Predigt zu 1. Petrus 3, 8-15

Predigt
[8] Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. [9] Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. [10] Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. [11] Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. [12] Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17). [13] Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? [14] Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; [15] heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, [16] und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. [17] Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.
Liebe Gemeinde,
diese Worte klingen wie ein Knigge für Christinnen und Christen -ein Anstands- und Benimmbuch. Der alte Knigge ist heute ziemlich aus der Mode gekommen. Weil seine Regeln die persönliche Freiheit einschränken? Weil anderes wichtiger ist? Es gibt doch die großen Probleme der Menschheit, von den Kirchen seit dreißig Jahren bündig formuliert: Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Unbestreitbar sind das die großen Fragen der Ethik, an denen unser Überleben hängt. Aber neben der großen Ethik gibt es eben auch die kleine Moral des Alltags. Oder sollte sie geben. Natürlich klingt der alte Knigge heute in manchem komisch, und vieles ist entbehrlich. Aber sein Buch ist überschrieben mit „Über den Umgang mit Menschen“. Und es liegt vielleicht nicht nur am historischen Interesse, dass das Buch 2016 wieder erschienen ist. Gerade im Alltag geht es um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung; ja, auch in Kleinen entscheidet sich, wo die Reise hingeht. Im Alltag verändert sich die Welt, so oder so. Und da ist dann auch jeder und jede gefragt. Außerdem leben wir Normalsterbliche eben in unserem Alltag und nicht auf der Weltbühne, hier geht es um unser eigenes Ergehen und das der Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben. Die Veränderung, die wir für die Welt hoffen und wollen: Wir gestalten sie, diese Welt, jeden Tag.
Alltagsmoral, Anstand: Brauchen wir das? Vielleicht nicht die Benimmregeln, die unser alter Pfarrer Johannes Wieder in Unterweissach beizubringen versuchte. Wie man sich würdevoll die Nase putzt.

Aber im Straßenverkehr und beim Umgang mit Müll im öffentlichen Raum, im Internet, zwischen Nachbarn und Familien, und inzwischen auch in unseren Parlamenten und auf der großen weltpolitischen Bühne: Da wünsche ich mir oft wieder mehr davon, mehr Moral und Anstand, mehr Benimm, und mehr Rücksicht.
Der Umgangston in unserer Gesellschaft hat sich verändert. Ich finde das beunruhigend. Eine Achtlosigkeit hat sich eingeschlichen, eine Rücksichtslosigkeit, eine Gewalttätigkeit, mit Worten zunächst, aber nicht immer bleibt es dabei. Das Internet zeigt es am krassesten: Anonyme Beschimpfungen die kein Maß mehr kennen, Pöbeleien, Cybermobbing, Shitstorm, Todeswünsche und Todesdrohungen. Natürlich werden die Probleme medial vermarktet, aber sie sind leider kein Fake, sie sind real. Wir haben ein Problem und zwar ein veritables. Das zeigt sich schon daran, das neue Worte in Umlauf kommen und sich durchsetzen: dissen, Cybermobbing, Shitstorm...
Das macht was mit uns. Wir spüren, wie das uns und unsere Gesellschaft verunsichert. Ich habe den Eindruck, dass wir ziemlich ratlos sind gegenüber dem Wandel des gesellschaftlichen Klimas. Es wird rauer. Es wird kälter, gegenüber Menschen und ihrem Leid, und heißer in Aggressivität. Diese Verächtlichmachung geht inzwischen bis in unsere Parlamente und die große weltpolitische Bühne hinein. Und sie ist als Methode erfolgreich. Was können wir tun?
