Predigt zu Johannes 5, 1-6

Es war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. Nun befindet sich in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der auf hebräisch Bethesda genannt ist, mit fünf Säulenhallen. In diesen lag eine Menge von Kranken: Blinde, Lahme, an Auszehrung Leidende, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Denn zu gewissen Zeiten stieg ein Engel in den Teich herab und bewegte das Wasser. Wer nun nach der Bewegung des Wassers zuerst hineinstieg, der wurde gesund, mit welcher Krankheit auch immer er behaftet war.  Es war aber ein gewisser Mensch daselbst, der achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus diesen daliegen sah und erfuhr, dass es schon lange Zeit so mit ihm war, sagt er zu ihm: „Willst du gesund werden?“ Der Kranke antwortete ihm: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich bringt. Wenn ich aber komme, steigt schon ein anderer vor mir hinab.“ Jesus spricht zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett auf und geh!“ Und alsbald ward der Mensch gesund und nahm sein Bett auf und ging.
Liebe Gemeinde,
diese Erzählung beobachtet sorgfältig, was da geschehen ist: sie beschreibt einen Ort, an dem viele passive Menschen sind, die einfach nur liegen und warten. Der Schafteich war eine Anlage von Wasserbecken. Manchmal wurde Wasser von einem Becken in das andere geleitet, dann bewegte sich das Wasser. Die Vorstellung war offensichtlich, dass hier etwas Überirdisches geschieht, Wunder. Die Menschen tun von sich aus nichts an diesem Teich. Sie warten, bis etwas von außen geschieht. Bis sich das Wasser bewegt. Erst auf dieses äußere Zeichen kommen auch sie in Bewegung. Dann aber muss es plötzlich ganz schnell gehen. Dann wollen sie alle die ersten sein.
Diese Szene ist aufschlussreich. Eine Schlüsselszene und ein Gleichnis für unser Leben. Eine objektive Erklärung gibt es nicht. Aber das bewegte Wasser ist ganz offensichtlich der Anlass, alle Kräfte zu mobilisieren. Und Glaube, eine positive Hoffnung kann allein schon Menschen wirklich heilen. Das wissen wir auch. So weit so gut.
Aber das Wunder hat eine Kehrseite: Zum einen liegen Menschen hier offensichtlich sehr lange. Denn es ist eine Menge an Kranken. Nur von Zeit zu Zeit bewegt sich das Wasser. Und nur der Erste hat dabei eine Chance zu profitieren. Bei aller Lähmung der lange da Liegenden: sie begeben sich in eine Konkurrenz und in ein Wettbewerbssystem. Nur einer kann gewinnen.
Und so hat der eine, der hier Jesus begegnet, eigentlich längst die Hoffnung aufgegeben. Er kann nicht mithalten. Er sieht das ganz realistisch: „Ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser bewegt worden ist, in den Teich bringt. Wenn ich aber komme, steigt schon ein anderer vor mir hinab.“ – Und trotzdem liegt er da! Liegt er da schon lange. Und liegt er da immer noch. Warum tut er das?
Wir verhalten uns manchmal so ähnlich: Wir haben unser Leben eingerichtet. Es läuft so vor sich hin. Aber es bewegt sich nicht mehr viel. Bei allem was uns unangenehm ist, bietet unser Leben, so wie es ist, doch einige Sicherheit, auch einigen Komfort. Keine andauernde Herausforderung. Wir haben uns eingerichtet und wir haben uns abgefunden. Willkommen am Teich Bethesda!
Aber nun passiert etwas: Bisher wird in der Vergangenheit erzählt, wie es in Erzählungen der Fall ist: „Da war ein Mann, der hatte schon lange….“  Aber nun kippt die Erzählung in die Gegenwart. Einer spricht den lange Liegenden an und fragt ihn: „Was willst du jetzt wirklich? Willst Du hier liegen bis ans Ende deiner Tage? Oder willst Du gesund werden?“ Der Mann antwortet ausweichend. Er sagt nicht, was er will. Er flüchtet sich vielmehr in Ausreden und begründet, warum alles nicht klappt. Warum er wirklich nichts machen kann. Er hat nicht einmal mehr einen eigenen Willen. Und er hat nicht das Gefühl, dass er selbst etwas bewegen kann. Willkommen im Club der Alternativlosen.
