Predigt zu Hebräer 13, 8+9

8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Liebe Gemeinde,
heute ist Zeit, um zurückzuschauen. Zugleich Zeit, um das Neue schon in den Blick zu nehmen. Am Silvesterabend probieren wir Rückblick und Ausblick, und damit auch in diesen Gottesdienst. Was war im schon fast vergangenen Jahr wichtig, was werden wir in Erinnerung behalten? Was hat uns im politisch-gesellschaftlichen Bereich, was hat uns als Kirchengemeinde und was uns als einzelne, im Privaten bewegt? Jede und jeder von uns hat seine eigenen Eindrücke und Erfahrungen, die er ordnet, gewichtet und ablegt, aus denen er selbst eine Bilanz ziehen muss.

Als Kirchengemeinde haben wir uns in diesem Jahr mit vielerlei beschäftigt. Einige Stichworte:
• Gartenschau im Remstal: offene Martinskirche + Nacht der offenen Kirchen
• Bausachen: U 12 Klappläden, energetische Sanierung im PGH und Toiletten,
• Gemeindereise Sizilien
• Faire Kirchengemeinde
• Regenbogengemeinde
• Das Zusammenwachsen mit Hohenacker und Bittenfeld zum Beispiel bei einem Gemeindeabend
• Kirchenwahlen

Diese Erfahrungen begleiten uns in das neue Jahr, zusammen mit dem, was uns im persönlichen Bereich und in unserer Gemeinde beschäftigt. Es ist gut, dass es durch den Jahreswechsel eine Zäsur gibt und wir uns von bestimmten Erlebnissen befreien, sie als abgeschlossen betrachten können: Das ist erledigt. Auf der anderen Seite macht uns das schon wieder vergangene Jahr deutlich, dass wir im Fluss der Zeit stehen, der sich immer weiter bewegt und den wir nicht aufhalten können. Wir werden wieder ein Jahr älter - wo bleibt unsere Lebenszeit, was können wir für die uns verbleibende Lebensstrecke erhoffen, was uns vornehmen? Was haben wir überhaupt selbst in der Hand, und was kommt über uns als Unglück oder als Geschenk? Am Abend des alten Jahres fühlen wir, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben. Wir fragen uns, was hindurch trägt in das neue Jahr, worauf wir uns verlassen können.

"The same procedure as last year" ist der Schlüsselsatz in der alljährlich zu Silvester gespielten englischen Komödie "Dinner for one". Die Wiederholung, auch wenn sie lächerlich ist, gibt Sicherheit in einer Situation, die von Abbruch und Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Obwohl von den Freunden und Verehrern der alten Dame inzwischen keiner mehr zu Besuch kommt und wahrscheinlich auch keiner mehr lebt, feiert sie weiterhin mit ihnen Silvester und lässt ein hundertmal eingeübtes Schauspiel ablaufen, bei dem ihr Butler assistiert. Im Angesicht der Leere bewahrt die Lady die Form - und lacht sich insgeheim ins Fäustchen über die Fallen, die darin für ihren alten Vertrauten versteckt liegen.

Wahrscheinlich ist diese Komödie so beliebt, weil sie uns einen Spiegel vorhält: Auch wir wünschen uns oft, dass alles "so wie immer" abläuft, weil uns das Geborgenheit gibt und uns an alte Zeiten erinnert - und dabei merken wir oft gar nicht oder zu spät, dass die Hülle leer geworden ist und das, was früher war, unwiderruflich vorbei ist. Wir klammern uns an das, was gewesen ist und hindern uns selbst daran, dem Neuen ins Auge zu sehen und darauf angemessen zu reagieren. Wir wollen das, was gut war, unendlich fortsetzen und wir müssen doch lernen, von manchem Abschied zu nehmen. Es gibt nichts Beständigeres als den Wechsel.

Gibt es in all diesem Wechsel trotzdem Verlässliches? Woran können wir uns festhalten angesichts der Vergänglichkeit? Im heutigen Predigttext aus dem Hebräerbrief heißt es: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit."
Einer bleibt sich gleich und verändert sich nicht, während alles andere dem Fluge der Zeiten unterworfen ist. So wie er früher gewesen ist, erleben wir ihn auch heute und können uns darauf verlassen, dass er in alle Zukunft hinein gleich bleiben wird.
Die Kraft, die er damals hatte, als er in Israel unterwegs war, hat er immer noch. Seine Worte können immer noch Unglaubliches bewirken, vom Tod zum Leben rufen und Menschen neue Hoffnung schöpfen lassen.

Er ist wie ein sicherer Hafen, den wir jederzeit anlaufen können, wenn die Stürme uns umtreiben. Er ist uns Zuflucht und Sicherheit. Christus ist der ständigen Veränderung nicht unterworfen, sondern aus ihr herausgenommen, er steht jenseits von ihr.