Versuchen wir‘s einmal mit den alten Worten aus dem alten Buch. Und zwar richtig verstanden, nicht mit erhobenem Zeigefinger gegenüber den anderen. Und auch nicht als Mahnung an uns selbst. Hören wir die Worte als Worte der Hoffnung. Die Hoffnung, die in uns ist. Das steht da, einfach so. Es ist die Hoffnung auf die Verbesserung der Welt. Und die Hoffnung auf die Überwindung des Todes. Beides gehört zusammen. Denn die Welt endet nicht mit unserem irdischen Leben. Diese Hoffnung wächst aus unserem Glauben. Gott liebt diese Welt. Er lässt sie nicht fallen. Gott liebt mich. Er lässt mich nicht fallen. Gott hat uns eine Mission anvertraut. Erwählt, nennt Petrus die Christen. Priester, Könige. Licht und Segen. Gott liebt die anderen, auch die die unachtsam und voller Aggression sind. Er lässt auch sie nicht fallen. So soll es sein. So wird es sein. Ein anderes Leben ist uns und aller Welt versprochen. Daran glauben wir, darauf hoffen wir, daraus leben und handeln wir.
Es ist die Hoffnung, die alles Gute hervorbringt, die Liebe und den Mut und die Achtsamkeit und die Klugheit und die rechten Worte, und, wenn es sein muss, auch die Fähigkeit einzustecken – von Leiden ist da ja auch die Rede. Die unerschütterliche Hoffnung macht den christlichen Glauben stark, und nur die. Ohne diese Hoffnung ist alles nichts. Und in dieser Hoffnung ist vieles möglich.
Die Hoffnung, die in uns ist: Sie lebt aus der Gottesbeziehung, aus Glauben und Vertrauen in den, der uns erschaffen und erlöst hat und uns nun vorangeht. Das gibt inneren Halt und Freude und Mut und Liebe. Und da hat sich bereits etwas verändert.
Diese Worte sind für mich keine Mahnung und schon gar kein Befehl. Sie umschreiben den Lebensstil der Hoffnung. Das, was Christen aus
+strahlen. Einfach so. Und immer wieder. Und wenn diese Hoffnung uns nicht beseelt, dann – haben wir dieser Welt nichts zu sagen und nichts zu bringen. Doch wenn diese Hoffnung in uns ist, dann segnen wir diese Welt und ihre Menschen.
Das heißt nicht, dass wir perfekt sein sollen oder gar perfekt sind. Gar nicht. Aber dass da etwas in uns ist, das uns unterscheidet von Menschen, in denen diese Hoffnung nicht ist. Manchmal wird das erkennbar in dem, wie wir auftreten, was wir sagen, was wir tun. Und vor allem: Wie wir es sagen und wie wir es tun.
Wer dann einstecken muss, leiden, den Kürzeren zieht: Selig, glücklich ist sie oder er. Denn nichts kann ihr oder ihm schaden. Auf eine geheimnisvolle Weise ist unsere Seele unverwundbar, wenn uns die Hoffnung erfüllt und trägt und wir ihr treu bleiben. Natürlich spürt man den Schmerz, den eine solche Niederlage, eine solche Zurückweisung, ein solches Misslingen auslösen. Aber da gibt es etwas in uns, das stärker ist, und heller, und fester. Das kann man in solchen Situationen auch spüren. Oder danach.
Es geht also zuerst einmal um uns selbst: Ist die Hoffnung in uns? Spüren wir sie? Trägt sie uns? Strahlen wir sie ab? Oder sind wir nicht doch in den Sog der Depression geraten, der Lust an den schlechten Nachrichten, gerade über die Kirche, über uns selbst?
Dann ist in diesen Worten viel von Gut und Böse die Rede. Damit wird aber nicht die Welt in Gut und Böse eingeteilt, in schwarz und weiß, Freund und Feind. Und es wird uns auch nicht eine allgemeine Definition von Gut und Böse serviert, an die wir uns zu halten hätten. Das ist immer kompliziert und umstritten. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn es im Alltag darum geht, Gutes zu tun und Böses nicht zu tun. Da ist klar, dass es das eine und das andere gibt, und meistens wissen wir auch genau, was jetzt gut wäre und was böse. Tut das Gute. Tut das Böse nicht. Stehen wir davor oder mittendrin, dann wissen wir es. Ich mach es ganz einfach und krass: Jemanden, der am Boden liegt, ins Gesicht zu treten, ist böse. Den Arzt zu rufen, wenn jemand gestürzt ist und liegen bleibt, ist gut. Selbst wenn der das dann gar nicht will. Oder wenn auch der Arzt nicht mehr helfen kann.
