria. Das Magnifikat ist eine prophetische Weissagung der Befreiung des Volkes Israel und der revolutionäre Tonfall ist nicht zu überhören. Die mächtigen Herrscher des weltweiten Römischen Reiches werden ihre Macht verlieren. Das Lied setzt eine präzise kritische Analyse der wirtschaftlichen und politischen Situation des von Rom unterworfenen jüdischen Volkes voraus. Marias Lied nimmt somit ein Herzstück der Botschaft Jesu vorweg
Es ist ein Lied, in dem das, was eigentlich nicht gesagt werden darf, herausgesungen wird: Herrschaftskritik pur.
Das Revolutionslied besingt die totale Veränderung der Zustände und Verhältnisse, ja deren Umkehrung. Den Armen und Ohnmächtigen soll geholfen werden, und zwar auf Kosten der Reichen und Mächtigen. Gott veranstaltet diese Revolution! Niemand anderes. Die Erhöhung der erniedrigten Maria ist der Beginn der Befreiung des Volkes – durch Gott.
Maria, haut zusammen mit ihrer Cousine Elisabeth auf die Pauke der Weltrevolution Gottes haut. Die beiden Frauen verkünden prophetisch Gottes Option für die Armen, die zu Unrecht zurückgesetzten, für die Ohnmächtigen. Sie kündigt die Umkehrung der Verhältnisse an und gibt der Befreiung einen Namen: Jesus
So beginnt die Geschichte Jesu hier mit Marias Lied auf einen parteiischen Gott, der nichts einfach lässt, wie es ist. Ein Gott, der sich auf die Seite der Schwächeren stellt. Maria glaubt an diesen Gott und singt ihm ihr Lied. Klar, dass Maria gerade dort zur Hoffnungsträgerin wird, wo Unterdrückung und Elend besonders groß sind, Das Magnifikat ist ein Hoffnungslied, ein Lied mit der Vision einer besseren Welt.
Die große Veränderung durch Gott, von der Maria singt, steht noch immer aus. Gott hat zugesagt, das eines Tages zu tun, und unser Auftrag ist es, dabei mitzuwirken, dass Reichtum gerechter verteilt wird, dass Niedrige erhöht werden. Im Großen und im Kleinen. Etwas Geduld und Hartnäckigkeit sind dafür nötig.
Das Magnifikat erzählt von Gottes Weg mit den Menschen. Er setzt sich für das Leben ein und wir in der Kirche sind seine Mitarbeitenden dabei und stimmen ein in die große Hoffnung der Maria:
Vielleicht stimmen wir zwischendurch auch mit Maria ein revolutionäreres Lied an als so manches Advents- und Weihnachtslied das tun.. Zwischendurch ein Lied anstimmen für das Leben für die Zurückgesetzten – vielleicht an unpassender Stelle, dafür umso lauter und überzeugter, mit Pauken und Trompeten. „Mehr“ haben Maria und Elisabeth damals auch nicht getan!
Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Er … zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.  Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.  Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. Amen.