Predigt zu Lukas 2, 11

"Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids."
Jedes Jahr erneut predigen wir in den Kirchen darüber, dass Gott Mensch wird und wir es ebenso machen sollten und deshalb mehr Menschlichkeit unter uns einziehen möge.
Der erste, der im Evangelium dieser Nacht das Wort ergreift, ist der Engel mit seiner Botschaft an die Hirten: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr,“ Was der Engel sagt, das ist die Nachricht dieser Nacht!
Für die Hirten kommt diese langersehnte Nachricht über den Messias so überraschend und beglückend zugleich, dass sie sich gleich auf den Weg zur Krippe machen.
Wie anders ist das für uns: Denn inzwischen ist diese Nachricht schon über 2.000 Jahre alt. Wie oft haben wir die Weihnachtsbotschaft schon gehört! Nüchtern betrachtet muss man sagen: Für uns hat diese Nachricht überhaupt keinen Neuigkeitswert mehr. Sie ist eine uralte Nachricht und doch immer wieder neu verkündet. Eigentlich unvorstellbar für die Medien- und Kommunikationsgesellschaft, in der wir leben! In ihr gilt doch: Nichts Schlimmeres als Meldungen, die keinen Neuigkeitswert besitzen. Deshalb ja auch die immer schnellere Jagd nach Neuigkeiten. Und wir laufen mit, haben uns angepasst, sind fast immer online um die Breaking News mitzubekommen. „Euch ist heute der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr.“ – Das sind die Nachrichten aus der Heiligen Nacht. Aber das war einmal … Kein Wunder also, dass sich die eigentliche Nachricht der Heiligen Nacht heutzutage nicht in den Schlagzeilen wiederfindet. Geben Sie in den kommenden Tagen doch einmal bei der Berichterstattung acht, was dort über die Weihnachtsfeiern vermeldet wird. Wird es etwa morgen über die Ansprache des Papstes heißen: „Papst Franziskus verkündet, dass Gott Mensch geworden ist. In Christus ist der Retter der Welt geboren“? Sicher nicht. Die Zusammenfassungen werden höchstwahrscheinlich anders lauten: „Papst mahnt Frieden im Nahen Osten an. Papst ruft auf, Gewalt und Verfolgungen zu beenden ...“ Und unser Bischof Juli wird ebenso zitiert werden, weil die Medien eben das Neue suchen – obwohl der Aufruf zum Frieden auch nicht gerade neu ist.
Liebe Gemeinde, ist das nur deshalb so, weil die Weihnachtsbotschaft schon so alt ist und keinen Neuigkeitswert mehr besitzt? Oder liegt es vielleicht auch daran, dass viele gar nicht so recht wissen, was man mit der Aussage anfangen soll: Christ, der Retter ist da. In ihm ist Gott Mensch geworden. Deshalb nimmt man lieber die praktischen Folgerungen, die die Verkündiger ziehen, sucht man die politischen Aussagen der Predigten. Aber trifft das den eigentlichen Kern der Weihnachtsbotschaft? Sie ist doch gar keine Handlungsanweisung und kein moralischer Appell.
Der Engel sagt nicht, was die Hirten tun sollen. Er sagt, was Gott getan hat und wie er zur Welt steht.
Er sagt: Mit dieser Nacht ist nichts mehr so wie vorher. Mit dieser Nacht hat sich alles radikal geändert, weil Gott sich in dem Menschen Jesus so an diese Welt gebunden hat, dass er sich nie mehr von ihr distanziert, sie nie mehr verloren gibt. Darum geht es. Das ist die Botschaft der Weihnacht.
Und das gilt auch für mich persönlich, für jeden von uns: Gott hat sich an mich gebunden, so sehr, dass er sich nie mehr von mir distanziert. Darum geht es: Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott und ich, wir gehören zusammen. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide, Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah.
Doch woher weiß ich, ob das wirklich wahr ist? Wenn wir ehrlich sind, ist das nicht nur die Frage kritischer Zeitgenossen, sondern eine Frage, die auch der glaubende Mensch kennt. Woher weiß ich, dass der Sohn Gottes wirklich in diese Welt gekommen ist? Er lebt ja nicht mehr in der Weise unter uns, dass wir ihn sehen und berühren könnten, wie seine Eltern und seine Jünger dies konnten. Woher also sollen wir wissen, ob das wahr ist, was der Engel sagt. Es spricht ja augenscheinlich auch so vieles dagegen. Wie ist also die Wahrheit der Botschaft zu beweisen?
