Predigt zu Offenbarung 1, 9-18

Liebe Gemeinde,
heute nehme ich Sie mit auf eine Reise. Zunächst dorthin, wo der heutige Bibeltext entstand: Auf die Insel Patmos in der Ägäis. Rhodos ist gar nicht so weit weg. Da sitzt Johannes, der Verfasser des letzten biblischen Buchs, der Offenbarung. Er wohnt da unfreiwillig; man hat ihn dorthin abserviert – weg aus Kleinasien, wo er als christlicher Prediger den römischen Landesherren lästig geworden war.
Nicht nur ihm hat man übel mitgespielt. Auch für die wachsende christliche Gemeinde wurde ums Jahr 90 vieles schwieriger: Ablehnung, Kritik, und sogar der Verfolgung waren sie ausgesetzt.
Johannes predigte von Jesus als Herrn der Welt und erlebte gleichzeitig, dass die Römer das Sagen hatten. Ich denke, ihm werden da so manche Fragen durch den Kopf gegangen sein.
Und da passiert etwas, was Johannes schwer in Worte fassen kann. Aber doch hat er es aufgeschrieben. Ich lese aus dem ersten Kapitel der Offenbarung:

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.
10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune,
11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter
13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme
15 und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen;
16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Liebe Gemeinde,
eine außergewöhnliche Bilderwelt tut sich da auf. Mir scheint es so, als hätte Johannes für einen Moment hinter die Kulissen der Welt geblickt. Einmal erkennen, was eigentlich los ist. Ein bisschen Himmel sehen. Das würden wir auch gerne einmal, weil auch wir so vieles nicht verstehen können.
Johannes aber erkennt offenbar Dinge, die man nur schwer in Worte fassen kann – und so entstehen Bilder und Vergleiche, die sehr ungewöhnlich und fremd klingen. Und doch hat das für ihn einen großen Wert! Weil er nun mehr versteht, als bisher.

Eben war er noch von Zweifeln zerfressen: Denn die Römer zeigten offen ihre politische Macht und unterdrückten die Christen. Jesus wurde dabei zur geschichtlichen Randfigur: ein Wanderprediger aus Galiläa, mehr nicht. Noch dazu elend am Kreuz hingerichtet.

Und jetzt dieser Blick hinter die Kulissen der Welt. Da sieht er, was bei Jesus einen tieferen Sinn hat:
• Er sieht Jesus Christus mit einem goldenen Gürtel über der Brust – nur Könige trugen ihn so. Damit beantwortet der Himmel die Machtfrage klar: Nicht der Kaiser, sondern dieser Christus ist der Herr des Planeten.
Das gilt auch uns: Nicht die Mächtigen dieser Welt haben das letzte Wort oder allumfassende Macht. Die hat ER! Nicht das , was uns beherrscht, uns ängstet, uns klein hält hat im tiefsten Bedeutung, sondern der Herr des Lebens, zu dem wir gehören.
• Augen hell wie Feuer: Leuchtende Augen, denen nichts verborgen ist. Einer der auch in die finsteren Ecken schaut. Auch das verborgene himmelschreiende Unrecht wird von ihm gesehen. Alle, die still leiden, denen niemand Glauben schenkt oder denen niemand zu Hilfe eilt: Er durchdringt alle Mauern des Schweigens und der Lüge. Sein Blick macht es hell. Er versteht und teilt, begleitet und stärkt.
• Seine Füße, wie glühendes Gold. Das sind nicht nur die staubigen Sandalen eines Wanderpredigers. Hier hat einer einen festen Stand. Ihn wirft nichts und niemand um. Ich erinnere mich an die Erzählung vom Koloss auf tönernen Füßen, der prächtig und goldglänzend dastand, aber seine Füße waren aus Ton. Und ein einzelner Stein zerbrach die Tonfüße und alles krachte zusammen.
Dieser Christus mit Goldenen Füßen steht sicher – für ewig. Wer bei ihm ist, der hat tragenden Grund. Wer zu ihm gehört, den wirft so schnell nichts um.
• Jesu Stimme, donnernd wie ein Wasserfall: Seine Worte werden nicht überhört. Wenn ER zu uns spricht, spüren wir das und können es nicht leicht überhören. Wenn Gott uns anspricht, dann sind seine Worte Schöpferworte, die im Nichts etwas schaffen können. Die aus Hoffnungslosigkeit Perspektiven schenken.
• Dazu das Schwert, das aus dem Mund Jesu kommt. Wohl das ungewöhnlichste dieser Bilder. Auch da geht es um die Qualität von Jesu Worten. Was er sagt, ist treffend und richtet. Das tut manchmal auch weh, weil es unsere wunden Punkte trifft. Ein Schwert, das scharf genug ist und um zwischen Recht und Unrecht zu trennen und zwischen richtig und falsch. Klare Worte statt Wischiwaschi.

Liebe Gemeinde,
so sieht Johannes Jesus Christus in diesem Moment. Der mächtige Christus, Ehrfucht-gebietend. Der freundliche Jesus mit seinen 12 Jüngern, der Liebe predigt, ist die eine Seite. Aber in diesem netten Jesus von nebenan steckt eben noch ein ganz anderer. Unsere Konfirmanden und wir alle kennen es aus dem Auftrag zur Taufe: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Er hat alle Macht. Das heißt auch, er kann immer helfen. Nicht immer so, wie wir uns das wünschen, aber immer so, dass es unsere Seele stärkt. Ja selbst in der tiefsten aller Krisen, steht er uns bei. Vielleicht lernen wir daraus? -  und wenn es nur das ist, wieder aufzustehen.

In dieser Vision wird das sichtbar: Jesus, der Sohn Gottes und Herrscher der Welt.
Ich habe Ihnen vorhin eine Reise angekündigt. Sind Sie bis zum Ende mitgereist zu diesem ganz anderen Jesus? Oder war es zu viel? Waren die Bilder zu unverständlich, zu krass, zu massiv?
Für Johannes jedenfalls, der das nicht vorgelesen bekommen hat, sondern selbst erlebte, war es zu viel:
„Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot” – so schreibt er. Er wird förmlich erschlagen von der Wucht dessen was er da vor seinem inneren Auge sieht.

Und was geschieht? Jesus beugt sich zu ihm herab, berührt ihn mit seiner rechten Hand. „Fürchte dich nicht“ – In finde diese Szene typisch für Jesus.
Dieser heilige, unwirklich-unnahbare Herr schlüpft heraus aus dieser himmlischen „Macht-und-Pracht-Szene“ und legt fürsorglich seine rechte Hand auf den Menschen Johannes. Er sorgt sich um ihn.
Der Ewige berührt uns vergängliche Menschen.
Da erkenne auch ich wieder die Züge des Jesus von Nazareth; der Kranke geheilt hat, der Kinder gesegnet hat, der Außenseiter mit hineingenommen hat in die Gemeinschaft. Jesus Christus: Mensch und Gott!
Selbst da, hinter den himmlischen Kulissen. Da, wo Gottes Herrlichkeit kein Ende kennt, da ist Jesus Christus kein anderer, als der, den die Menschen kennen gelernt haben:

• Als Herr der Welt und zugleich als Helfer des einzelnen.
• Derjenige der die Macht des Todes zerbrochen hat, und den gleichzeitig meine kleinen und großen Sorgen interessieren und der mitträgt.
• Einer, der über den Mächten dieser Welt steht – und der zugleich mein Gebet hört.
• Der Große, der für mich Kleinen da ist: Er sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Amen.