Predigt zu Matthäus 11, 28-30

Video (hier anklicken)

Liebe Gemeinde,
wir hören auf das Wort Gottes für diesen Sonntag aus Matthäus 11:
Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Die Worte, die wir gehört haben sind nicht, wie sonst häufig, mit einer anschaulichen Geschichte verbunden. Es gibt keinen richtigen Zusammenhang, keine Geschichte, in die er eingebettet ist. Und doch ist er einer der ganz wichtigen Sätze, weil er so direkt in unser Leben spricht.

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
Unzähligen Menschen ist dieser Satz Jesu schon für ihr Leben wichtig geworden. Für manche sogar als Konfirmationsspruch. Ich frage mich, in welcher Situation Jesus diesen Satz wohl formuliert haben mag.
Er liebte es ja, in Bildern zu sprechen oder Bilder aus dem Alltag aufzunehmen, um daran göttliche Kernwahrheiten aufzuhängen. Und so kann ich mir gut vorstellen, wie Jesus da so durch ein Dorf wandert und vielleicht einen israelitischen Bauern oder Händler sieht, der seinen Esel bei sich hat. Das Tier ist übervoll beladen mit Gemüse oder Tonkrügen, mit Brennholz oder Getreidesäcken. Es kann kaum laufen, schleppt sich mühsam über die staubige Straße. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel und macht die Sache noch härter für den Esel.

„Tierquälerei“ – schießt es mir durch den Kopf. „Wie kann man das Tier so überfordern? – Da muss man doch einschreiten!" Jesus hätte der Anblick dieses geschundenen Tieres nicht gleichgültig gelassen und ihm ist möglicherweise ein Vergleich in den Sinn gekommen, mir zumindest ist er eingefallen: Ja, so wie mit dem Esel, so ist das auch mit vielen Menschen. Die tragen auch schwere Lasten auf ihren Schultern, sie können sich auch unter ihrer Bürde kaum bewegen und sind dazu auch noch einer Umwelt ausgesetzt, die zusätzliche Beschwernisse mit sich bringt.

Welche Lasten tragen Sie? In Coronazeiten könnten sie mehr ins Gewicht fallen. Wenn wir gründlich genug nachdenken, wird jedem irgendein Päckchen einfallen, dass er oder sie zu tragen hat.

Was liegt da alles auf den Schultern von Menschen? Manchmal belastet das den Zuhörenden auch und er würde gerne die Last wegzaubern. Oder zumindest dazu beitragen, anders damit umzugehen, sodass der Mensch gestärkt daraus hervorgeht, aufrecht und lebensfroh und mutig weitergeht durch die Herausforderungen des Lebens.

Das gilt in
- Situationen von Grenzen
- von Krankheit und Scheitern,
- von Hass und aufgestauter Wut,
- von Sinnlosigkeit und Traurigkeit.
- von Ohnmacht und Aushaltenmüssen;
- von Isolation und unfreiwilligem Alleinsein.
- in Trennung und Tod.

Alle sind belastet, alle tragen mehr, als ihnen gut tut. Wenn wir noch einmal an den Esel denken: Natürlich tut er uns leid. Das ist menschlich. Aber hier bei all diesen Beispielen geht es um mehr als einen Esel, es geht um Menschen. Menschen, die überfordert sind, keine Kraft mehr haben, sich ihrem Schicksal ausgeliefert fühlen, nahezu unfähig sind zur Bewegung. Wie viel mehr noch als beim Esel wäre hier ein Mit-Leiden angebracht.
Jesus leidet mit. Er kann es nicht gut mit ansehen, wie Menschen geschunden werden – oder sich manchmal auch selbst schinden. Das ist menschlich und göttlich. Denn Gott leidet mit, trägt mit, hilft mit. Er weiß: Hier muss Entlastung her. So hat Gott sich seine Kinder nicht gedacht.

Die erste Botschaft, die ich in diesem Satz entdecke, hat mit Bewegung zu tun: Kommet her zu mir.
Jesus spricht eine Einladung aus. Wir sollen, wir dürfen zu ihm kommen! Das ist mir wichtig: Jesus sagt dies nicht aus einer Position der Überlegenheit heraus. Nicht vom hohen Ross her: „Wenn du was von mir willst, dann musst du schon zu mir kommen.“ Nein, ich höre da vielmehr ein Werben. Es ist eine Einladung, ein Angebot, ja fast eine Bitte. „Komm doch zu mir. Ich kann dich entlasten.“

Jesus drängt sich nicht auf. Er will nicht mein Leben mit Gewalt übernehmen, nicht Türen aufbrechen. – „Gib schon her, du schaffst das ja doch nicht alleine, ich habe es ja schon immer gewusst“, so zu sprechen und zu handeln ist ganz und gar nicht seine Art.
Jesus lässt mir die Entscheidung. Die Verantwortung bleibt bei mir. Ich kann den Schritt auf Jesus zumachen, ich kann es aber auch bleiben lassen und mich weiter alleine abmühen.