Tatsächlich müssen sich Glaubenswahrheiten anders beweisen als mathematische Wahrheiten. Das geht nicht am Schreibtisch und vor dem Bildschirm, sondern nur im konkreten Leben. Glaubenswahrheiten müssen sich wie alle Lebenswahrheiten im Leben als belastbar erweisen. Denn sie sind ja keine theoretischen, bloß für wahr zu haltende Wahrheiten. Vielleicht liegen also die Berichterstatter doch gar nicht so falsch, die nicht die ursprüngliche Botschaft des Engels wiederholen, sondern die nach den praktischen Konsequenzen fragen, die die Weihnachtsbotschaft hat. Ob nämlich ein Glaubensbekenntnis wahr ist, das entscheidet sich wesentlich im Leben der Gläubigen, anders gesagt: an der Wirkung, die dieses Bekenntnis auf das Leben von mir hat. Wenn ich glaube, dass es wirklich wahr ist, was der Engel den Hirten verkündet hat, dann ist die Frage richtig gestellt, was diese Wahrheit für mein Leben bedeutet! Hat sie keine Bedeutung, dann kannst ich sie, dann werden wir sie auch wieder vergessen.
Die Botschaft, dass Gott aus Liebe zu uns Menschen Mensch geworden ist und sich unlöslich mit der Welt und den Menschen verbunden hat, gewinnt erst dann Bedeutung, wenn sie sich im Leben von Menschen auswirkt. Bekenntnisse, Predigten, ja nicht einmal die festlichsten Gottesdienste allein können die Wahrheit der christlichen Botschaft unter Beweis stellen. Hinter viel Lichterglanz könnte auch nur Folklore sein und Romantik.
Die Wahrheit der christlichen Botschaft erweist sich an ihrer lebensverändernden Kraft! Gott sei Dank kennt die Glaubensgeschichte dafür unzählige Beispiele, öffentlich bekannte und unbekannte. Wir Menschen wollen immer wieder neu von der Wahrheit des Glaubens überzeugt werden, und das eben nicht durch theoretische Wahrheiten, sondern am liebsten durch das Zeugnis ihrer Zeitgenossen, d. h. durch Menschen, die dieselben Fragen haben wie sie, vor ganz ähnlichen Herausforderungen stehen, die die Freuden und Sorgen derselben Zeit mit ihnen teilen, aber eine Hoffnung besitzen, die sie nicht aus eigener Kraft heraus haben; und die ihre Weise, mit den Mitmenschen umzugehen, immer wieder vom Evangelium korrigieren lassen; denen man anmerkt, dass sie nicht total aufgehen im Hier und Jetzt, sondern Sinn dafür zeigen, dass es mehr gibt als die Dinge dieser Welt. Wir können eben nicht nur oberflächlich leben, sondern sind tief in usneren Lebenswurzeln mit dem verbunden, der uns Leben und Heil gebracht hat und das soll hinaus in die Welt, in unser leben und das unserer Mitmenschen.
Liebe Gemeinde, unter Predigern kursiert die schöne Anekdote von einem Pfarrer, zu dem nach einem Weihnachtsgottesdienst einige kamen und ihn beiseite nahmen, um ihn diskret darauf hinzuweisen, dass er nun schon fünf Jahre lang immer dieselbe Festpredigt halte. Sie vermuteten, dass dem Pfarrer dies gar nicht aufgefallen sei. Er habe halt aus Versehen immer wieder dasselbe Predigtmanuskript herausgeholt. Der Pfarrer reagierte zu ihrem Erstaunen überhaupt nicht überrascht, sondern sagte mit einem verschmitzten Lächeln: „Ja, ich weiß, dass ich schon jahrelang immer dasselbe predige, aber ihr habt ja bis jetzt noch immer nicht danach gelebt!“
Gott redet uns zu Herzen mit immer derselben alten Botschaft, Jahr für Jahr, Weihnachten um Weihnachten und hat doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir ihm glauben, ihm folgen und der Weihnachtsbotschaft wie der Osterbotschaft Taten folgen lassen. Amen
Es ist so einfach, liebe Gemeinde. Gott ruft die Menschen dazu auf, gut zu sein. Zu sich selbst, aber auch zu den anderen Menschen und zur Schöpfung. Ganz schön große Aufgabe. Da merken wir dann schon, dass das gar nicht so einfach ist.
