Predigt zu Micha 7, 18-20

 

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Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

So geht das Buch des Propheten Micha zu Ende. Mit einem wunderbaren Lobgesang auf Gott. Erstaunlich. Manchmal, wenn ich ein Buch geschenkt bekommen habe und mit Freude anfange, es zu lesen, dann kann es mir passiere, dass ich nach 5 Seiten merke: es ist doch nicht so spannend, wie ich gehofft habe. Eigentlich möchte ich es jetzt nicht weiterlesen. Ich klappe es zu und schaue nur noch kurz, wie es denn ausgeht. Ich schlage die letzten beiden Seiten auf, lese und staune: Hoppla, das ist ja überraschend. Spannend ist das. Wie kommt denn das zustande? Und schon bin ich wieder drin im Lesen und will unbedingt herausfinden, wie das Buch zu diesem Schluss kommt.

Wir haben mit unserem Predigttext ganz nach hinten im Micha-Buch nachgeschaut, wie ausgeht. Nach allem, was wir von dem Propheten Micha und seine Zeit wissen, kann es gar nicht gut ausgehen.

Er hat den Mächtigen und Großen und Reichen gehörig die Leviten gelesen. Und das war nötig. Denn sie hatten es gewagt, den einfachen Leuten ihre Häuser wegzunehmen und die Bewohner zu verjagen. Sie haben die anständigen Leute ausgebeutet. Die Kaufleute und Händler benutzten falsche Maße und gefälschte Gewichte und betrogen die Leute nach Strich und Faden. Die Richter fällten ihre Urteile gegen Schmiergeld. Sie waren durch und durch korrupt. Und genauso die Propheten. Sie redeten dem gut zu, der ihnen was in die Tasche steckte. Und alle zusammen setzten dem noch die Krone drauf und sagten: Was kann uns schon passieren. Gott ist ja mit uns.

Micha hat im Auftrag Gottes ein schlimmes Strafgericht angedroht. Eure Stadt wird ein Trümmerhaufen werden, das Land zur Wüste und die Bewohner werden in die Fremde verschleppt werden. Es kam so! Das Heulen war laut und lang. So viele Menschen waren in der Katastrophe nicht davongekommen. Ein großer Klagegesang müsste eigentlich am Ende stehen: Herr, du hast uns bestraft für alles, was wir angerichtet haben. Wir sind am Ende. Die Trümmer sind zu groß für uns. Wir kommen nicht mehr weiter. Wir sind so wenige. Wir sind ja nur der klägliche Rest. Es ist alles trostlos.

Dieser klägliche Rest, das sind die Übriggebliebenen, das sind die, die davongekommen sind. Es sind nicht die Auserwählten. Es sind nicht nur die Guten. Keiner kann sagen: Ich habe es verdient, davonzukommen.

Immer wieder hört man davon, dass Menschen, die ein großes Unglück unerwarteter Weise überlebt haben, sich hinterher fragen: Warum ich? Warum bin gerade ich davongekommen und so viele andere nicht? Sie bekommen Schuldgefühle, obwohl sie dafür gar keinen Grund haben. Aber manche dieser Menschen tragen schwer daran. Sie erkennen nämlich, dass sie selbst es nicht mehr verdient haben, zu überleben, als die anderen. Sie sind nicht besser, sie sind nicht schlechter. Warum also gerade ich? Manche treibt das in Verzweiflung.

Auch jener klägliche Rest, der lange nach der Katastrophe nach Jerusalem zurückkehren konnten, wird sich mit solchen Fragen rumgeschlagen haben. Vielen war zum Klagen zumute.

Stattdessen aber stimmen sie am Schluss diesen überwältigenden Lobgesang an: „Wo ist ein Gott wie du es bist!“

Wie kommt das? Lassen Sie mich etwas erzählen. Ein ganzes Menschenalter war vergangen seit der Katastrophe. Die meisten, die sie verursacht haben, waren bereits verstorben in der Fremde. Und viele, die nichts dafür konnten, die nur Opfer des Unrechts waren, auch. 1000 Kilometer von der Heimat entfernt. Auch der Prophet Micha war lange tot. Aber seine Worte waren noch da. Manche von den Rückkehrern hatten sie im Reisegepäck. Ein schmales Bündel von Blättern. Sie beschlossen, dieses Büchlein jetzt zum ersten Mal herauszugeben. Denn früher durfte es gar nicht verbreitet werden. Es war nur im Untergrund zugänglich für Eingeweihte. Etwa so wie die graue Literatur der DDR-Friedensbewegung, die nur von Hand zu Hand weitergegeben wurde, oder wie die Flugblätter der Weißen Rose, der Geschwister Scholl. Sie wollten es aber jetzt zum ersten Mal allen zugänglich machen. Jeder sollte wissen, wie es zur Katastrophe gekommen war, und auch, dass da eine Stimme war, die gewarnt hatte und das Unglück vorhergesagt hatte. Bevor sie es aber verbreiteten, schrieben sie noch ein Nachwort. Sie schrieben diesen Lobgesang des unvergleichlichen Gottes auf die letzte Seite. Unser Predigttext. Sie meinten, jetzt angesichts der Trümmer sei die richtige Zeit, erst einmal einen Lobgesang anzustimmen.

