Predigt zu 4. Mose 6, 22 -27

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Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Liebe Gemeinde,
„Bleiben Sie gesund“, das hört man zurzeit öfter als sonst. „Corona“ hat uns gezeigt: wir sind – egal in welchem Alter – nicht sicher vor dem Virus. Irgendwo, war es uns zwar bewusst, dass keiner von uns unsterblich ist und Gesundheit nicht auf alle Zeit gepachtet werden kann, aber „Gesundheit“ – das war ein Thema für Senioren und „Risikogruppen“. Aber jetzt ist das anders.

„Bleiben Sie gesund“, das ist fast wie ein Segenswunsch. Denn – wie soll man das schon „machen“: gesund bleiben? Gesundheit kann man ja nicht befehlen. Ein Imperativ ist da im Grunde fehl am Platz. Es bleibt ein Wunsch. Ein Wunsch dazu, den ich niemandem erfüllen kann.

„Behüte dich Gott“. Da ist der „Urheber“ noch mitgedacht: Behüten, mit Gesundheit segnen, das kann nur Gott.

Segen ist so ein Wunsch, der uns mit Gott, dem Urheber und Erhalter des Lebens in Verbindung bringt.

Für viele Gottesdienstbesucher und -besucherinnen ist darum der Segen fast das Wichtigste. Ein Zuspruch für die neue Woche ist er und ein Vergewissern, dass Gottes Name auf mich gelegt wurde.

Der Segen am Ende des Gottesdienstes ist älter als jeder christliche Gottesdienst. Er ist schon weit über 3.000 Jahre alt! Erstmals geschah dies am Ende eines feierlichen Gottesdienstes, bevor das Volk vom Sinai aufbrach. Mose hatte seinen Bruder Aaron und dessen Söhne beauftragt, ihn in Gottes Namen über dem Volk Israel auszusprechen.

„Der Herr segne dich“ – Du wirst gesegnet. Das „Du“ meint Gottes erwähltes Volk Israel. Doch auch wir und jeder und jede Einzelne sind gemeint. Das ist bei unserer Taufe geschehen, da wurden wir mit aufgenommen in das Volk Gottes. Wir wurden mit dem Kreuz seines Sohnes bezeichnet und jedem von uns wurde zugesagt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! 

Das Wort „segnen“ kommt aus dem Lateinischen: „signare“. Wir kennen das vom Fremdwort „signieren", „mit einem Zeichen versehen“. Wann und wo immer wir gesegnet werden, werden wir mit dem Kreuz, dem Zeichen des Christus signiert.

Früher kennzeichnete man zum Beispiel die Schafe mit den Anfangsbuchstaben ihrer Besitzer. So wussten die Hirten immer, wem das einzelne Schaf gehörte. Genauso empfangen wir im Segen das Eigentumszeichen Gottes! Ein Gesegneter gehört Gott – zu seinem Machtbereich, ins Kraftfeld seiner Liebe. Dieser Segen gilt: ohne Vorbedingung, ohne Vorleistung.

Das Wort „segnen“ kann im Neuen Testament auch anders übersetzt werden: Im griechischen Urtext des Neuen Testaments steht da, wo wir „segnen“ lesen: „das gute Wort sagen.“ Segnen – das geschieht, wo Gottes „gutes Wort“, wo seine Liebe weitergesagt wird. Und das muss nicht immer mit Worten geschehen: segnen, das tun Eltern am Abend am Kinderbett; das tun Ehrenamtliche in der Gemeinde – die ist dann „gesegnet“ mit vielen Engagierten.

„Der HERR segne dich und behüte dich.“ Damit gehen wir einen Schritt aus der Kirche hinaus. Aus der Gemeinschaft unter Gottes Wort hinaus in die Einsamkeit und Gemeinsamkeiten dieser Welt. Nach Hause, in unseren Alltag als Single, oder in unsere Ehe und Familie. Wir gehen an unseren Arbeitsplatz oder nach den Ferien in die Schule – auf die sich vielleicht gerade ausnahmslos viele freuen. Überall warten Aufgaben auf uns, aber auch kleine und große Sorgen und Nöte. Oft fragen wir uns da, ob und wie wir sie meistern werden. Wie gut, wenn dir und mir dann sonntags für die neue Woche zugerufen wird: Der HERR behüte dich!

