Predigt zu Markus 4, 30 - 33


Jesu Gleichnisse atmen ihre Schönheit und Fruchtbarkeit, die galiläische Landschaft und das Leben der einfachen Menschen hat ihn inspiriert. In verständlichen Bildern sagt Jesus, was er mit „Reich Gottes“ meint, wie es unter uns Wirklichkeit werden kann. Vor allem die Gleichnisse von Samen und vom Aussäen bleiben wohltuend offen und ermutigen zum Tun. Bibelworte, die in mir Aufbruchsstimmung wecken, die wir heute gut brauchen können. Denn leicht ist die Arbeit für die Ausbreitung und Festigung des Gottesreiches nicht. Enttäuschung steht dem entgegen. Enttäuschung vom Leben oder durch Personen.
Wie erfreulich und einladend ist dagegen das Bild vom kleinen Samenkorn, das zu einem weit ausladenden Strauch wird, der nach allen Seiten hin offen ist. So einladend will die Gemeinschaft der Gläubigen sein. Wir hören auf den Predigttext:

30 Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? 31 Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist's das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; 32 und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können. 33 Und durch viele solche Gleichnisse sagte er ihnen das Wort so, wie sie es hören konnten.

Wir leben in einer Welt, die von Gott nichts wissen will. Jesu größtes Anliegen war es, das zu ändern. Und deswegen hat er viel vom Reich Gottes erzählt.
Alles, was Jesus sagt und was er tut - ist wie eine einzige Werbeveranstaltung für das Reich Gottes.
Jesus benutzt viele verschiedene Bilder, um den Menschen deutlich zu machen, wie Gottes Reich ist und was es bedeutet. Und alles, was er tat, ließ erahnen, wie es im Reich Gottes sein wird.
Die Menschen, die dieses Gleichnis damals hörten, waren bestimmt richtig überrascht von der Bildwahl, die Jesus hier getroffen hat. Denn die gläubigen Juden stellten sich das Reich Gottes als etwas Gewaltiges und Mächtiges vor, an dessen Spitze der Messias steht, der die Feinde des Volkes Gottes vernichtet und bestraft.

Das Bild hier aber ist sanft und von Wachstum geprägt.  Das Senfkorn ist zwar faktisch nicht das kleinste aller Samenkörner, aber es drückt schon aus, dass es hier zunächst um etwas Kleines und Unscheinbares geht.
Jesus sagt, dass das Reich Gottes klein und unscheinbar ist, zumindest am Anfang. So klein wie ein Senfkorn.

Die Leute damals hatten den Vorteil, dass sie Senfkörner besser kannten als wir. Denn diese wurden in vielen Gemüsegärten gesät. Und deshalb wussten die Menschen auch von dem unglaublichen Wuchs dieser Pflanze. Drei bis vier Meter hoch kann so eine Senfstaude werden. Jesus weiß schon, warum er so ein Bild vom Wachstum gewählt hat und kein anderes machtvolles. „Das Reich Gottes ist so gewaltig, wie die Zedern des Libanon“, das wäre ein übliches Reden gewesen. Er spricht dagegen von einem kleinen Samenkorn. Auf seine Art und Weise macht er uns und den Zuhörern damals deutlich: Das Reich Gottes kommt anders, als ihr euch das vorstellt. Weil das Reich Gottes klein und unscheinbar beginnt, von den meisten Menschen unbeachtet. Aber es wächst und wächst immer weiter. Es wird immer größer und weitet sich aus. Langsam und für viele kaum merklich, aber irgendwann hat es seine volle Größe erreicht.
So ist das auch in uns einzelnen Gläubigen. Da liegt in mir der Same des Reiches Gottes. Klein und unscheinbar wurde es hineingesät, das Vertrauen auf den großen Gott.
Bei manchen wächst es schnell, bei anderen tut sich zunächst mal nichts. Da bleibt nur der Same. Aber immerhin. Er wird wachsen, wenn es Gottes Zeit ist.

Denn dafür liebt er uns Menschen viel zu sehr, dass er uns nichts aufzwingt, sondern uns Freiheit lässt.
Gottes Reich fängt klein an in mir.  Ja, es sind kleine Dinge, die uns weiterbringen. Ein kleines Gebet kann ein Anfang sein und ein Same, der großes bewirkt.
Sich dem Wort Gottes auszusetzen verändert. Ja, vielleicht ist heute so ein Tag, bei dem ausgesät wird und Großes daraus wird.