Ich lese ihn noch einmal: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Gott liebt die Güte und er hält die Treue. Und er setzt seine ganze Kraft ein, um die Verfehlungen fortzutragen, auf seinen Schultern. Mit kräftigen Schritten tritt er die ganze Schuld, die wie Unkraut überhand genommen hat, zu Boden. Und zuletzt wirft er alles Ungute, alle Falschheit und allen Betrug ins Meer – auf Nimmerwiedersehen. So tut Gott. Er ist einzigartig, darum: Wo ist ein Gott wie du?

Da ist kein Laut von Strafen drin, auch keine Bitte um Verschonung. Einfach nur Lob des guten, des unvergleichlichen Gottes.

Das war mutig, nach allem, was geschehen war, Gott so zu besingen. Er ist tatsächlich nur gut. Er straft nicht. Er zerstört nicht. Und auch wenn nur noch ein Rest seines Volkes übrig ist, so bewahrt er ihn.

Es war mutig, jetzt nicht die Klage über Gottes Strafen und die Bitten um Vergebung anzustimmen.

Sie hatten sich ein Herz gefasst und aufgehört, das ganze Elend, das hinter ihnen lag und die Mühsal, die noch vor ihnen lag, Gott in die Schuhe zu schieben. Aber wenn die Katastrophen nicht Strafen Gottes waren, was waren sie dann?

Nun, alles, was an Unrecht und grenzenlosem Leid zwischen Menschen, zwischen Völkern und innerhalb der Völker sich ereignet, ist Menschenwerk.

Darum sollten wir Gott aus dem Spiel lassen, wenn es um die verheerenden Folgen von eurem verkehrten Tun geht. Der strafende Gott ist gar nicht nötig. Die Menschen machen das selbst.

Der Prophet Micha ging ganz selbstverständlich davon aus, dass Gott das böse Treiben der Oberen in Israel furchtbar bestrafen wird. Das tun Menschen immer wieder einmal. Als in Deutschland gegen Ende des Krieges ganze Städte zerbombt wurden, da dämmerte es vielen: Das sind die Strafen Gottes. Und später hieß es dann, in der Rückschau: Die Leute wandten sich wieder Gott zu. Die Kirchen wurden wieder voll.

Wäre Corona jetzt Strafe Gottes und wir würden umkehren von unseren bösen Wegen? Das wäre zwar gut, wenn wir aus der Misere lernen würden und Wege des Lebens fördern. Aber Strafe Gottes ist es eben nicht, meine ich.

Die weisen Menschen, die dieses Nachwort zum Micha-Buch verfasst haben, die dachten anders. Sie hatten ein tiefes Verständnis von der menschlichen Natur. Sie wussten: Wer Angst hat vor dem zornigen, strafenden Gott, der wird Mittel und Wege finden, seine Vergehen kleinzureden, zu vertuschen, die Schuld auf andere abzuschieben, und wenn sie dann ganz klein geworden ist, dann kann man sie ja ein bisschen zugeben, denn so ganz schlimm wird es dann ja nicht sein mit der Strafe. Es ist wie bei fußballspielenden Kindern oder Jugendlichen. Wenn eine Scheibe kaputtgegangen ist, dann kommt das alles: Ich war’s nicht. Die anderen haben viel öfter auf dieses Fenster geschossen. Der hat mich gerempelt und dann konnte ich nicht gut zielen. Auch Polizisten und Kriminalbeamte und Richter erleben dieses Spiel in ihrem Berufsalltag. Und wer sich gut rausgeredet hat, macht grade so weiter.

Doch wer sich ein Herz fasst und anfängt, den Gott der Güte liebt, über alles zu loben, der kann gar nicht anders, als die Nähe zu diesem Gott zu suchen und nach seiner Weisung immer mehr sein Leben zu gestalten. Er wird alles unterlassen, womit er sich entfernen würde von dieser Treue. Und so, wie sie dieses Gotteslob verfasst haben, wird uns klar vor Augen gestellt: Gott ist die Güte. Beständig, treu bleibt er sich. Er geht seinen Weg des Lebens mit uns allen. Es sind wir Menschen, die allzu oft einander das Leben schlecht machen – im Großen Tag für Tag dort, wo Krieg geführt wird, und im Kleinen manchmal auch.

Wir können froh und dankbar sein, dass jene uns unbekannten weisen Menschen sich ein Herz gefasst haben, und in einer schweren Zeit ihren ziemlich verzweifelten und verzagten Mitmenschen dieses Gotteslob geschenkt haben.

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Amen