Gottes Hand liegt eben nicht nur segnend auf uns, wenn wir sonntags hier in der Kirche sind. Sein Segen reicht weiter als nur bis an die Kirchentür! Er geht mit uns. Von ihm signiert brauchen wir nicht zu resignieren, aufzugeben oder gar zu verzweifeln. Wir sind behütet!

Anders als beim Wunsch „Bleiben Sie gesund“, schließt der Segen das Scheitern, das Krankwerden nicht aus. Der Segen ist keine Versicherung gegen Krankheit oder Unfall. Zusage seiner Begleitung ist es. Dieser Segen gilt in allen Zeiten: den guten und den schweren.

 

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Von der Kindererziehung weiß man, wie wichtig das strahlende Gesicht von Mutter oder Vater, von anderen Menschen ist. „Das hast du gut gemacht!“, „Ich bin stolz auf dich!“, „Ich liebe dich“ – jedes Kind, jeder Mensch braucht solche Zeichen der Zuwendung für ein gesundes Inneres.

Ein Lob, wenn etwas gelingt – das baut auf und spornt an. Da wird man „einen Kopf größer“.

Gottes Angesicht leuchtet über seiner Gemeinde, seinen geliebten Kindern. Manchmal fällt sogar zu dieser Zeit in „geosteten“ Kirchen das Licht durch die Altarfenster auf die Gemeinde. Wie ein Zeichen dafür, dass Gottes Angesicht leuchtet über jeden und jede, die in Christus ein Kind Gottes sind. Jesus ist das uns zugewandte, voller Liebe leuchtende Antlitz Gottes. In ihm leuchtet Gott über uns wie ein „glühender Backofen voller Liebe“, wie Martin Luther gesagt hat.

„Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ In diesen „kontaktlosen“ Zeiten merken viele, wie wichtig so alltägliche Gesten wie der Handschlag sind. Nun suchen manche nach Ersatz für ein Zeichen bei der Begrüßung: eine erhobene Hand mit den ausgestreckten fünf Fingern ist ein Versuch, mit Abstand „Hallo“ zu sagen.

Auch der Segen ist so ein „Handzeichen“ auf Abstand. Es unterstreicht die Worte, die ja auch so für sich allein reichen würden. Aber mit der Segensgeste wird sichtbarer, ja fast spürbarer, was mit dem Segen gemeint ist: dass er sich auf dich und mich lege und Friede werde.

Auf jüdischen Friedhöfen sieht man auf manchen Grabsteinen zwei Hände zur Segensgeste gespreizt. Es ist das Zeichen, das hier ein Mensch aus dem Priestergeschlecht begraben ist.

In der christlichen Tradition sind alle Nachfolger und Nachfolgerinnen dieses Priestergeschlechts. Martin Luther hat darauf in besonders bildhafter Sprache hingewiesen: Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein. ... Demnach so werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. ... Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei.

Segnen dürfen alle Christen, auch mit der Segensgeste, den erhobenen Händen und den offenen Händen. Die offenen Hände des Segnenden sagen dabei bildhaft: Gott legt nun seine Hände auf deine Schulter. Er stärkt dich und gibt dir Rückenwind, Bestärkung, Zuwendung.

Aber es geht nicht nur um mich. Gesegnet werden auch die Menschen neben, vor und hinter mir. Der Segen reicht weiter als die Segenshand, weiter als der Blick der Segnenden. Wir sind gesegnet: als Einzelne und als Gemeinschaft – und die geht weiter, weiter als der Kirchenraum, weiter als die Grenzen der Ortsgemeinde. Der Segen reicht „urbi et orbi“ – für die ganze Stadt und den Weltkreis.

So unbeschreiblich groß ist der Segen des dreieinigen Gottes! Deshalb können wir ihn gar nicht oft genug für uns selber hören oder ihn über andere sprechen:

Der HERR segne dich und behüte dich;

der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Das ist auch Gottes Zusage für mich. Gott begleitet mich – auch wenn ich ihn nicht fühlen kann. Er begleitet mich, wenn ich ihn am Ende eines Gottesdienstes zugesprochen bekomme und danach in meinen Alltag hinausgehe. Amen.