Predigt zu Johannes 1, 1-5+14

Liebe Gemeinde,
ein Kind, wenn es heranwächst, fragt irgendwann einmal: Mama, wie war das eigentlich, als ich geboren wurde. Und die Mutter nimmt sich die Zeit und erzählt vielleicht so: „Du warst ein ganz schön großer Brocken, als Du noch nicht geboren warst. Ich hatte es die letzten Wochen ganz schön schwer mit Dir.“ – „Und als ich geboren wurde?“ – „Da war die Hebamme da und hat mir geholfen, und Dein Papa war auch da.“ Oder sie erzählt: „Es war genau Mitternacht, als Du geboren wurdest, und ich durfte hinterher entscheiden, ob Dein Geburtstag am Vierundzwanzigsten oder am Fünfundzwanzigsten sein soll, und da habe ich gesagt: der Fünfundzwanzigste, da bist du immer einen Tag jünger.“
Kinder wollen es genau wissen, und wenn die Mutter klug ist, erzählt sie auch genau. „Als du geboren warst, da kam dann die Oma zu Besuch und meine Freundin. Die haben alle Geschenke mitgebracht. Aber Du hast dich noch gar nicht dafür interessiert, du hast die meiste Zeit ganz friedlich in Deiner Wiege gelegen und geschlafen.“
Auch Adoptivkinder wollen irgendwann wissen, woher sie kommen, wer ihre leiblichen Eltern waren, wo das war warum sie nicht dort aufgewachsen sind. Und Adoptiveltern tun gut daran, nach bestem Wissen und Gewissen Auskunft zu geben. Sonst bleibt dem Adoptivkind sein Ursprung immer irgendwie rätselhaft und das kann tief verunsichernd sein: Wer bin ich eigentlich?
Wir haben gestern Abend gehört, wie der Evangelist Lukas von der Geburt von Jesus erzählt. Die Eltern waren nicht zu Hause, sondern auf Reisen. Nach Bethlehem, in die Stadt Davids, die Stadt, aus der Josefs Vorfahren kamen. Platz gab es dort keinen für das Jesuskind, nur bei den Tieren in der Krippe fand er sein Bett. Aber Menschen kamen zu Besuch, Hirten aus der Gegend. Die hatten nichts mit-zubringen, aber sie lobten Gott, weil sie in dem Kind ein Gottesgeschenk für sie sahen. Und Maria behielt alles in ihrem Herzen. Und sie wird wohl so oder so ähnlich auch dem heranwachsenden Jesus später von seiner Geburt erzählt haben.
Dem Evangelisten Johannes reicht das aber nicht. Der will es ganz genau wissen und fragt nach dem Ursprung, dem Uranfang von dem der von Ewigkeit her gewesen ist. Und wenn er von dem Ursprung, von der Herkunft Jesu spricht, geht er nicht zurück nach Bethlehem, erzählt er nicht von den Umständen seiner Geburt, sondern er geht noch viel weiter zurück: an den geheimnisvollen Anfang von allem. Am Anfang, am Ursprung ist Gott. Gott, der redet. Gott, der sich mitteilt. Gott, der nichts Größeres will, als sich zu zeigen in der Welt. Und so ist Weihnachten für den Evangelisten Johannes ein Anfang, der an den Anfang von allem erinnert.
Wir hören die Geschichte nach Johannes.
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
… 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des ein-geborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

An Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Weihnachten: ein Anfang, der an den Anfang von allem erinnert. So hören wir es im Johannesevangelium: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott – und das Wort wurde Mensch und kam zur Welt und wohnte unter uns.
Gott liebt die Anfänge. Er ist ein ewiger Anfänger. Immer wieder ein neuer Anfang. Mit Jesus macht er einen Anfang, in dem sein Licht auf die Erde kommt. Sein Licht soll hineinkommen in unsere Welt, in mich. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht.