Gott sieht die Stadt Ninive und kommt zu dem Ergebnis, dass es so nicht weitergehen kann. Und deshalb schickt er Jona: Jona wollte zuerst gar nicht Prophet sein. Vielleicht weil er dachte, wer würde schon auf ihn hören. Als Fremder im Ausland.
Heute ist das so: Gott sieht unsere Welt an und sieht, dass es so nicht weitergehen kann. Er schickt seine Boten aus – und, liebe Gemeinde, liebe Kinder, das sind wir. Wir sollen Boten des Gottes sein, der das Leben will, der Gutes will für alle.
Wenn wir uns da jetzt wegducken, dann kann es schon sein, dass es uns so geht, wie dem Jona. Gott lässt ihn nämlich nicht aus seinem Auftrag raus, sondern er ist beharrlich. Dann gibt es einen Umweg, aber wir kommen nicht raus. Wir sollen Lebensboten sein und Menschen gute Botschaft bringen.

Gott sieht konkrete Situationen heute und sagt zu uns: Geh! Er sagt zu der Schülerin: Geh zu deiner Klassenkameradin, mit der du im Streit liegst. Er sagt zu Frau A: Geh zu deinem Verwandten, der den Kontakt abgebrochen hat und frage nach! Er sagt zu Herrn B: Geh zu deinem Freund, sein Verhalten ist nicht o.k., hilf ihm wieder auf den Weg. Er sagt zu Frau C: Geh wieder in deine Gemeinde, du bist verletzt worden, aber ich möchte dich in der Gemeinschaft haben, die Gemeinde braucht dich doch mit deinen Gaben, dort ist dein Platz und dort begegnest du mir.
Er sagt zu den Leuten, die lieber den Rasen und die Blumen im Vorgarten zubetonieren, dass das für Christen nicht geht.
Er sagt deutlich, dass wir etwas unternehmen müssen gegen die Zerrstörung der Umwelt. und zwar du und ich ganz persönlich. Denn wir sind da gemeinschaftlich auf bösem Weg.
Ganz unterschiedlich klingt der Ruf Gottes in unser Leben hinein. Wir sollen konsequent sein, in unserem Einsatz für das Leben.
So ganz weit weg von uns scheint das Verhalten des Jona für uns nicht zu sein. Gott ruft und wir halten uns die Ohren zu oder gehen wie Jona sogar in die entgegengesetzte Richtung davon. Jona lässt sich seine Flucht etwas kosten. Er kauft sich eine Schiffsfahrkarte.
Lassen wir uns unsere Fluchtversuche nicht auch etwas kosten? Wir bauen an dem Gerüst der Selbstrechtfertigung, erfinden tausend Gründe, warum wir uns nicht kümmern und Gottes Ruf nicht folgen.
• Keine Zeit
• Gottesdienst, das bringt mir nichts
• Die anderen, zu denen passe ich nicht in der Gemeinde
Da schickte der HERR einen Sturm aufs Meer, der war so heftig, dass das Schiff auseinander zu brechen drohte. Ja, kann sein, dass uns Gott manchmal auch etwas schickt, das uns erinnern soll, an seinen guten Auftrag. Wir können nicht nur an uns selbst denken. Wenn wir Gottes Auftrag folgen, dann geht es uns auch in unserer Seele gut.
Vielleicht geht es uns dann so, wie Jona im Schiff – da ist dann nichts mehr – nur Gott, der ist immer da und hört, versteht, ermutigt, stärkt und beauftragt erneut.
Klar - zum Glück kommt Gott am Ende wieder mit seiner Gnade und Barmherzigkeit – auch bei uns. Sonst wären wir übel dran. Aber wir dürfen uns nicht vorschnell herausreden. Wir sind schon beauftragt, für das Leben engagiert und mit Konsequenz zu arbeiten.
Dazu braucht es Momente wie diesen jetzt – wo wir uns miteinander um Gottes Wort versammeln und uns Orientierung holen. Wo wir merken: wir sind nicht allein auf dem Weg unterwegs, sondern in einer solidarischen und starken Gemeinschaft.
Klein und Groß als Botschafter des Lebens für Glaube, Hoffnung und Liebe – das wäre schön und ein starkes Zeichen für das Leben. Davon wünsche ich mir mehr. Amen.