Über meinen Schatten zu springen und zu verzeihen, sogar meine Feinde zu segnen, das wäre auch so ein Same, den uns Gott schenkt und ans Herz legt.
Er verspricht uns mit diesem Gleichnis ja, dass es nicht dabei bleiben wird, sondern dass der Same wächst. In ihm liegt schon das ganze Potenzial.
Aus dem winzigen Senfkorn wird eine große Pflanze. Der Glaube, das Gottvertrauen wird sich bewähren, auch in dunklen Stunden. Die Hoffnung wird ihr Licht in der Dunkelheit erweisen und die Liebe wird Grenzen, auch die zwischen Menschen, überwinden.
Wenn man den Samen keimen lässt und Wachstum beginnt, dann wächst die Beziehung zu Gott. Sie vertieft sich, Freiheit nimmt zu und man bekommt generell immer mehr von Gott. Gottes Reich kann nicht klein bleiben, das wäre völlig gegen die verschwenderische Natur Gottes.

Gottes Reich ist überbietet nämlich unsere irdische Realität und hier sprengt Jesus den Vergleich mit der Senfstaude. Rein botanisch gesehen, hat Jesus hier ja maßlos übertrieben. Kein Senfkorn ist je zu einer so großen Pflanze geworden, dass Vögel darin nisten konnten. Vielleicht wollte Jesus nur etwas Humor in seine Predigt einstreuen, denn die Zuhörer haben die Übertreibung sicherlich gemerkt. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Jesus den übernatürlichen Aspekt des Reiches hervorheben wollte: Gottes Reich kann über das hinauswachsen, das man ihm menschlich betrachtet zutrauen würde. Ein Mensch, der mit Gott unterwegs ist kann Dinge bewirken, die ihm niemand zu getraut hätte.

Im Gemüsegarten dürfte die Senfstaude damals das größte Gewächs gewesen sein. Aber erst einmal ist das Reich Gottes etwas Kleines, Winziges, etwas, das man leicht übersehen und zertreten kann.
Schon mit der Wahl des Senfkorns als Gleichnis greift Jesus all unsere Zweifel am Reich Gottes auf. Müsste die Welt nicht besser aussehen, wenn Gott der Herr ist? Weniger Krankheiten, weniger Leid, weniger Hunger? Müsste es nicht friedlicher und gerechter zugehen? Müsste den Tyrannen nicht wirksamer gewehrt werden, wenn Gott wirklich der Herr über Himmel und Erde ist? – All diesen Einwänden gegen Gottes Herrschaft auf Erden setzt Jesus sein Senfkorn entgegen: So klein ist Gottes Reich. So winzig ist der Anfang. Du darfst nicht alles auf einmal erwarten. Gewalt, Krankheit, Not sind der Normalfall. Dass aus kleinen Anfängen Großes wird, das ist das Besondere. Dass Gottes Reich zunimmt, dass Gerechtigkeit wachsen und Frieden sich ausbreiten wird, das gilt.

Aber eben nicht so schnell. Und auch das steckt im Bild vom Senfkorn. Der Anfang der Gottesherrschaft spielt nicht in der Großstadt Jerusalem oder im fernen und noch größeren Rom. Das Reich Gottes beginnt im Garten meines Herzens. Ich kann lernen, was Glauben, Hoffen und Vertrauen heißt.
Wo Menschen sich von Jesus inspirieren lassen, da wächst Gottes Reich. Wo Kindern ermöglicht wird in Geborgenheit und Liebe groß zu werden, da breitet sich Gottes Herrschaft aus. Das Reich Gottes ist mitten unter uns, wenn Menschen sich füreinander engagieren, wenn sie sich in einem guten Geist treffen, um Gemeinschaft zu erleben, wenn sie in Chören singen und spielen, wenn sie Jungschar und Konfirmandenunterricht haben oder Kinderkirche und Gottesdienst. Alles was wir als Gemeinde tun, soll Gottes Reich auf Erden bauen. Das ist ein hoher Anspruch. Wir werden ihm nicht immer gerecht werden. Aber weniger sollten wir uns nicht vornehmen. Wir sollten das Reich Gottes nicht irgendwo in den Hauptstädten oder bei den Großmächten suchen, sondern hier bei uns, in unserer Gemeinde und bei mir zuhause.

Ein dänischer Theologe hat einmal gesagt, Glaube sei Kapitulation. Ja, Glaube ist sein lassen. Glaube ist sich hingeben und ablassen von dem Glauben, man könnte alles selbst am besten bewerkstelligen.
Glaube ist Vertrauen darauf, dass Gott tatsächlich das Reich Gottes wachsen lässt, so dass wir in dessen Schatten sitzen und ruhen oder in seinen Zweigen Nest bauen und dort Geborgenheit finden können.
Früher wünschte man sich: „Gott befohlen!“, das bedeutet, Gott das Steuer zu überlassen.

Der Same des Gottesreiches ist klein, aber er wird wachsen. Amen.