Im Rundfunk wird jede Woche eine prominente Persönlichkeit ausführlich interviewt: ein Musiker, eine Schriftstellerin, ein Politiker, eine Museumsdirektorin … Ein Teil des Interviews besteht immer aus demselben Fragen, und die ganz spontanen Antworten auf diese Fragen charakterisieren die Person, die da interviewt wird. Die Prominenten werden z. B. gefragt: „Welches Buch würden Sie niemals weggeben?“; „Was darf in Ihrem Kühlschrank niemals fehlen?“ oder: „Was war Ihre letzte gute Tat?“ – oder auch: „Was finden Sie schwerer: Anfangen oder Aufhören?“ – Stellen wir uns einmal vor, wir würden Gott solche Fragen stellen! Wir würden Gott natürlich nicht mit dem höflichen Sie anreden. Das tun wir ja, wenn wir zu ihm beten, auch nicht. Sondern wir benutzen das vertraute Du. Manche dieser Fragen an Gott zu stellen, ist natürlich sinnlos. „Wann klingelt bei Dir morgens der Wecker?“ müssen wir Ihn nicht fragen, auch nicht, was im Kühlschrank niemals fehlen darf. Aber wie ist es zum Beispiel mit der Frage: „Was ist schwerer für Dich: Anfangen oder Aufhören?“
„Ich liebe die Anfänge“, sagt Gott. Am Anfang: das Licht. Am Anfang: das Wort. Am Anfang: der Mensch. Am Anfang: die Liebe. Am Anfang: ein Kind. Jeder dieser göttlichen Anfänge bringt etwas Wunderbares hervor. Gott liebt die Anfänge. Und jeder seiner Anfänge bringt etwas so Wunderbares hervor, dass wir nur staunen können. - Aber es scheint so, dass Gott überhaupt nicht aufhören kann. Er hört nicht auf, uns zu suchen, uns nachzugehen. Gottes Sehnsucht zum Menschen ist so groß, dass er nie aufhört, uns zu suchen.
Wir können die ganze Heilige Schrift einmal unter dieser Überschrift lesen: Gott sucht dem Menschen. Zum Beispiel von Abraham und Sara und ihrem späten Kind. Ein Anfang, ein Aufbruch in unbekanntes Land, der Beginn einer Segenskette. Oder vom Volk Israel in Ägypten: der Anfang des Weges in die Freiheit. Und immer wieder sucht er die Menschen und fängt neu mit ihnen an, auch wenn sie sich von ihm abgewendet haben. Er ist ein ewiger Anfänger. Im Anfang das Wort. Und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Und das Wort will gesagt sein. Und will gehört werden. Und will Antwort. Und Gott wurde Mensch. Und das Licht scheint in der Finsternis.
Oder nehmen wir einmal diese Interview-Frage: „Wann fühlen Sie sich am stärksten mit dem Leben verbunden? – Manche Interviewpartner im Radio antworten: Wenn ich arbeite, wenn etwas Neues entsteht, wenn ich auf der Bühne stehe, wenn ich mit meinen Enkeln zusammen bin usw. Je nachdem, was ihr Beruf oder ihr wichtigster Lebensinhalt ist. Was würde Gott wohl antworten auf die Frage „Wann fühlen Sie sich am lebendigsten“? – Ich glaube, er würde sagen: In der Liebe. Wenn ich liebe, bin ich am lebendigsten. Gott liebt die Menschen so sehr, dass er ganz Hingabe ist, Hingabe an die Welt. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn, also sein Allerliebstes, sein Herz, sich selbst gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Gott ist lebendig in der Liebe.
„Gibt es für Sie einen Ort des Friedens?“ werden die Leute im Radio gefragt. Manche erzählen von einem Ort in der Natur, an dem sie zur Ruhe kommen: ein Platz hoch in den Bergen oder am Meer. Einer erzählt von einem Kloster, ein anderer von einer Kathedrale in Frankreich. Manche auch von dem Haus, in dem sie mit ihren Liebsten wohnen: mit Partnerin und den Kindern. Und manchmal mag gerade hier mehr der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein. Möge es doch so sein, dass wenigstens im engsten Kreis Frieden ist. – „Gibt es für Sie einen Ort des Friedens?“ Was würde Gott auf diese Frage antworten?
„Weihnachten“, lautet seine Antwort: Gott wird Mensch. Der Schoß der Maria wird zum Ort des Friedens! Und das Herz eines jeden Menschen, der diesen Mensch gewordenen Gott anschaut, wird zum Ort des Friedens. Die himmlischen Heerscharen verkündigen „Friede auf Erden!“ Das Licht scheint in der Finsternis. Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit. Friede auf Erden, der immer neue Anfang des Friedens. Gibt es für Gott einen Ort des Friedens. Es ist sein Herz, das sich hingibt in Liebe. 