Die zweite Botschaft, die ich in diesem Satz entdecke, ist ein Versprechen: „Ich will dich erquicken.“ „Erquicken“ – ein merkwürdiges Wort, das gar nicht mehr so recht in unsere heutige Sprache passt. Aber wenn wir auf den Wortsinn hören, dann ist es ein sehr interessantes Wort mit einer tiefen Bedeutung. „Erquicken“ heißt eigentlich: „lebendig machen, frisch machen; beleben“. Wir kennen das Wort „quicklebendig“, wenn einer z.B. eine Krankheit hinter sich gebracht hat und wir erfreut sagen: Er ist jetzt wieder quicklebendig. Jesus bietet mir an, mich wieder zu beleben, mir neues Leben zu geben, mir neue Lebensmöglichkeiten zu eröffnen. Auch das möchte ich deutlich sagen: Es geht nicht darum, dass Jesus meine Lasten wegnimmt. Sein Angebot ist ein anderes: Er will mir Kraft geben, die vorhandenen Lasten zu tragen. Er will mir neue Perspektiven aufzeigen, neue Lebensmöglichkeiten trotz der Belastungen in meinem Leben. Er lädt mich ein, unnötige Lasten abzulegen, mich von Ballast zu trennen, den ich mir selbst aufgeladen habe und nun mit mir herumschleppe und der mich völlig sinnlos niederdrückt. Und wenn es nicht anders geht, wird Jesus sich einfach mit unter meine Lasten stellen, wird mir helfen, diese Lasten zu tragen. „Ich will dich erquicken“, das heißt für mich: Ich bin meinen Lasten nicht erbarmungslos und unveränderlich ausgeliefert. Schwere Zeiten müssen mich nicht in die Resignation führen, ich kann den Kampf aufnehmen, gebotene Chancen nutzen, neue Möglichkeiten suchen. Wenn mich Unfrieden mit einer Situation im Griff hat, mich langgepflegte Feindschaft blockiert, ist es höchste Zeit, mich von diesem Ballast zu trennen und versöhnlich auf den Anderen zuzugehen. Denn wer nachtragend ist, trägt Lasten. Wenn Sinnlosigkeit und Traurigkeit auf mir lasten, kann ich auf Jesus zugehen und seine Kraft in Anspruch nehmen. Er kann mich unterstützen und verhindern, dass ich zu Boden gedrückt werde. Aus Zukunftsangst kann Gottvertrauen werden!
Statt unter Leistungsdruck und Perfektionismus zusammenzubrechen hilft mir Gott, meine Begrenztheit zu akzeptieren und auch mit weniger zufrieden zu sein.
Jesus möchte meine Lasten austauschen. Die Last, die von ihm kommt, die ist erträglich. Was er uns auferlegt, ist tragbar. Er überfordert uns nicht. Was Jesus uns auflegt, ist leicht im Vergleich zu dem, was wir uns gegenseitig aufpacken oder uns selbst auferlegen.

Noch eine dritte Botschaft finde ich in unserem Text, wieder eine Verheißung, ein Versprechen, dass Jesus uns gibt: Wenn ihr meiner Einladung Folge leistet und anfangt, den falschen Ballast abzulegen, dann werdet ihr Ruhe finden. Mit Ruhe ist hier nicht Trägheit oder Langeweile oder Untätigkeit gemeint. Die Übersetzung „Hoffnung für alle“ spricht vom Frieden, den Jesus uns geben wird. Dieses Wort trifft es meiner Meinung nach sehr gut. Frieden, innere Gelassenheit, zur Ruhe kommen – wer wünscht sich das nicht?
Viele Menschen suchen nach Möglichkeiten, den inneren Frieden zu finden; und sie geben dafür mitunter viel Geld aus für allerlei Kurse und Seminare.

Unser Herr gibt’s uns kostenlos.

Frieden kann ich mir nicht wirklich selbst schaffen; Frieden ist doch in Wirklichkeit ein Geschenk Gottes: Ich werde euch Frieden geben. Umfassenden, tragfähigen Frieden kann ich mir nicht selbst erarbeiten.
Erinnern wir uns: Frieden – das war die allererste Botschaft, die Gott unmittelbar nach der Geburt Jesu durch seine Botschafter (die Engel) an die Menschen richtete. „Fürchtet euch nicht. Es kommt große Freude.! Jetzt kommt: Frieden zur Erden!“ Das ist nicht nur eine herzanrührende Botschaft zu Weihnachten. Das ist vielmehr Gottes konkretes Angebot an mich. Ein Angebot zum Aufatmen. Ich kann und soll für mein Leben tragfähigen und andauernden Frieden haben.

Gott bietet mir seinen Frieden an, jetzt und heute und mir ganz persönlich. Und er lädt mich ein, diesen Frieden zu erleben.
Die Verheißung der Worte Jesu ist nichts weniger, als dass unsere Seelen Ruhe finden werden, tiefen Frieden. Das ist Glaube. und wenn der bei uns einzieht, dann öffbnet sich der Horizint. Wir fangen an zu leben, weil der Glaube bei uns wohnt.

Amen.