Predigt zu 2. Chronik 5

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Liebe Gemeinde,
ein Gottesdienst, bei dem das Singen und das Lob Gottes im Mittelpunkt stehen. Ausgerechnet in dieser schweren Zeit!
Aber warum eigentlich nicht. Menschen haben immer gesungen – auch und gerade in schweren Zeiten. Vielleicht erlebt man da manches intensiver – auch Liedtexte.
Vielleicht ist es deshalb gut, wenn wir uns auf den allerersten Kantate-Gottesdienst besinnen. Ein bisschen etwas ist wie damals. Der Predigttext für heute erzählt davon:
2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. 12 Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
2. Chronik 5,2 – 5.12-14:
Ein Kantate-Festgottesdienst! Der erste dieser Art. Was für ein Ereignis im religiösen Leben Israels! Viele waren dabei, die Repräsentanten auf jeden Fall. Das ist anders als bei uns heute, wir sind wenige.
Heute ist das ein bisschen anders, aber Sie sind da und die anderen können später durch die Onlinegottesdienste teilnehmen, denn wir zeichnen ja auf und stellen es nachher ins Netz.
Das war damals ein Fest - davon sollte noch lange Zeit berichtet werden, monatelang, jahrelang, jahrzehntelang, nein (!) jahrhundertelang – wie wir heute wissen. Ca. 3000 Jahre ist das her.
So etwas würde sich nicht so schnell wiederholen, und deshalb musste es höchst feierlich gefeiert werden. Der Aufwand sollte der Bedeutung des Ereignisses entsprechen. Hier war nichts zu viel. Zur Ehre Gottes kann nichts zu viel sein.
Dass Gottesdienste fehlen, haben wir in den letzten Wochen gemerkt. Mit Aufwand haben wir uns durch die Zeit hindurchgerettet und der Aufwand war gerechtfertigt, wie wir in den Rückmeldung gespürt haben. So war das damals auch: der Aufwand hatte sich gelohnt.
Der Tempel, den Salomo hatte erbauen lassen, war im wörtlichen Sinne ein Haus für Gott. Hier sollte der HERR eine Wohnung bekommen. Der Tempel war nicht gemeint als ein Versammlungsort für die Gemeinde – so verstehen wir Christen unsere Kirchen, wir evangelischen jedenfalls – sondern der Tempel sollte der Ort sein, wo Gott wohnt, der Ort, wo man hin pilgern kann, um IHM zu begegnen, ihm zu opfern, ihn anzubeten, ihn zu loben und zu preisen, ihn zu feiern.
Zum Zeichen, dass Gott nun tatsächlich im Tempel Wohnung bekommt, hat man am Tag der Tempeleinweihung die Bundeslade in einer feierlichen Prozession hinaufgetragen auf den Tempelberg und dort im neu errichteten Tempel aufgestellt.
Beteiligt waren an diesem Akt die Priester und die Leviten. Beide Gruppen sollten im eingeweihten Tempel ihre jeweils besonderen Aufgaben und Funktionen erfüllen, die Priester vorwiegend im Bereich der Opfer, die am Tempel dargebracht wurden, die Leviten stärker im Bereich der Festgestaltung und der Festmusik. Gemeinsam hatten sie die Kultusverantwortung, die in der Hauptsache darin bestand, dass der Tempel seine Bestimmung erfüllt: Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk, Ort der Anbetung und des Gotteslobs, Ort der Vergewisserung im Glauben.
Nehmen wir einmal an, unsere kirchlichen Gottesdienste stünden nach wie vor in dieser vom Dienst im Jerusalemer Tempel Salomos geprägten Tradition. Was wäre für uns das Wesentliche an so einem Gottesdienst?
Mir ist im Hinblick auf den Sonntag Kantate besonders der Schlussteil unseres Predigttextes von maßgeblicher Bedeutung. Da ist vom Singen und Musizieren der Priester und Leviten die Rede, nachdem die Bundeslade im Allerheiligsten eingetroffen war. Jetzt erklingt in vereinigten Chören das Gotteslob. Wörtlich: „Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN.“
Wir haben heute eine Sängerin – und auch wenn wir nur zuhören, könnte es sein, dass auch wir im Herzen ganz und gar zustimmen.  Auch wir können eins werden im Lob unseres Gottes – auf verschiedene Weisen.
Damals sind sie vereint gewesen im Lob Gottes. In einer Gemeinschaft zusammen, die spürte: das ist jetzt einer der Momente, wo man meinen könnte, man wäre im Himmel.
Erlebnis der Einheit beim Singen und Klingen des Gotteslobs. Gotteslob führt Menschen zusammen. Und noch mehr geschieht. Wo Menschen Gott loben, da ist er plötzlich da. Fast greifbar.
Als man so den HERRN lobte, „da war das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN; so dass die Priester nicht hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“
Wenn Menschen sich darüber freuen, dass Gott an ihrer Seite ist und wenn sie sich dann gemeinschaftlich zum Gotteslob versammeln, dann passiert auch heute das, dass er in unserer Mitte ist.
Nicht so bildhaft wie eine Wolke. Aber fast greifbar ist für mich manchmal der Gott, der uns in die Arme schließt, der tröstet und stärkt, der segnet, beflügelt und unserer Seele so unsagbar gut tut.
Was sie gerade mit einer Stimme gesungen haben: „ER ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, das „beweist“ Gott gleichsam durch sein bildhaftes symbolisches Erscheinen. „Ja, ich bin tatsächlich da; wo ihr mich lobt, da bin ich mitten unter euch.“ Ein Vers aus Psalm 22 bringt es wunderbar auf den Punkt: „Gott, du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels“ (Ps 22,4).
Ich habe Rückmeldungen zu den Onlinegottesdiensten bekommen wie diese: Zusammen mit meiner Mutter habe ich die Onlingottesdienste angeschaut, weil sie mit der Technik alleine nicht zurechtkommt. Wir haben lauthals mitgesungen und dabei alle Distanzregeln vergessen. Bestimmt ein ergreifender Moment. Und mittendrin ist dann Gott mit dabei.
Gegenwart Gottes beim Gotteslob. Gottes Gegenwart will herbeigesungen werden, und zwar einmütig, mit einer Stimme.
So gesehen ist der Sonntag Kantate nicht nur der besondere Sonntag der Kirchenmusik, sondern der exemplarische Sonntag schlechthin. Nichts ist wichtiger beim Sonntagsgottesdienst als in der Gemeinschaft zu sein, eins zu werden in der Blickrichtung auf Gott, ihn zu loben. Beim Beten und Singen, beim Psalmen-Sprechen, beim Musizieren, bei der Bitte um seinen Segen lässt Gott sich erleben, zeigt er seine Güte und Barmherzigkeit.
Dieses Erleben ist die Quelle unserer christlichen Existenz. Ja, wir haben uns manchmal in den vergangenen Jahren gefragt, welchen Stellenwert Gottesdienste haben.
In der Krise haben wir es gespürt, dass sie für uns wichtig sind, weil sie einfach so gut tun. Denn wenn Gott sich uns nähert, das tut gut.
„Kommt herzu, lasst uns dem Herrn frohlocken und jauchzen dem Hort unseres Heils. Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen!“ (Ps 95,1f.) Amen.
Wp 56 Ich sing dir mein Lied (Gesang: Ute Häußermann)