„Was war ihre letzte gute Tat?“ heißt eine der Interviewfragen. O, was könnte Gott da alles aufzählen?! Kaum auszumalen. Und die letzte gute Tat liegt vielleicht erst wenige Augenblicke zurück. Da hat er einen traurigen Menschen neben mir berührt und getröstet. Und vorhin hat er sanft seine Hand dazwischen gelegt, als ein Streit zu eskalieren drohte. Und einem, der kein Zuhause hat, hat er die Tür geöffnet. Und einen Sterbenden hat er in sein Licht geholt. – Und eine gute und grundlegende Tat war schon vor zweitausend Jahren und sie wirkt noch immer fort und fort: dass er beschlossen hat, bei uns zu wohnen und unser Leben zu teilen und in eine ewige Perspektive zu stellen. Denn das Wort war Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.
Und noch so eine Frage aus dem Rundfunk: „Woran glauben Sie?“, werden die Prominenten gefragt. Manche glauben an das Glück, viele glauben – trotz aller Bosheit und Niedertracht unter den Menschen – noch immer an das Gute im Menschen. – Und woran glaubst du, Gott? Bist du noch nicht verzweifelt an den Menschen? Wenn du siehst, was sie deiner Schöpfung antun. Und wie sie den Menschen, dein wunderbares Ebenbild entstellt und verzerrt haben? Hast du noch nicht genug von uns Menschen? – So unbegreiflich das auch sein mag: Gott glaubt noch immer an mich, an jeden Einzelnen! Er setzt noch immer auf mich und uns. Er hat uns noch nicht verworfen. Er hat sich gezeigt in der Welt: in seinem einziggeborenen Sohn, in einem menschlichen Angesicht.
Und alle, die in ihm Gottes Herrlichkeit, Gottes Schönheit und Liebe, Gottes Gnade und Wahrheit, seine Zuneigung für die Welt erkannt haben, denen gab er die Möglichkeit, Gottes Kinder zu werden und neu anzufangen.
Auch wenn wir keine Prominenten sind, keine Schauspielerin, kein Dirigent, kein Politiker - was würden wir wohl auf diese Interviewfragen aus dem Radio antworten?
„Wann fühlen Sie sich am lebendigsten?“ – Bei der Arbeit oder beim Bergsteigen? In den Kämpfen des Alltags oder im Kreis der Familie? – Oder könnten wir auch sagen: in der Liebe? Wann fühlen wir uns am lebendigsten?
Was im Kühlschrank niemals fehlen darf, vor allem in diesen Festtagen nicht oder welches Buch wir niemals weggeben würden, das sagt auch eine ganze Menge über die Art, wie wir leben und was uns wichtig ist. Sie könnten ja einmal ganz für sich darüber nachdenken.
„Was war ihre letzte gute Tat?“ – Wenn Ihnen dazu auf Anhieb nichts einfällt oder wenn sie sich sagen: O, die liegt aber schon ziemlich lange zurück? – keine Sorge: heute ist auch noch ein Tag.
Und „Gibt es für Sie einen Ort des Friedens?“
Der „Ort des Friedens“, das ist immer der Ort – oder der Moment – wo Gott mich trifft: im Glanz eines sonnigen Wintermorgens …, im Zusammen-sein mit einem anderen Menschen …, in ein paar Augen-blicken der Stille mitten im Lärm des Alltags …, in einem Wort von Gott, das mich in der Tiefe erreicht und tröstet. Das sind Orte des Friedens.
Und schließlich: „Woran glauben Sie?“ – Also: Ich glaube: es ist noch nicht alles verloren. Ich glaube, es gibt noch Hoffnung. Ich glaube: das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis, so mächtig sie auch ist, wird es nicht totkriegen. Ich glaube, Gott liebt die Welt und die Menschen so sehr, dass er sie nicht lassen kann. Ich glaube, Gott liebt die Anfänge, und darum liebt er es auch, noch einmal neu anzufangen mit uns, mit mir, mit dir, heute, morgen, wenn wir alt sind – und auch noch im letzten Augenblick unseres Lebens.
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
… 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des ein-geborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Amen