Im Hebräerbrief richtet dieser Vers sich an Christen und Christinnen, die von allen Seiten kommenden Anfragen an ihren Glauben standhalten müssen und selbst in Gefahr sind, das Eigentliche aus den Augen zu verlieren. Inmitten eines Nebeneinanders vieler religiöser Strömungen müssen sie aufpassen, dass sie nicht von anderen Lehren fortgerissen werden. Sie ringen um das, was im Zentrum des christlichen Glaubens steht, wie sie ihn kennen gelernt haben. Der Verfasser dieses Briefes stellt ihnen Jesus Christus vor Augen, an dem sie sich ausrichten sollen: So wie ihn die Apostel beschrieben haben, so wie man sich in den Gemeinden von ihm immer wieder erzählt, so war er wirklich: Er hat sich Menschen zugewandt, die in Not waren. Er hat ihnen dadurch, dass er sie gesund gemacht und ihnen ihre Würde wiedergegeben hat, gezeigt, dass Gott sie liebt wie eine guter Vater seine Kinder. Er war mit Gott so eng verbunden, dass er in göttlicher Vollmacht, handelte. Nach seinem Tod hat Gott ihn in den Himmel aufgenommen und ihm die Herrschaft über die Welt übertragen. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“
Seine Gemeinde kann sich jetzt voller Vertrauen an ihn wenden, genauso wie die Menschen es getan haben, als er noch unter ihnen lebte. Das gilt auch für die Zukunft, solange jeder einzelne lebt - bis ans Ende der Welt.

Der Verfasser des Hebräerbriefes weiß, dass es nicht einfach ist, sich auf den Glauben an Christus einzulassen. Dazu braucht es eine Sicherheit, die man nicht aus sich selbst erreichen kann.
Er sagt das so: "Es ist gut, dass das Herz fest wird, welches geschieht durch Gnade."
Wir können das Vertrauen auf Christus nicht selbst herstellen, egal durch welche Anstrengung wir es auch versuchen.

Nicht durch häufige Gebete, durch genaues Leben nach Gottes Willen und intensives Meditieren des Wortes Gottes können wir das Erreichen. Als läge das in unserer Hand – nein, so ist das nicht, auch wenn religiöse Übungen sicherlich hilfreich sein können. Wir sind und bleiben trotzdem auf die Gnade angewiesen, die uns im Innersten stärkt. Das macht es schwerer und leichter zugleich:
Schwerer, weil wir es selbst nicht in der Hand haben, uns die Handlungsmöglichkeiten genommen sind, und leichter, weil es nicht von unserem Verdienst abhängt, wir also auch keine Angst zu haben brauchen, dass wir bestimmte Anforderungen nicht erfüllen.

Was wir tun können und müssen ist, uns für Gottes Gnade zu öffnen, mit ihr zu rechnen, sie hinein zu lassen in unser Herz. Ihr täglich einen Raum einzuräumen. Indem wir uns Zeit nehmen für die Begegnung mit Gott und uns auf die Suche nach ihm machen.

Voller Vertrauen können wir uns dann an Gott wenden und mit Jochen Kleppers Lied beten:
"Der du allein der Ewge heisst
und Anfang, Ziel und Mitte weisst
im Fluge unsrer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten." (EG 64,6)

Wie eine Variation auf den Predigttext klingt das. Außerdem drückt es aus, was ich angesichts des Jahreswechsels denke: Unsere Zeit verfliegt und alles ist der Vergänglichkeit unterworfen ist. Der einzige der bleibt ist Jesus Christus.
Der Einzige, der Bestand hat.
Der Einzige, der die Übersicht hat.

An ihm können wir uns immer von neuem orientieren, egal, wo wir gerade stehen. Der Glaube an ihn kann uns gerade eine Basis dafür bieten, dass wir uns den Anforderungen des Neuen stellen und nicht darauf angewiesen sind, immer wieder zwanghaft das gleiche zu wiederholen. Wenn unser Leben in ihm einen Fixpunkt hat, brauchen uns die vielfältigen Veränderungen nicht zu verunsichern.
Gott geht, wie es bei Jochen Klepper heißt, an unserer Seite und führt uns an seiner Hand. Trotz aller Fragen, die weiterhin bleiben, können wir darauf vertrauen, dass Gott uns jederzeit nahe ist. Wir kennen ihn, er hat sich nicht verändert, seitdem er in Jesus Christus Mensch geworden ist. So wie damals will er uns auch heute zu Menschen machen, die im Bewusstsein leben, dass sie Gottes geliebte Kinder sind und daraus ihre Kraft beziehen, die auf andere ausstrahlt.

Damit unser Herz in diesem Glauben gestärkt werde, bleibe er uns gnädig zugewandt.
Darum bitten wir ihn in der heutigen Nacht und für das neue Jahr.
Amen.