Predigt zu Johannes 17, 20-26

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20Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, 23ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. 24Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. 25Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Manche erheben zum Gebet die Arme und strecken sie zum Himmel oder sie stehen nur auf und heben den Blick. Andere stehen auf, wieder andere schließen Hände und Augen und schauen nach innen. Manchmal knien sie nieder und senken das Haupt.

Jesus betet mit dem Himmelfahrtsblick. Das ist: tiefer sehen. Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da…“
„Social distancing“ – mit diesem Fremdwort wurden und werden wir in Zeiten der Corona- Krise ermahnt. „Haltet Abstand voneinander!“ Es galt, zu Hause, „im Nest“, zu bleiben und die Außenkontakte aufs Notwendige zu beschränken. Gottesdienst konnten wir nicht feiern, und an den Sonntagen schauten wir allenfalls eine Onlinepredigt. Na immerhin, so nah kamen wir dem Prediger sonst selten, wenn auch nur virtuell.

Viele haben das Aussetzen der Normalität angenommen. „Ich bin zwar allein, aber nicht einsam“. Ebenso viele litten darunter: Ist das nicht völlig überzogen und unverhältnismäßig? „Wo bleiben meine Kinder?“ fragten die Alten im Heim und sehnten sich nach Wiedersehen, nach Berührung. Eltern klagten über beengtes Wohnen: „Uns fällt die Decke auf den Kopf“. Es mussten in dieser verordneten Ferne neue, sozusagen mittelbare Formen von Nähe gefunden und erfunden werden. Manche fürchteten eine Zunahme von Gewalt in den Familien.

Jesus distanziert sich. Im Johannesevangelium kann er gar nicht aufhören, „Lebewohl“ zu sagen und sprechend den Jüngern zu helfen, mit ihrer „Angst“ „in der Welt“ umzugehen. „Es ist gut, dass ich gehe“(16,7), hat er sie eben noch getröstet. Schließlich aber betet er, er hält Fürbitte. „So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel…“ schreibt der Evangelist und leitet damit den feierlichen Höhepunkt seines Buches ein, seine letzten Worte an seine Jünger. In der Nacht des Abschieds führt der Evangelist seine Leser im übertragenen Sinn betend „hinaus“, ins Freie. Im Blick „nach oben“ wird der bedrückende Raum aufgeklappt, und wir atmen die kühle Frische des kommenden Morgens.
Jesus geht. Er entfernt sich. Sie werden ihm nicht mehr so körperlich nahe sein, wie bisher. Er wird sterben und so – in der tief blickenden Sprache des Johannes- „erhöht“, zu Gott erhöht. Was ist „gut“ daran, dass er von sich aus Distanz schafft? Werden die verlassenen Jünger „einander lieben“(15, 17) und Anfeindungen und Isolation ertragen? „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen sie auch in uns sein“.

Jesus, dessen Leben ein einziges Gebet, ein Gespräch mit Gott war, erschließt im Wort auch diese Situation. Wenn Jesus „weggeht“, „kommt der Geist“, der „Geist der Wahrheit“(14,17), die Gottesmacht, tröstet, stärkt, begabt, die uns sagt: Gott ist an deiner Seite, ja noch mehr: er ist in dir.
Beter breiten die Arme aus und strecken sie Gott entgegen… sie falten die Hände und senken den Kopf, zu schauen den inneren Himmel… sie knien und neigen das Haupt demütig zur Erde.

Aber läuft mit einer Trennung nicht alles auseinander? Jeder, der sich von jemand verabschiedet und weiterziehen sieht, wünscht sich vielleicht wie Jesus: „Hoffentlich verlieren wir uns nicht und werden einander nicht fremd! Hoffentlich bleibt die Liebe!“ Es gibt notwendige Trennungen: „Geh mit Gott, aber geh!“ Es gibt aber auch ein Auseinandergehen, das eine neue, überraschende, freudige Gemeinsamkeit verlangt und das Bedürfnis weckt, eben diese zu stiften – und sei es auf Umwegen.

Im Zusammenhang der Corona-Krise wurde uns bewusst: Gerade das körperliche Abstandhalten – der andere oder ich als Virusträger kann eine schlimme soziale Kälte bewirken, eine Art Isolationshaft, die „Angst, in der Welt“ eingeschlossen zu sein, wenn es nicht ein Gegengewicht gibt: Fürsorge, Kontakthalten, Besuche über Telefon. Nähe auf andere Weise – das feiern wir an Himmelfahrt und Pfingsten.
Neue Formen des Zueinanderkommens, sozusagen durch die Hintertür.

Für den scheidenden Jesus gehört das unbedingt zusammen: Er, der im Wort Freie, gibt seine Jünger frei, der Geist der Wahrheit wird sie erfüllen. Eben darum kennt er auch die Sorge des „guten Hirten“, der seine Schafe zur grünen Aue führt – niemand darf sie ihm „aus der Hand reißen“( 10, 28). Er „dreht sich um“, jedoch ist diese Freiheit zum Weggehen nicht selbstbezogen und vergisst uns dennoch nicht.
„Du bist zeitlebens verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast“, heißt es bekanntlich im „Kleinen Prinzen“. Bleibt die Verbindung? In der erhebenden, inniglichen Sprache des Gebets: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein“.

Ja, der Himmelfahrtsblick , er gehört hierher: Nach der langen Rede, hebt Jesus „seine Augen zum Himmel“, zum „Vater“, und legt alles, was ihn bewegt in Gottes Hände – im Hinblick auf seine Jünger und im Hinblick auf uns, die später zur Gemeinde dazu gekommen sind.
Aus der Sorge und Fürsorge der Liebe wird die Fürbitte ums Einssein. Und so sollen wir eins werden mit ihm auch im Blick in die Höhe, zum Vater im Himmel.

Himmelfahrtsblick – auch auf der „tiefsten Stufen“: „singen, beten, rufen“ (EG 123, 11). Gottesdienste auf im Grünen sind an diesem Tag häufiger als sonst. „Komm! Ins Offene!“, liebe Gemeinde! Wenn wir unten „im Irdischen“ zu ihm hinaufschauen, den Blick nicht gleich direkt auf das richten, was uns gerade bewegt, sondern zuerst unseren Blick zum Himmel reisen lassen, dann berühren wir einander auf schützenden Umwegen. Dann bitten wir: Gottes Geist  möge uns erfrischen und uns zum freimachenden Himmelfahrtstag der Frauen und Männer zusammenschließen. Aus dem „Vater“, den Jesus anruft, wird: „Unser Vater“.

Der Himmel ist zum Greifen nah. Darum feiern wir heute Himmelfahrt. Jesus möchte in uns sein, er gibt uns die himmlische Perspektive und uns in unserer Gemeinde eine gute Gemeinschaft. Und er bietet uns eine große Hoffnung an: Die Hoffnung, dass auch wir einmal eine Himmelfahrt erleben werden. Jesus hat den Himmel geöffnet und den Weg dorthin geebnet. Als Christen können wir nicht nur sagen: Der Himmel scheint zum Greifen nah. Sondern wir können sogar sagen: Wir gehören zum Himmel. Amen.