Übrigens: Gutes tun wir nicht, weil Gott es geboten hat, nicht um Gottes Willen zu erfüllen. Sondern um Menschen und diese Welt nicht vor die Hunde gehen zu lassen. Das ist, ganz nebenbei gesagt, die eigentliche Art, Mission zu treiben, niederschwellig und über den Gartenzaun. Der Lebensstil der Hoffnung ist unsere Mission.
Dieser Lebensstil der Hoffnung wird im Predigttext umschrieben mit: Gleich gesinnt, einig sein, an einem Strang ziehen; mitleidig, geschwisterlich, barmherzig, demütig. Das sind alles Worte, die Wärme ausstrahlen, Zugewandtheit. Das heute gängige Wort Achtsamkeit trifft es ziemlich genau. Es geht nicht darum, sich selbst klein zu machen, wie es vielleicht das Wort „demütig“ nahelegt. Es geht darum, sich andere groß zu machen, sie zu sehen, wahrzunehmen, gelten zu lassen, anzuerkennen. Das kann man übrigens nur, wenn man selbst innerlich groß ist. Nur das Starke kann sich beugen, das Kleine muss sich wehren, sagte einmal Theophil Askani.
Aber viel schwieriger ist das andere: Was tun angesichts der Aggression, der Übergriffe, verbal und manchmal auch nicht nur verbal? Da finden wir nun klare Worte: Vergeltet nicht Schimpfwort mit Schimpfwort, Shitstorm mit Shitstorm, Kränkung mit Kränkung, Pöbelei mit Pöbelei. Schlagt nicht zurück, weder mit Worten noch mit Fäusten. Keine Vergeltung. Klingt gut. Ist schwer.
Und dann wird man noch als Schwächling oder Gutmensch belächelt.
Erstaunlich, wie unaufgeregt der 1. Petrusbrief auf diese Vorfälle eingeht. Vertrauen in die Macht des Guten könnte man das nennen. Vertrauen in die Macht des Segens. Vertrauen in die Macht Gottes. Ja, Menschen lassen sich davon beeindrucken, einnehmen, und manchmal sogar gewinnen. Und ja, manchmal misslingt das, und man muss Aggression und Benachteiligung und Spott in Kauf nehmen und steht mit leeren Händen da.
Das ist die große Versuchung von uns allen, unser heimlicher Vertrag mit dem Kreislauf des Bösen: Wir bleiben drin, anstatt auszusteigen.
Deshalb: Lasst euch nicht provozieren. So treiben wir den Hass aus unserem Leben und der Welt um uns herum.
Aus diesem Stoff ist der Segen gewebt. Uns prägt das Bild Jesu: Seine Worte, sein Leben, sein Lebensstil der Hoffnung ziehen sich durch das Neue Testament: Liebt: Gott, euch selbst, den Nächsten, eure Feinde.
Diese Hoffnung und diese Liebe sind nicht verwaschen. Da steht auch: Gebt Rechenschaft jedem. Man könnte auch sagen: Zeigt in der Sache klare Kante. Sagt, um was es geht. Sagt die Wahrheit. Aber so, dass der andere eure Hoffnung spürt, eure Liebe, vielleicht sogar eure Freude, und nicht euren Zorn. Der Stil, darauf kommt es an. Er ist das Argument. Er kann überzeugen und Bewegung ins Erstarrte bringen. Und an einer Stelle wird dieser Text nahezu überschwänglich: Segnet. Dazu seid ihr berufen. Segnet, stellt die Menschen unter Gott, schaut sie an als Kinder Gottes, über denen Gottes Augen leuchten. Damit gebt ihr den Menschen das, was sie ausmacht: Würde, Menschenwürde.
Was passiert dann, wenn die Hoffnung in uns ist und wir uns davon leiten lassen? Ganz nüchtern nennt der Text verschiedene Möglichkeiten. Wir bewirken etwas, wir verändern einen Menschen. Oder es bleibt wie es ist, wir ziehen den Kürzeren, die Arschkarte. Das Böse aber wird so oder so entmächtigt. Denn besser Böses erleiden als Böses tun. Das ist für uns besser, für die Welt besser. Es hält die Hoffnung hoch. Amen.