Was Jesus macht, ist nur eins: dass er den Mann in seine eigene Kraft zurückruft: „Steh auf, nimm dein Bett auf und geh!“ – Das, so diese Geschichte, ist heilsam für den Mann. So angesprochen zu werden. Ja klar, da kommt ein Schöpferwort dazu, kraftvoll. Aber auch das ist schon viel: nach so vielen Jahren zugetraut zu bekommen, dass er nicht auf eine Bewegung von außen warten muss, sondern dass er sich selbst bewegen kann. Aufstehen. Etwas aufnehmen. Etwas tragen und gehen.
In heutiger Sprache nennt man dieses Bewusstsein, das Bewusstsein von der eigenen Selbstwirksamkeit. Die innere Überzeugung: Ich kann etwas bewirken.
Das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist eine von sieben Säulen, die zu unserer seelischen Gesundheit beitragen, wie Psychologen sagen. Diese sieben Säulen bilden zusammen eine Säulenhalle der anderen Art. Gerne möchte ich Ihnen diese sieben Säulen vorstellen:
Da ist zuerst: Die Akzeptanz – ich akzeptiere erst einmal, was der Fall ist. Ich leugne nicht und ich beschönige nicht. Ich weiche nicht aus.
Das zweite: Optimismus – ich schaue vertrauensvoll in die Zukunft. Ich glaube und hoffe, dass die Dinge gut werden können.
Die dritte Säule heißt: Selbstwirksamkeit. Das Vertrauen geht nicht nur nach außen. Es geht auch in mich selbst.
Die vierte Säule unserer seelischen Gesundheit ist: Eigenverantwortung. Ich gehe nicht in die Opferrolle. Ich selbst bin verantwortlich für das, was geschieht oder nicht geschieht.
Die fünfte heißt: Netzwerkorientierung. Das ist der Gegenentwurf zur Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft. Ich muss die Dinge nicht allein tun. Ich muss sie auch nicht in einer Konkurrenz gegen andere tun. Wir können kooperieren. Und das macht erwiesenermaßen viel glücklicher als Konkurrenz. Die Kirche ist so ein Netzwerk.
Die sechste Säule ist: Lösungsorientierung. Ich bleibe nicht hängen in der Erklärung, warum alles nicht geht. Sondern ich frage: Wie sieht die Lösung aus. Oder zumindest, wie sieht ein erster Schritt in Richtung Lösung aus.
Und schließlich 7.: Zukunftsorientierung: Ich entwickle ein Bild von einer Zukunft, in der ich leben möchte, und schaue, was ich dazu tun kann.
Die sieben Säulen der seelischen, geistigen und sicher auch der körperlichen Gesundheit. Sie sind so etwas wir unsere innere Säulenhalle. Man kann sie sehr gut den Haltungen des Lahmen von Bethesda gegenüberstellen. Und man kann sie mit der Intervention Jesu, die zu seiner Gesundung führt, verbinden.
Die Begegnung Jesu mit dem Lahmen in der Säulenhalle von Bethesda ist der Wendepunkt in seinem Leben. Jesus konfrontiert ihn mit der Frage „Willst du gesund werden?“ Man könnte sagen: Was für eine Frage? Warum liegt er denn sonst da? – Aber die Frage ist eben die alles entscheidende. Denn der Mann liegt zwar da, aber so, wie er daliegt, wird er faktisch nie gesund werden. Was also will er wirklich? Jetzt. Hier und heute. – „Was willst du wirklich?“ Diese Frage ruft uns in die Gegenwart, die die einzige Zeit ist, die wir gestalten können.
Sie führt uns dahin, dass wir unsere eigene innere Säulenhalle zu bauen beginnen, mit den Haltungen, die unsere seelische Widerstandkraft stärken und uns gesund machen.
Ist das ein Wunder, wenn es geschieht? Ja, ist es! Wenn Menschen aus ihrer Resignation und Lähmung zurückfinden in eine eigene Bewegung, die sie selbst wählen. Wenn ich merke, dass es auf mich ankommt und dass ich etwas tun kann; wenn ich aus der Verlorenheit heraus in eine Präsenz komme, ist das vielleicht auch ein Wunder. Für mich ein großes! Was könnte Glaube Schöneres bewirken?
Glaube und Religion können ganz verschieden aussehen. Sie können Angst machen oder Hoffnung. Sie können Menschen klein machen oder aufrichten. Sie können lähmen oder beleben. Diese Geschichte vom Teich Bethesda, die den Hilflosen in seine eigene Kraft bringt, ist eine der heilsamsten in den Evangelien.
Eine UTOPIE? – Ja, aber eine sehr reale.
Amen.